Das Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof darf nicht scheitern!
27. Januar 2026
APPELL: In Sorge um den Stillstand in der Realisierung des Dokumentationszentrums denk.mal Hannoverscher Bahnhof haben 44 Personen, die seit Jahrzehnten an der Verwirklichung dieses wichtigen Gedenkortes arbeiten, einen Appell an den Hamburger Senat und den privaten Investor gerichtet.
Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister Dr. Tschentscher,
sehr geehrter Herr Müller-Spreer!
Als Personen, die sich seit über zwei Jahrzehnten für ein Dokumentationszentrum in der HafenCity zur Erinnerung an die von 1940 bis 1945 erfolgten Deportationen vom ehemaligen Hannoverschen Bahnhof einsetzen, sind wir tief besorgt über Nachrichten, wonach die Realisierung dieses Projekts gefährdet ist. Nichts weniger als die Glaubwürdigkeit der Stadt und die Vertragstreue des Investors stehen hier auf dem Spiel.
Ein kurzer Rückblick: Vor über 20 Jahren begann ein mehrjähriger Beteiligungsprozesses mit Kolloquien und Werkstattgesprächen. Mit dem Wettbewerb 2009 über die Gestaltung des Lohseparks, der Erarbeitung eines Grundkonzeptes und einer Modifikation des Masterplans HafenCity wurden im Doppelhaushalt 2011/2012 die Mittel für die Errichtung der Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof bereitgestellt. Die HafenCity Hamburg GmbH verkündete, dass „die Fertigstellung des Dokumentationszentrums […] nach Sicherung der Finanzierung für 2012/2013 vorgesehen“ sei. Probleme bei der Grundstücksverfügbarkeit und der Realisierungsträgerschaft verzögerten das von einem Beirat begleitete Vorhaben um Jahre.
Im Zuge der Fertigstellung des Lohseparks entstand immerhin mit der Fuge entlang der Gleise und den Überresten des ehemaligen Bahnsteigs 2 ein Gedenkort mit Namenstafeln der über 8000 aus Hamburg deportierten Jüdinnen und Juden, Sintizze und Sinti, Romnja und Roma. Die Einweihung am 10. Mai 2017 fand bundesweit große Beachtung.
Auch erfolgte 2017 der Vertragsabschluss über das für das Dokumentationszentrum vorgesehene Grundstück und dessen Bebauung mit einem Bürogebäude. Für die im Erdgeschoss geplante ca. 1000qm große Ausstellungsfläche wurde zwischen dem Käufer/Investor Harm Müller-Spreer und der Stadt ein Vertrag über ein 200 Jahre währendes mietfreies Dauernutzungsrecht geschlossen. Der Bund sagte im Dezember 2018 eine 50-prozentige Förderung der Ausstellungserarbeitung zu.
Im Februar 2020 begann der Bau mit einem gemeinsamen Spatenstich. Sie, Herr Müller-Spreer, hoben in der anschließenden Veranstaltung hervor, dass dieses Bauvorhaben für Sie eine große Ehre und angesichts Ihrer eigenen Familiengeschichte auch eine innere Verpflichtung sei. Als Anfang 2021 die Medien über die geplante Vermietung der Büroflächen an die Firma Wintershall Dea AG berichteten, führte dies angesichts deren NS-belasteter Vergangenheit zu öffentlicher Kritik und Protesten. In dem daraufhin eingeleiteten Mediationsverfahren führte das Angebot des Investors, an einem eigenständigen Standort ein Ausstellungsgebäude im Rohbau auf seine Kosten zu errichten, zu einer Einigung. Sie, Herr Müller-Spreer, erklärten gegenüber dem Hamburger Abendblatt: „Es war mir ein Herzenswunsch, das Dokumentationszentrum von der Seite ins Zentrum des Parks zu rücken und einen Lernort für künftige Generationen zu schaffen“.
Nachdem im April 2022 der Schenkungsvertrag abgeschlossen, das Dauernutzungsrecht aufgehoben und im März 2023 der Wettbewerb für das Solitärgebäude entschieden war, hätte nach Abschluss der erforderlichen Vergabeverfahren und planerischen Anpassungen der Bauantrag vorbereitet und gestellt werden können. Am 30. September 2025 teilte der Senat jedoch mit, dass derzeit die Planungsarbeiten ruhen, „da der Schenker diese bis zur Klärung steuerrechtlicher Fragen zur Absetzbarkeit seiner Aufwendungen unterbrochen hat“ (Drs. 23/1557).
Durch den bisher entstandenen Zeitverzug ist das noch überall genannte Eröffnungsdatum 2026/2027 inzwischen völlig illusionär. Wegen des Ablaufs der bereits bis 2026 verlängerten Frist für die Förderung des Ausstellungsvorhabens droht eine Rückzahlungsaufforderung des Bundes. Ein weiteres Problem: Der Schenkungsvertrag räumt für den Fall einer bis zum 28. Februar 2028 nicht vorliegenden Baugenehmigung beiden Seiten den Ausstieg aus dem Vertrag ein.
Das geplante Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof ist der bislang einzige Gedenkort in Norddeutschland, der Shoah und Porajmos gemeinsam in den Blick nimmt und die Einbettung der rassistischen Ausgrenzung und der Deportationen in die nationalsozialistische Gesellschaft zeigt. Trotz aller Fortschritte in der Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur, von denen das im September 2023 vom Senat in die Bürgerschaft eingebrachte Gedenkstättenkonzept zu berichten weiß (Drs. 22/13023), droht Hamburg im Falle eines Scheiterns des Dokumentationszentrums in der HafenCity ein schwerer Schaden. Dass auch die allerletzten der wenigen Überlebenden der Deportationen den von ihnen erstrittenen Informationsort nicht mehr erleben werden, wäre schon tragisch und schwer hinnehmbar. Wenn aber in einer Zeit, in der vor dem Hintergrund des Anstiegs des Rechtsextremismus bei jungen Menschen die fehlenden Zeitgeschichtskenntnisse beklagt werden und zugleich die Forderungen nach einem Schlussstrich unter das Erinnern immer lauter werden, ein den Betroffenenverbänden und der Öffentlichkeit vielfach versprochenes Dokumentationszentrum ad acta gelegt würde, wäre dies für die Hamburger Erinnerungskultur eine Bankrotterklärung.
Der Hamburger Senat hat sich für den Wiederaufbau der infolge des Novemberpogroms von 1938 zerstörten Bornplatzsynagoge und für die Prüfung der Errichtung eines Jüdischen Museums als Orte für die Repräsentanz jüdischer Gegenwart und Geschichte ausgesprochen. Gerade weil es sich hierbei um „kein Holocaust-Museum“ handeln soll, gilt es, das Scheitern des Dokumentationszentrums zu verhindern. Ansonsten hätte die Vermittlung der Verfolgungs- und Deportationsgeschichte in Hamburg keinen Ort.
Die Hamburger Regierungsparteien haben in ihrem Koalitionsvertrag 2025 unter der Überschrift „Erinnern für die Zukunft“ erklärt: „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns darum kümmern, das Bewußtsein für unsere historische Verantwortung hochzuhalten. Unsere Erinnerungskultur ist eine wesentliche Grundlage unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Deshalb werden wir das Gedenkstättenkonzept systematisch umsetzen und insbesondere […] das Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof realisieren.“ (Koalitionsvertrag SPD-GRÜNE vom 24. April 2025, S. 120)
Wir fordern deshalb Sie, Herr Dr. Tschentscher, und den Senat dazu auf, nicht wortbrüchig zu werden. Zugleich appellieren wir an Sie, Herr Müller-Spreer: Beenden Sie den Planungsstopp, stehen Sie zu Ihren im Schenkungsvertrag abgegebenen Versprechen und fügen Sie der Erinnerungskultur in Ihrer Heimatstadt Hamburg keinen weiteren Schaden zu!
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