Gedenken an die Weiße Rose 2021 – Rede von Heike von Borstel

2. März 2021

Liebe Anwesende,

ich begrüße Euch und Sie im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten zu unserem Gedenken an die ermordeten Mitglieder der Weißen Rose in München und Hamburg. Am Montag jährte sich die grausame Hinrichtung der jungen Widerstandskämpferin Sophie Scholl, ihres Bruders Hans Scholl und ihres gemeinsamen Freundes Christoph Probst am 22. Februar 1943 in München zum 78. Mal. Auch ihre Freunde und Kommilitonen Alexander Schmorell und Willi Graf sowie ihr Professor Kurt Huber wurden kurze Zeit nach ihnen auf die gleiche Weise ermordet. Ihre Namen finden Sie hier links auf der Gedenkplatte mit den Namen.

Sie alle kämpften während des Krieges schon längere Zeit in München gegen das Naziregime; sie schrieben nachts Parolen für die Freiheit und gegen den Krieg an Wände und schließlich schrieben sie Flugblätter. Ihre ersten 4 Flugblätter überschrieben sie mit „Flugblatt der Weißen Rose“. Darum wurden sie nach der Befreiung vom Faschismus die „Weiße Rose“ genannt.

Insgesamt waren es 6 Flugblätter gegen das Naziregime, die diese mutigen jungen Menschen und ihr Professor unter Einsatz ihres Lebens geschrieben und mit Hilfe vieler anderer mutiger Menschen im ganzen Land verbreitet haben. So kamen die Flugblätter u.a. durch die Studentin Traute Lafrentz und nach der Ermordung der Geschwister Scholl und ihrer Freunde in München durch den Hamburger Chemiestudenten Hans Leipelt und seiner Freundin Marie Luise Jahn nach Hamburg. Im Haus seiner Mutter Katharina Leipelt hatten sich schon früh regelmäßig Menschen getroffen, um sich über ihre Kritik am Regime auszutauschen. Zu den Freundinnen von Katharina gehörten Elisabeth Lange und Margarete Mrosek. Der Amtsgerichtsrat Dr. Kurt Ledien fand über seine Kinder Zugang zur Familie Leipelt. Auch im Keller der Buchhandlung „Agentur im Rauhen Haus“ am Jungfernstieg 50, deren Juniorchef der Germanistik- und Philosophiestudent Reinhold Meyer war, trafen sich immer wieder und mit der Zeit immer mehr Menschen, um über Hitler und das unmenschliche System der faschistischen Regierung zu sprechen und zu überlegen, wen sie noch in ihren Widerstand einbeziehen könnten. Auch ehemalige Schülerinnen und Schüler der einst reformorientierten Lichtwarkschule wie Margaretha Rothe, Traute Lafrentz oder der Wellingsbüttler Karl Ludwig Schneider, die sich auf geheimen Leseabenden bei ihrer ehemaligen, strafversetzten Lehrerin Erna Stahl näher kennenlernten, fanden zum Widerstandskampf. So wie auch viele Ärztinnen und Ärzte und Medizinstudent_innen am Universitätskrankenhaus Eppendorf, die sich dort candidates of humanity nannten und zu denen die Medizinstudentin Margaretha Rothe und der Medizinstudent Frederick Geussenhainer gehörten. Ihre Namen finden sie hier rechts auf der Gedenkplatte mit den Namen.

Viele von ihnen wurden auf grausamste Weise gequält und ermordet. Nach dem Krieg nannte man sie den „Hamburger Zweig der Weißen Rose“, weil es vielfältige Verbindungen gab und sie die Flugblätter auch hier lasen, abtippten und verbreiteten.

Lesen Sie diese Flugblätter und Sie werden verstehen, wie viel Mut es brauchte, sie herzustellen und zu verbreiten zu einer Zeit, in der Menschen, die Kritik am Regime übten, dies immer unter Einsatz ihres Lebens taten und viele, viele mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Und darum finden wir – und ich glaube, ich spreche hier im Namen aller Anwesenden – es unerträglich und kaum auszuhalten, wenn sich heute Menschen hinstellen und sich in ihrem Kampf gegen die Coronaregeln mit Anne Frank oder Sophie Scholl vergleichen oder wie die AfD behaupten, Sophie Scholl hätte sie heute gewählt.

Wenn ihr wie sie wäret, dann wäret ihr jetzt tot. In oftmals endlosen grausamen Folterverhören in die Verzweiflung getrieben, in kurzen Prozessen von alles vernichtenden Nazirichtern zum Tode verurteilt oder völlig ohne irgendein Verfahren, getötet mit einem Fallbeil oder in Neuengamme in einer Nacht- und Nebelaktion erschossen oder gehenkt worden. Nein, dazu habt ihr kein Recht.

Was für eine abscheuliche Verharmlosung des Faschismus und seiner Verbrechen!

Aber dass junge Menschen so etwas sagen, zeigt auch, dass wir nicht aufhören dürfen, aufzuklären, von den Menschen zu erzählen, den Toten ihre Namen und Gesichter zurück zu geben.

Ich habe in den letzten Jahren hier den tschechischen Widerstandskämpfer Julius Fucik zitiert und möchte das an dieser Stelle noch einmal tun: „Um eines bitte ich: Ihr, die ihr diese Zeit überlebt, vergesst nicht. Sammelt geduldig die Zeugnisse über die Gefallenen. Eines Tages wird das Heute Vergangenheit sein, wird man von der großen Zeit und von den namenlosen Helden sprechen, die Geschichte gemacht haben. Ich möchte, dass man weiß, dass es keine namenlosen Helden gegeben hat. Dass es Menschen waren, die ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung hatten, und dass deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war als der Schmerz des ersten, dessen Name erhalten bleibt. Ich möchte, dass sie alle euch immer nahe bleiben, wie Bekannte, wie Verwandte, wie ihr selbst.“

Und darum ist es auch gut, dass diese stilisierte Gedenk-Rose von Franz Reckert hier mitten in unserem Alltag steht, dass die Mitte unseres Dorfes den Namen der „Weißen Rose“ trägt – und das schon seit über 40 Jahren.

Und doch wäre es schön, wenn alle, die hier vorbeigehen, hier sitzen und Eis essen oder einkaufen, noch mehr von diesen mutigen Menschen, ihrem Leben und ihren Wünschen nach Freiheit, Frieden und Menschlichkeit wüssten.

Sie wollten Freiheit. Sie schrieben es nachts an die Wände – in München, Hamburg und anderswo. „Freiheit“ war das letzte Wort von Hans Scholl. Sie wollten offen ihre Meinung sagen, offen politische Diskussionen führen dürfen. Sie wollten die verbotenen Bücher lesen, die sogenannte „entartete Kunst“ kennen lernen, wollten Swingmusik hören und dazu tanzen.
Sie wollten es für sich und alle Menschen.
Sie wollten, dass die massenhafte Ermordung der jüdischen Menschen, die unbeschreiblichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den besetzten Gebieten aufhört.
Sie wollten Frieden. Wollten, dass das sinnlose Abschlachten so vieler Menschen aufhört. Einige von ihnen waren als Soldaten im Krieg oder als Medizinstudenten im Kriegseinsatz gewesen und erlebten die Grausamkeiten des Krieges und der Verbrechen gegen die Zivilgesellschaft.

Sie forderten in ihren Flugblättern zur Sabotage in den kriegswichtigen Fabriken auf, zur Verweigerung aller Aktivitäten des faschistischen Regimes.

Ich beobachte immer wieder Kinder, die ihre Eltern hierher ziehen – vor allem dann, wenn Blumen hier liegen – und Fragen stellen. Aber wer weiß schon etwas von dem Medizinstudenten Frederick Geussenhainer, der Hausfrau Margarete Mrosek oder der Chemikerin Katharina Leipelt und ihrem Sohn dem Chemiestudenten Hans zu erzählen, der Medizinstudentin Margaretha Rothe, der Hausfrau Elisabeth Lange oder dem Amtsgerichtsrat Dr. Kurt Ledien zu erzählen?

Erinnern gegen das Vergessen – gegen das Verschweigen und Verdrängen – die Lebens- und Leidensgeschichten der Ermordeten erzählen – ihnen ihre Gesichter wiedergeben – hier in unserem Stadtteil.

Das tun hier in den Walddörfern Viele und schon lange: Der Arbeitskreis Weiße Rose, der Geschichtsraum Walddörfer, der für die vielen Stolpersteine in den Walddörfern geforscht und gesorgt hat – und es immer noch tut, die Schüler_innen des Walddörfer Gymnasiums mit ihrem Lehrer, die sich am 9. November bei der Aktion „Volksdorf leuchtet“ an die Stolpersteine stellen und von den Ermordeten erzählen, die Teamer_innen der evangelischen Kirchen in den Walddörfern, die Begegnungsstätte Bergstedt und nicht zuletzt Herr Stockhecke, der coronabedingt in diesem Jahr nicht in der Koralle an die Weiße Rose erinnern durfte … um nur einige zu nennen.

Auch in der Hamburger Innenstadt im Stadthaus, der ehemaligen Hamburger Gestapozentrale …. heute die mondänen Stadthöfe, in denen flaniert werden soll und das prächtige Hotel Tortue, dessen Namen so sehr an das französische Wort Torture erinnert – auch dort hätte ein solches Gedenken stattfinden können und müssen. Versprochen waren 700 qm, vertraglich geregelt war es, aber ein winziger Raum in einer Buchhandlung ist es geworden. All unsere Mahnwachen, die Unterschriften der Angehörigen, Kinder und Enkelkinder der dort gefolterten und ermordeten Widerstandskämpfer_innen – nichts hat geholfen. Die Hamburger Politik und die Kulturbehörde hat kein Interesse, das mitten in der Stadt, dort, wo es geschehen ist, umzusetzen.

Und der nächste Skandal in Sachen Hamburger Erinnerungskultur ist gerade in den letzten Wochen bekannt geworden: Über dem Erinnerungszentrum Hannoverscher Bahnhof für die Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma und viele andere Verfolgte, die zu Tausenden von diesem Bahnhof nach Auschwitz und in die anderen Vernichtungslager transportiert wurden – heute in der Hafencity – soll ausgerechnet die Firma Wintershall DEA einziehen! Eine Firma, die Hitler schon vor 1933 unterstützt hat, sich im Faschismus ohne Ende bereichert und tausende Zwangsarbeiter_innen ausgebeutet hat; die seit 1968 zu 67% BASF, Gründer und Nachfolger der IG Farben, die u.a. das erste private Lager in Auschwitz-Monowitz gebaut und das Zyklon B lieferten, mit dem die Menschen, die aus unserer Stadt in den Zügen der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtung gefahren wurden, dann in Auschwitz vergast wurden.

So viel Gedankenlosigkeit, fehlende Empathie und Zynismus kann man gar nicht fassen – und doch ist es so. Was für ein Skandal! Was kommt denn noch?!

Also lassen wir nicht nach, halten wir die Erinnerung wach an all die Menschen, die es gewagt haben, dem verbrecherischen faschistischen Regime die Stirn zu bieten und dafür auf bestialische Weise ermordet wurden.

Erinnern heißt aber auch heute Handeln gegen Unrecht, Antisemitismus, Rassismus und Antiziganismus. Diese Worte unserer Auschwitzüberlebenden und Ehrenpräsidentin der VVN Esther Bejerano sind eine Aufforderung an uns alle.

Auch heute werden viele Menschen in ihrem Kampf gegen Rechtsextremismus, gegen Rassismus und gegen Antisemitismus beschimpft und ganz persönlich angegriffen, werden Journalist_innen in den sogenannten sozialen Netzwerken auf übelste Weise verunglimpft und ihnen ganz offen gedroht, werden Menschen auf der Straße gejagt, darf das verbrecherische System und Tun der Nazis als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnet werden – immer noch ungeahndet!

Als wir hier vor einem Jahr am 22. Februar zusammenkamen, hatte uns gerade die Nachricht von der grausamen Ermordung vieler Menschen in Hanau erreicht und entsetzt.

Und wir mussten wieder erleben, dass uns die Theorie vom Einzeltäter entgegengehalten wurde …..

Nein, das sind keine Einzeltäter – sie alle setzen konsequent um, was die geistigen Brandstifter, die hier im Land ihren widerlichen Hass und ihre Hetze fast ungestraft verbreiten dürfen. Sie sind überall: Wie oft und wie lange schon haben wir auf die Nazistrukturen in Polizei und Bundeswehr hingewiesen – erst im vergangenen Jahr mussten offizielle Stellen endlich zugeben, dass das so ist. Wir haben aufgezeigt, wo sie alle sind, haben gemahnt, was dabei rauskommt, wenn diese Menschen sogar imBundestag ihren Dreck verbreiten dürfen. Nicht nur Prominente wie der Bürgermeister Lübcke sind bedroht und ermordet worden.

Die NSU-Opfer, die Ermordeten von Halle und Hanau mahnen uns, nicht nachzulassen. Auch bei uns in Hamburg passieren jeden Tag unfassbare Dinge – wie nur eins unter vielen Beispielen der Umgang der Polizisten mit einem Schwarzen Lehrerkollegen in der Stadtteilschule Heidberg zeigt.

Wo ist und was tut der „Verfassungsschutz“, der uns alle und unsere Verfassung schützen soll? Der beschäftigt sich offensichtlich lieber mit den Antifaschistinnen und Antifaschisten, die diesem Treiben der Rechten entgegentreten – und das nicht nur an Gedenktagen, sondern immer dann und dort, wo die Nazis und andere Rechte ihre rassistischen und antisemitischen Ideen verbreiten und fast täglich Menschen von Nazis bedroht werden.

Was tut die Politik in Berlin? Die Politiker_innen rufen dazu auf, der Rechtsentwicklung in unserem Land entschieden entgegenzutreten und sprechen uns, der VVN – immerhin der größten antifaschistischen Organisation des Landes – gleichzeitig die Gemeinnützigkeit ab. Warum tut ihr das? Ist das euer „Aufstand der Anständigen“? Was sagt das über euch und eure Mahnungen, euer Gedenken an Jahrestagen?!

Nein, wir erneuern hier am Gedenkstein für euch, die ihr keine Helden, keine Märtyrer wart und sein wolltet, sondern Menschen, die wie wir alle leben, lieben und lachen und ein lebenswertes, friedliches, gerechtes Leben für Alle wollten und für ihre tiefe Überzeugung einstanden und da, wo so Viele schwiegen das Wort ergriffen und gehandelt haben – unser Versprechen, nicht zu schweigen, sondern laut zu widerstehen und zu handeln. Das Leitmotiv, das Hans Leipelt in Hamburg über das 6. Flugblatt der Weißen Rose schrieb hieß: …“ und ihr Geist lebt trotzdem weiter“.

Lassen wir ihn leben. Lasst uns den Wunsch und das Vermächtnis der Weißen Rose und aller anderen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, der Überlebenden von Buchenwald und Ausschwitz weitertragen.

Unterstützt die Forderung, den 8. Mai, den Tag der Befreiung vom Faschismus endlich zum Feiertag zu machen.

Lest die vielen Texte über diese lieben Menschen, zum Beispiel auf der Website www.stolpersteine-hamburg.de. Lest die Flugblätter der Weißen Rose, zum Beispiel auf der Seite der Bundeszentrale für Politische Bildung. Verbreitet sie weiter und erzählt von ihren Autorinnen und Autoren!

Und vielleicht legt hier dann ab und zu Blumen hier hin, denn dann kommen die Vorbeigehenden näher und stellen Fragen, die ihr dann vielleicht sogar beantworten könnt.

Und vielleicht kommt Ihr am 18.Juli zum 100. Geburtstag von Hans Leipelt hierher.

Wir beenden unsere Gedenkveranstaltungen immer mit dem Lied der Moorsoldaten. Dieses Lied ist im KZ Esterwegen entstanden.

Leider dürfen wir heute nicht laut mitsingen, aber leise unter der Maske geht’s vielleicht auch.

Hannes Wader wird es für uns laut tun.

Zuvor möchte ich gerne noch einmal die Namen der ermordeten Menschen verlesen und euch bitten, einen Moment innezuhalten und ihrer still zu gedenken:

Sophie Scholl, Hans Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf, Professor Kurt Huber, Katharina Leipelt, Hans Leipelt, Reinhold Meyer, Elisabeth Lange, Dr. Kurt Ledien, Margaretha Rothe, Friedrich Geussenhainer, Margarete Mrosek

Ich danke Ihnen und euch für ’s Kommen und Zuhören.