Rede der Vertreterin der Universität Hamburg, Frau Dr. Claudine Hartau auf der Kundgebung zum 81. Jahrestag der Pogromnacht am 10. November 2019 auf dem Josef-Carlebach-Platz

19. November 2019

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die Universität Hamburg ist in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass haben wir gerne Formulierungen benutzt wie: „Seit 100 Jahren ist die Universität …“, um dann häufig genug innezuhalten und zu denken: Nein, sie ist nicht 100 Jahre lang ein Ort kritischer Reflexion gewesen, ein Ort der Bildung und Vielfalt.

„Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen“ – mit diesen Worten hatte der Sozialdemokrat Emil Krause im März 1919 den Beschluss der ersten demokratisch gewählten Bürgerschaft zur Gründung einer Universität euphorisch zusammengefasst – im November 1938 war die Hamburger Universität bereits sehr weit davon entfernt.

Schon am 1. Mai 1933 bekannte sie sich in einem Festakt zur „Nationalen Revolution“. Jüdische Wissenschaftler wurden aus dem Dienst entlassen, aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das im April erlassenen worden war. Bereitwillig und widerstandslos nahm die Universität die Vertreibung vieler ihrer besten Persönlichkeiten hin. Schon Ende des Jahres war auch eine neue Hochschulreform abgeschlossen; die auf Selbstverwaltung basierende Universitätsverfassung wurde zugunsten des „Führerprinzips“ abgeschafft und der Rektor Adolf Rein präsentierte die in „Hansische“ umbenannte Universität stolz als „erste nationalsozialistische Hochschule in Deutschland“.

Antisemitismus an der Universität begann jedoch schon sehr viel früher. Der Psychologe William Stern musste sich schon im Gründungsjahr gegen ein studentisches Flugblatt zur Wehr setzen, das zum Boykott von Vorlesungen jüdischer Professoren aufrief.
Der Geograph Siegfried Passarge hetzte in den 20er Jahren offen gegen Juden und Marxisten. Seine antisemitischen Einstellungen verbreitete er ungehindert auch in seinen Vorlesungen – alles unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit. Im Jahre 1957 – ja, tatsächlich: 1957 – verlieh die Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät dieser Universität ihm die Ehrendoktorwürde.

Aber es waren vor allem jüdische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gewesen, die der jungen Universität zu einer Blüte und internationalem Ansehen verholfen hatten: der
Philosoph Ernst Cassirer etwa – der 1929 sogar Rektor der Universität wurde; der bereits erwähnte Psychologe William Stern, Erfinder des Intelligenzquotienten; Erwin Panofsky, einer der wegweisenden Kunstwissenschaftler des 20. Jahrhunderts; die Philologin Agathe Lasch, die erste Frau auf einem Hamburger Lehrstuhl; der Jurist und Friedensforscher Albrecht Mendelssohn Bartholdy, dessen Institut für Auswärtige Politik eines der ersten Friedensforschungsinstitute der Welt war; der Physiker Otto Stern, späterer Nobelpreisträger – alles Namen, mit denen wir uns heute gerne schmücken. Kein Widerstand regte sich gegen ihre Vertreibung.
Sicher gab es auch Beispiele persönlichen Mutes und risikobereiten Widerspruchs.
Tragisch der Fall von Martha Muchow, Mitarbeiterin William Sterns, die, obwohl sie selbst nicht bedroht war, aus Erschütterung über die Ereignisse im September 1933 Selbstmord beging. Magdalene Schoch, die 1932 die erste Frau war, die an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät habilitierte und im selben Jahr die Leitung der Rechtsabteilung des Mendelssohn-Instituts wie auch der Amerika-Bibliothek übernahm, war die einzige, die 1936 zur Beerdigung Mendelssohns nach England fuhr, trotz der Drohung, sie riskiere mit dieser Reise ihre Stellung. Als Reaktion auf die zunehmende Nazifizierung kündigte Schoch im folgenden Jahr selbst und emigrierte in die USA. Rainer Nicolaysen hat es neulich sehr gut formuliert: Ihre Entscheidung war nicht freiwillig, aber autonom.

Zu den wenigen Regimegegnern im Hamburger Lehrkörper gehörten der Anglist Emil Wolff, der später der erste Nachkriegsrektor wurde, der Altphilologie Bruno Snell, der Mediziner Rudolf Degkwitz und der Pädagoge Wilhelm Flitner, die offen oder mehr oder weniger unmissverständlich ihre Regimekritik zum Ausdruck brachten. Der einzige überindividuelle Widerstand an der Hamburger Universität aber kam von Studierenden der „Hamburger Weißen Rose“, von denen vier dafür ihr Leben einbüßten: Hans Leipelt, Reinhold Meyer, Margaretha Rothe und Friedrich Geussenhainer. An sie erinnert seit 1971 eine Gedenktafel im Audimax.

Insgesamt wurden mehr als 90 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, knapp 20 Prozent des Lehrkörpers, entlassen. Fast alle der als „nichtarisch“ von der Universität Vertriebenen flohen in ein schwieriges Exil in die USA, nach England oder andere Länder. Der Professorin für Niederdeutsche Philologie Agathe Lasch gelang die Flucht nicht mehr. Sie wurde 1942 nach Riga deportiert und dort bereits im August ermordet.  Sechs Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Ernst Delbanco, Hedwig Klein, Agathe Lasch, Gerhard Lassar, Martha Muchow und Kurt Perels) und die vier Studierenden der „Hamburger Weißen Rose“ verloren durch das Naziregime ihr Leben: ermordet im KZ, durch die Folgen einer unmenschlichen Haft oder durch Freitod. Im April 2010 wurden für sie 10 Stolpersteine vor dem Hauptgebäude der Universität verlegt.

Für uns heute schwer nachvollziehbar waren es gerade die Studenten – und ich bleibe hier mal bewusst in der männlichen Form -, die eine führende Rolle bei der Gleichschaltung übernahmen. Schon 1930/31 erreichte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) bei den AStA-Wahlen an fast allen Universitäten die Führung, auch in Hamburg, das als „Hochburg der linksgerichteten Studentengruppen“ galt. Im April 1933 wurden alle kommunistischen, sozialdemokratischen und pazifistischen Studentenverbände verboten, drei Monate später auch die jüdischen. Eine Schlüsselrolle nahm Wolff Heinrichsdorff ein, der zum „Führer der Hamburger Studentenschaft“ wurde. Unter ihm beteiligte sich der NS-Studentenbund aktiv an der Vertreibung „unliebsamer“ Hochschullehrer, attackierte Professoren als „Reaktionäre“ und „Liberale“ (man sieht, wie relativ solche Etiketten sind …) und mischte sich erfolgreich in die Hochschulpolitik ein. Schon im April 1933 übermittelte er dem Senat eine Liste von sechs jüdischen Professoren, deren Entlassung den NaziStudenten besonders dringlich erschien (Eduard Heimann, Theodor Plaut, Richard Salomon, William Stern, Erwin Panofsky und Walter A. Berendsohn) – und fand bei der Behördenspitze ein offenes Ohr.
Heinrichsdorff stieg übrigens später zum persönlichen Assistenten von Goebbels auf, leitete das „Institut zum Studium der Judenfrage“ und wurde im August 1945 durch ein Sowjetisches Militärtribunal zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Der Ausschluss vom Studium drohte zunächst vor allem aus politischen Gründen – bis Anfang 1934 wurden mindestens 549 Studierende wegen „kommunistischer“ oder anderer Betätigung von der Universität verwiesen. Die Vertreibung der jüdischen Studenten verlief dagegen schrittweise. Mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Hochschulen und Schulen“ vom 25.4.1933 wurde zunächst die Immatrikulation jüdischer Studienanfänger verhindert. Die bereits Eingeschriebenen konnten theoretisch weiterstudieren, doch wurde sie durch eine Flut von stetig schärfer werdenden Erlassen und Gesetzen, aber auch durch das antisemitische Klima in der Studentenschaft immer stärker eingeschränkt. Die Hamburgerin Ingrid Warburg-Spinelli berichtet in ihren Erinnerungen, wie ein Kommilitone zu ihr kam und ihr sagte, sie möge es ihm nicht übelnehmen, dass er sie nicht mehr grüßen werde, aber er liefe sonst Gefahr, sein Stipendium zu verlieren. Als sie in der Bibliothek von einer Leiter fiel und sich den Arm brach, war keiner der Umstehenden bereit, ihr zu helfen.

Drei Tage nach der Pogromnacht, am 12. November 1938, teilte ein maschinenschriftlicher Anschlag des Rektors mit: „Inländischen jüdischen Studierenden ist bis auf weiteres die Teilnahme an Vorlesungen und Übungen sowie das Betreten des Universitätsgebäudes, der Kliniken, Institute und Seminare verboten“. In Hamburg waren davon noch 9 Studenten betroffen.

Nach dem Zusammenbruch von 1945 wurde die Universität nach einem halben Jahr zum WS 1945 wiedereröffnet, unter dem heutigen Namen „Universität Hamburg“. Zwar wurde noch im Mai 45 ein Entnazifizierungsverfahren in Gang gesetzt (anfänglich sogar in Eigenregie durch die Universität), doch von den 125 als belastet relegierten Hochschullehrern wurden in den kommenden Jahren 94 wiedereingestellt. Eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Zeit fand nicht statt. In der Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Universität 1969 findet dieser Teil der Geschichte kaum Erwähnung oder nur in Wendungen wie „besonders schwere Jahre der Fakultät“ oder „die menschlich schwersten Jahre in der bisherigen Geschichte der Fakultät“; bei der Auflistung der Professuren steht bei den von der Universität Vertriebenen lediglich die Bemerkung „Ruhestand“ oder „entlassen“.
Von den Emigranten kehrten nur sehr wenige zurück, und wenn, wurden sie meist nicht mit offenen Armen wieder aufgenommen. So etwa im Fall von Siegfried Landshut, der 1951 schließlich doch den ersten Hamburger politikwissenschaftlichen Lehrstuhl erhielt – aber gegen die Mehrheit der Fakultät.
Man wollte verdrängen, und die Remigranten waren dabei Störfaktoren.

In den 1970er Jahren waren es zunächst einzelne Anlässe, die der damalige Präsident Peter Fischer-Appelt aufgriff, um an die Geschichte im Nationalsozialismus zu erinnern. Eine systematische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit begann 1983 zum 50. Jahrestag der Machtergreifung. Das wichtigste Ergebnis daraus ist das dreibändigen Werk Hochschulalltag im ›Dritten Reich‹. Die Hamburger Universität 1933–1945, das 1991 erschien und an dem fast alle Fächer und Disziplinen waren beteiligt waren. So, wie die Hamburger Universität die erste gleichgeschaltete gewesen war, war sie nun zumindest die erste deutsche Hochschule, die sich diesem Teil ihrer Geschichte stellte.

Dem Wachhalten der Erinnerung dient auch die Benennung von Hörsälen im Hauptgebäude der Universität nach vertriebenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – nach Ernst Cassirer, Agathe Lasch, Erwin Panofsky, Emil Artin, Magdalene Schoch, Mendelssohn Bartholdy und Eduard Heimann.1) Die Bibliothek der Erziehungswissenschaft heißt 2007 nach Martha Muchow. Und ganz aktuell wird auch im zum Jubiläum neu eröffneten Universitätsmuseum im Hauptgebäude an die jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und die Zeit des Nationalsozialismus erinnert.

Diese Elemente der Erinnerungskultur sind nur kleine, wenn auch wichtige Schritte, das kollektive Gedächtnis wachzuhalten – aber damit kann es nicht getan sein. Erinnern muss Impulse zum Nachdenken, zum Dialog, zum Miteinander Reden geben. Erinnern muss eine Brücke zur Gegenwart schlagen.
Jeder Blick in die Zeitung zeigt uns, wie weit entfernt wir ganz aktuell sind von einer Welt des friedlichen Miteinanders, des Verständnisses, der Verständigung über die Grenzen verschiedener Kulturen und verschiedener Religionen hinweg. Aber Gewalt und Krieg sind keine Naturgewalt, die unversehens über uns hereinbricht, Gewalt und Krieg haben Ursachen, gesellschaftliche Ursachen, und deshalb ist gerade die Universität gefordert, sich damit auseinanderzusetzen.

Der Universität, als ein Ort kritischer Reflexion, trägt eine besondere Verantwortung für Wissenschaft, Gesellschaft, Frieden und Humanität. Sie will, so hat sich unsere Universität in ihrem Leitbild 1998 als Aufgabe gesetzt, „zur Entwicklung einer humanen, demokratischen und gerechten Gesellschaft beitragen“.

Die studentischen Mitglieder des Akademischen Senats hatten für die letzte Sitzung einen Aufruf zum 9. November eingebracht, die Sitzung wurde aufgrund der aktuellen Ereignisse um Herrn Lucke aber leider abgesagt. Ich möchte deshalb trotzdem mit dem letzten Absatz aus diesem Aufruf schließen:

„Wir sehen uns mit neuer Entschlossenheit herausgefordert, für eine Gesellschaft einzutreten, in der jeder Mensch sich in solidarischer Gemeinschaft frei entfalten kann. Solidarität und Freiheit erfordern ein wachsendes Maß sozialer Gerechtigkeit. Sie erfordern unsere gemeinsame Sorge für Frieden und den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Das sind globale Herausforderungen, die uns alle betreffen und denen unsere Arbeit, unser Lernen, unsere Kreativität und unser Engagement gelten. Wir streben nach einer Welt ohne Gewalt, denn die Menschenwürde ist unteilbar.“

1 Die Hörsaalbenennungen wurden 1999 zum 80. Jahrestag der Gründung dieser Universität begonnen und 2011 zum 100. Jahrestag der Errichtung des Hauptgebäudes abgeschlossen.

Initiative Gedenkort Stadthaus: Der Protest geht weiter!

30. Juni 2019

Mahnwache: jeden Freitag von 17.00 – 18.00 Uhr Stadthausbrücke / Ecke Neuer Wall

GERADE JETZT: Erinnern für Gegenwart und Zukunft 

WIR FORDERN:

 

  • Lern-, Dokumentations- und Gedenkort, der diese
    Geschichte des Stadthauses, die zur Geschichte Hamburgs
    gehört, ins öffentliche Bewusstsein bringt
  • Einen Raum für die Darstellung des antifaschistischen
    Widerstandes und die Würdigung der Widerstandskämpferinnen
    und Widerstandskämpfer
  • Für diesen Lernort Stadthaus eine Fläche, in der zumindest
    die schon vorhandenen Ausstellungen und Inhalte
    angemessen präsentiert werden können
  • Als einen Schritt dazu die Durchsetzung des zwischen
    der Stadt und dem Investor Quantum geschlossenen
    Vertrages über 750 Quadratmeter

 

 

Unterstützerinnen und Unterstützer:

Amicale Internationale de Neuengamme; Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V.; Arbeitskreis ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten (AvS); Auschwitz- Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V. ; Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V.; City-Hof e.V. – Für gelebte und bebaute Kultur; Denkmalverein Hamburg; Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus; Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V.; Gängeviertel; Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.; Geschichtswerkstatt St. Georg; Hamburger Bündnis gegen Rechts; Initiative Gedenktafel Stadthaus 1981; Landesjugendring Hamburg e.V.; Lelka & Mania; Netzwerk Recht auf Stadt Hamburg; Stolperstein-Initiative Hamburg; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen; ver.di: AK Antirassismus, FG Sozial-, Kinderund Jugendhilfe, OV Hamburg des FB Medien, Kunst, Industrie; Verlag Assoziation A; Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e.V.; Dr. Sigrid Curth, Geschichtswerkstatt Wandsbek; Dr. Stephan Linck, Evangelische Akademie der Nordkirche; Hein Pfohlmann, 1. Vorsitzender des Kuratoriums der Gedenkstätte Ernst Thälmann Hamburg; Ibrahim Arslan; Detlef Baade; Prof. Dr. Ulrich Bauche; Rolf Becker; Esther Bejarano; Christine Ebeling; Bernhard Esser; Norbert Hackbusch; Hannes Heer; Ulrich Hentschel, Pastor i.R.; Barbara Hüsing; Michael Joho; Siri Keil; Bernhard Nette; Peggy Parnass; Bernhard Stietz- Leipnitz; Sönke Wandschneider, Pastor; Sylvia Wempner

 

V.i.S.d.P.: I. Jacob | Hein-Hoyer-Str. 41 | 20359 Hamburg

 

Rede von Carola Kieras auf dem Ostermarsch 2019 am 22.04.2019

23. April 2019

Liebe Friedensfreunde und Friedensfreudinnen,

In der VVN organisierten sich nach der Befreiung die Überlebenden der faschistischen Haftstätten und Konzentrationslager und die Frauen und Männer aus dem antifaschistischen Widerstand.

Die aus dem KZ Buchenwald nach Hause zurückkehrenden Häftlinge brachten das Vermächtnis des Schwurs von Buchenwald mit, deren zentrale Aussage lautet: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel!“

Der Schwur von Buchenwald ist nach wie vor die Richtschnur unseres Handels. Hier werden die beiden zentralen Felder unseres Engagement genannt: Antifaschismus und Frieden. Beides gehört für uns untrennbar zusammen.

Wir fühlen uns nicht nur der Friedenbewegung verbunden, wir sind ein aktiver Teil davon. Schon bei dem ersten Ostermarsch von Hamburg nach

Bergen-Hohne waren Mitgliedern der VVN in der Planung und natürlich etliche auf dem Marsch selber dabei.

Viele Kammeraden und Kameradinnen arbeiten aktiv sowohl in verschiedenen lokalen Friedensgruppen als auch in größeren Zusammenschlüssen wie den Bundeszuschuss Friedensratschlag oder der Koordination für den Frieden mit.

Wir wollen die gefährliche Politik der Kriegsvorbereitungen stoppen.

Wir wollen dazu beitragen die Friedenbewegung zu stärken, um die weiter Militarisierung der deutschen, der europäischen und der internationalen Politik aufzuhalten.

Wir beteiligen uns an der Kampagne „Abrüsten statt Aufrüsten“.

Wir unterstützen das UN-Atomwaffenverbot.

Wir setzen auf eine friedliche Zukunft, auf Kooperation statt Aufrüstung und Konfrontation in Europa und weltweit.

Hier in Hamburg haben wir einen kleinen, internen Arbeitskreis gebildet, der sich 1 Mal im Monat, genauer: am dritten Donnerstag in unserem Landesbüro trifft.

Wir diskutieren untereinander über aktuelle oder vertiefende Themen, meist nach einer gemeinsamen Lektüre. Keiner, keine muss Vorwissen mitbringen, die Fortbildung ist quasi inbegriffen. Wir entwickeln darauf hin auch Vorschläge für den Landesverband oder die Kreisvereinigungen, bieten auch mal Referate an.

Mitglieder der VVN-BdA, oder Menschen die es werden wollen, sind herzlich eingeladen sich uns anzuschließen.

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

(Foto: Lotte Meimberg)

Die nächsten Treffen unseres Arbeitskreises sind am 16.05.2019 und am 20.06.2019 im Landesbüro der VVN-BdA, Hein-Hoyer-Str. 41

Initiative Gedenkort Stadthaus: Der Protest geht weiter – Jeden Freitag, 17.00 – 18:00 Uhr

29. März 2019

Mahnwache Stadthausbrücke / Ecke Neuer Wall

Presseerklärung der VVN-BdA anlässlich der Angriffe auf das Kollegium und die Schüler der Ida-Ehre-Schule in Presse und Öffentlichkeit

22. März 2019

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten ist erschrocken, wie sehr die Hetze der AfD  in die Mitte der Gesellschaft wirkt.

Die 1934 eröffnete Jahn-Schule war eine NS-Vorzeigeanstalt. Bereits ab 1935 wurden die jüdischen Schüler_innen von der Schule vertrieben. Eine davon war unsere Freundin Steffi Wittenberg.

Mit vielen anderen Akteuren hat sie sich dafür eingesetzt, dass die Schule sich mit der im Jahr 2000 erfolgten Umbenennung vom Namensgeber Jahn trennte, der mit Fug und Recht als wichtiger Propagandist  des völkischen Nationalismus und damit auch als Wegbereiter des verbrecherischen Naziregimes gilt.

Ida Ehre, deren Namen die Schule seitdem trägt, hat sich als Überlebende der Shoah  stets im Sinne des „Nie wieder!“ gesellschaftlich positioniert. Unvergessen ihr „Sag NEIN“  beim Festival  „Künstler für den Frieden“ 1983.

Die Ida Ehre Schule hat sich inzwischen einen guten Ruf  als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“  erworben. Der »Arbeitskreis Erinnerung an der Ida Ehre Schule« führt die konsequente Aufarbeitung und Erinnerung an die NS-Vergangenheit fort, die Schüler_innen und Lehrer_innen in den letzten Jahrzehnten in verdienstvoller Arbeit begonnen haben. Auch daran hat Steffi Wittenberg als Zeitzeugin aktiv mitgewirkt.

Dass Schülerinnen und Schüler dieser Schule sich heute antifaschistisch engagieren, ist erfreulich und notwendig. Dass die AfD eine Sammlung von Meinungen und Anliegen, die der Unterrichtsvorbereitung einer Klasse dienen, in ihr Denunziationsportal stellt, ist so schäbig wie das ganze Projekt dieser neuen völkisch-nationalistischen Partei.

Dass der Inlandsgeheimdienst Jugendliche der Antifa Altona-Ost in seinem „Verfassungsschutz-Bericht“ als linksextremistisch stigmatisiert, weil ihr Ziel die „Verteidigung des multikulturellen Anspruchs Altonas gegen alle Aktivitäten, die aus ihrer Perspektive heraus als ‚Rechts‘ definiert werden“ sei, wirft erneut ein Schlaglicht auf die Problemlage bei diesem Dienst.

Dass Senat und Schulaufsicht die Schule nicht vor den Attacken der AfD schützen, ist bitter und dass die Medien der Stadt den „Schulpranger“ durch ihre Berichterstattung verallgemeinern, bestürzend.

Wenn das Bündnis „Billstedt ist bunt“ für eine Diskussionsveranstaltung vor der Europawahl keine Räume in einer Schule nutzen darf, weil die AfD keinen Platz auf dem Podium hat, zeigt, wie wichtig es ist, dem Druck von Rechts Zivilcourage entgegenzusetzen.

„Der Skandal  sind nicht ein paar antifaschistische Schüler-Sticker an einer  „Meinungswand“. Der Skandal  ist, dass Senat, Schulaufsicht und Medien dem AfD-Schulpranger den Anschein von Seriosität verleihen“, sagt  die Bundesvorsitzende der VVN-BdA Cornelia Kerth.

Unsere Sympathie und Solidarität gehören der Ida-Ehre-Schule, und den  Schüler_innen und Lehrer_innen, die Ziele dieses Angriffs sind.

Hamburg, den 21. März 2019

 

Georg Chodinski, Landessprecher

für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten

Rede von Heike von Borstel auf der Kundgebung zum 76. Jahrestag der Mitglieder der Weißen Rose am 23.02.2019

1. März 2019

Liebe Anwesende
Ich begrüße Euch und Sie im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten zu unserem Gedenken an die ermordeten Mitglieder der Weißen Rose in München und Hamburg. Gestern jährte sich die grausame Hinrichtung der jungen Widerstands-kämpferin Sophie Scholl, ihres Bruders Hans Scholl und ihres gemeinsamen Freundes Christoph Probst am 22.2.1943 in München zum 76. Mal. Ihnen folgten ihre Kommilitonen Alexander Schmorell und Willi Graf und Professor Kurt Huber. Sie überschrieben ihre ersten 4 Flugblätter mit „Flugblatt der Weißen Rose“.
Insgesamt waren es 6 Flugblätter gegen das Naziregime die diese mutigen jungen Menschen geschrieben und mit Hilfe vieler anderer mutiger Menschen im ganzen Reich verbreitet haben. So kamen die Flugblätter u.a. durch die Studentin Traute Laferentz und nach der Ermordung der 3 durch den Hamburger Chemiestudenten Hans Leipelt und seiner Freundin Marie Luise Jahn nach Hamburg. Im Haus seiner Mutter Katharina Leipelt hatten sich schon früh regelmäßig Menschen getroffen, um sich über ihre Kritik am Regime auszutauschen. Auch im Keller der Buchhandlung „Agentur im Rauhen Haus“ am Jungfernstieg 50, trafen sich immer wieder und mit der Zeit immer mehr Menschen, um über Hitler und das unmenschliche System der faschistischen Regierung zu sprechen und zu überlegen, wen sie noch in ihren Widerstand einbeziehen könnten.
Hans Leipelt, Katharina Leipelt, Margaretha Rothe, Dr. Kurt Ledien, Margarethe Mrosek, Elisabeth Lange, Frederick Geussenhainer und Reinhold Meyer. Sie alle gehörten zu diesen Kreisen. Sie alle wurden auf grausamste Weise gequält und ermordet. Nach dem Krieg nannte man sie den „ Hamburger Zweig der Weißen Rose“, weil es vielfältige Verbindungen gab und sie die Flugblätter auch hier verbreiteten.

Erinnern – Gedenken – Mahnen – Gegen das Vergessen – gegen das Verschweigen und Verdrängen – die Lebens- und Leidensgeschichten der Ermordeten erzählen – ihnen Gesichter geben – durch Stadtteil- und Stolpersteinrundgänge, Veranstaltungen, Filme, Mahnwachen – Mahnmale – wie dieses hier.
Dass das Ortszentrum von Volksdorf seit über 40 Jahren ihren Namen trägt und hier ein Mahnmal in Form einer stilisierten Rose des Bildhauers Franz Reckert steht, – und nach ihrem Verschwinden wieder steht – eine Gedenk-platte mit den Namen, eine Hinweistafel, einen Informationsraum in der Bücherhalle – und dass es inzwischen viele Stolpersteine in den Walddörfern gibt, ist vielen sehr engagierten, nicht aufgebenden Menschen in Volksdorf zu verdanken. Da ist der Arbeitskreis Weiße Rose, der Geschichtsraum Walddörfer, die Begegnungsstätte Bergstedt, die Schüler des Walddörfer Gymnasiums und der unermüdliche Herr Stockhecke… um nur einige zu nennen.
Und doch denke ich manchmal, wenn ich hier beim Einkaufen vorbeigehe, wer von den vielen inzwischen nach Volksdorf gezogenen jungen Eltern ihren Kindern und die vielen Großeltern, die hier mit ihren Enkelkindern zum Eisessen auf der Mauer sitzen, könnte denn die Geschichte von Frederick Geussenhainer oder Elisabeth Lange erzählen, wenn sie von ihren Kindern und Enkelkindern gefragt werden, „was das da ist“ und wenn sie Lesen gelernt haben und fragen: „Margaretha Rothe – wer ist das?“
Kennen sie die Flugblätter? Wissen Sie, was diese Menschen, deren Namen sie hier sehen durchgemacht haben? Was ihnen geschehen ist?
Lasst uns weitermachen – mit dem Erinnern an all die Menschen, die es gewagt haben, dem verbrecherischen faschistischen Regime die Stirn zu bieten.

Sie wollten Freiheit und kein alles erstickende Gängelnde. Sie schrieben es nachts an die Wände – in München, Hamburg und anderswo. Freiheit war das letzte Wort von Hans Scholl. Sie wollten offen ihre Meinung sagen, offen politische Diskussionen führen dürfen. Sie wollten die verbotenen Bücher lesen, die sogenannte „entartete Kunst“ kennen lernen. Swingmusik hören und tanzen.
Sie wollten es für sich und alle Menschen.
Sie wollten, dass die massenhafte Ermordung der jüdischen Menschen, die unbeschreiblichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den besetzten Gebieten aufhört.
Sie wollten Frieden. Wollten, dass das sinnlose Abschlachten so vieler Menschen aufhört. Einige von ihnen waren als Soldaten im Krieg oder als Medizinstudenten im Kriegseinsatz und erlebten die Grausamkeiten des Krieges und der Verbrechen gegen die Zivilgesellschaft.

Sie forderten in ihren Flugblättern zur Sabotage in den kriegswichtigen Fabriken auf, zur Verweigerung aller Aktivitäten des faschistischen Regimes.

Und sie hofften auf viele mutige Menschen, die es ihnen gleichtaten, baten um die Vervielfältigung und Weitergabe ihrer Flugblätter, suchten unter Lebensgefahr weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter in ihrem Kampf. Sie versuchten, sich mit anderen politischen Widerstandsgruppen zu „vernetzen“.
Sie führten ihren Kampf unter barbarischen Verhältnissen, immer unter Einsatz ihres Lebens.
Sie wurden denunziert, verraten, gequält und ermordet.

Lasst uns ihr Vermächtnis auch nach so vielen Jahren aufrechterhalten! Sie wollten informieren, aufrütteln, handeln. Lasst uns das weiter tun!
Und heute?
Wir dürfen noch laut sagen, was ist und mahnen, was daraus werden könnte. Können demonstrieren, Veranstaltungen machen, Flugblätter und andere Publikationen verteilen….
Aber können wir das wirklich alle ohne gefährdet zu sein?
In den letzten Jahren wurden viele Menschen in ihrem Kampf gegen Rechtsextremismus, gegen Rassismus und gegen Antisemitismus beschimpft und ganz persönlich angegriffen, ihre Kinder bedroht, werden Journalisten in den sogenannten sozialen Netzwerken auf übelste Weise verunglimpft und ihnen ganz offen gedroht, werden Menschen auf der Straße gejagt, darf das verbrecherische System und Tun der Nazis als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnet werden – ungestraft!
Menschen auf der Straße zeigen wieder unverhohlen den Hitlergruß!
Stolpersteine werden herausgerissen.
Hier bei uns in Hamburg darf die AfD ungestraft zur Denunziation von Lehrerinnen und Lehrern aufrufen! In Magdeburg wird einem jungen Mann von der AfD gedroht, weil er an einer Auschwitzveranstaltung mit Esther Bejerano in Hamburg teilnimmt. Da beschmutzt diese Partei das Andenken von Sophie Scholl, indem sie ein Plakat rausbringt: Sophie Scholl würde die AfD wählen.
Da werden rechtsextreme Strukturen in der Polizei und der Bundeswehr bekannt, die u.a. offensichtlich schon für den Fall der Möglichkeit Todeslisten mit Namen von zu ermordenden Politikerinnen und Politikern, Journalisten und anderen engagierten Menschen angelegt haben. Da werden Daten über die Familie einer der Anwältinnen der Nebenklage im NSU-Prozess von Polizisten in Frankfurt weitergegeben. Und da wird so lange verschwiegen und verdrängt bis es nicht mehr geht.
Lasst uns den Wunsch und das Vermächtnis der Weißen Rose und aller anderen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, der Überlebenden von Buchenwald und Ausschwitz weitertragen.
Lest die Flugblätter der Weißen Rose, verbreitet sie weiter und erzählt von ihren Autorinnen und Autoren! Erzählt den jungen Menschen heute von ihrem Mut. Sie waren keine Helden, keine Märtyrer oder Heilige. Sie waren Menschen, die für ihre tiefe Überzeugung einstanden und handelten, wo andere schwiegen.
Ich möchte mit einem Zitat unserer Esther Bejerano, eine der wenigen noch lebenden Überlebenden von Auschwitz und einem etwas abgewandelten Appell von Julius Fucik, einem tschechischen Widerstandskämpfer kurz vor seiner Hinrichtung enden:
Esthers Worte: „Nie mehr schweigen, wegsehen, wie und wo auch immer Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit hervortreten. Erinnern heißt Handeln!“
Menschen seid wachsam – Wir hatten euch lieb!

Rede von Esther Bejarano zum „Tag X“ nach dem NSU-Urteil am 14.07.2018 in Hamburg

20. Juli 2018

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

liebe Freundinnen und Freunde,

am Mittwoch wurden die Urteile im NSU-Prozess gesprochen. Die Ergebnisse sind bekannt.

Nur 4 weitere Nazis saßen mit Beate Zschäpe auf der Anklagebank. Sie wurden nur als „Helfer“ zu kurzen Strafen verurteilt, nicht als Mitglieder des Terrornetzwerks, das es gab und vermutlich noch immer gibt. Dem wollte das Gericht nicht nachgehen.

Es fehlten auf der Anklagebank all‘ jene, nach denen gar nicht erst gesucht wurde, die es aber gegeben haben muss: wer hat die Opfer ausgesucht und ihre Tagesabläufe ausgespäht, Fluchtwege vorbereitet?

Es fehlten die V-Leute aus dem Umfeld der Mördertruppe, militante Nazis, die der Verfassungsschutz aus Steuergeldern bezahlt. Es fehlten auch die V-Mann-Führer, die den Schutz ihrer „Quellen“ vor Aufklärung und Strafanspruch stellen, die Akten schredderten, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt.

Was ist die Wahrheit? Sicher nicht, dass der VS-Mitarbeiter Temme in Kassel nur zufällig in dem Internet-Café war, als Halit Yozgat dort ermordet wurde und sicher nicht, dass er davon nichts bemerkt hat. Auch dem ist das Gericht nicht nachgegangen.

So viele Fragen sind offen geblieben. Rassistische Morde, rassistische Ermittlungen, in denen die Opfer und ihre Familien kriminalisiert wurden, rassistische Medienberichte über angebliche „Döner-Morde“ und im Fall des Mordes an Michele Kiesewetter wurde eine Roma-Familie beschuldigt, nur weil sie zufällig in der Nähe des Tatorts war.

Meine Gedanken sind in diesen Tagen bei den Angehörigen der Opfer. Ich verstehe ihren Zorn und ihre Verzweiflung. Nach Jahren, in denen sie – die Leidtragenden – verdächtigt und beleidigt worden waren, hatte die Bundeskanzlerin ihnen 2011 die „vollständige Aufklärung“ des NSU-Komplexes versprochen. Davon kann keine Rede sein.

Meine Familie, sowie Millionen von Menschen, sind einer kranken und hasserfüllten Ideologie zum Opfer gefallen. Wir haben das gleiche Leid erleben müssen, wir mussten erfahren, dass geliebte Menschen AUS UNSEREM UND IHREM Leben gerissen wurden und unsere Welt ein Ort von Dunkelheit und Trauer wurde.

Es ist dieselbe Gesinnung, derselbe Hass und dieselbe Niedertracht, die uns unsere geliebten Mütter, Väter, Kinder, Schwestern und Brüder entrissen und uns ins Unglück gestürzt hat. Es ist der Rassismus, der so viele Menschen getötet hat und der auch heute noch tötet. Die gleiche Kälte und Ohnmacht, die wir spüren mussten und müssen, die gleiche Verzweiflung, allein und machtlos zu sein.

Ja, machtlos zu sein, denn es ist auch die Ignoranz und Akzeptanz der Politik, der Behörden, der Medien und leider auch der Gesellschaft, die uns, den Opfern, den Familien und unseren Freundinnen und Freunden das Gefühl gibt, machtlos und allein zu sein.

Ich musste zusehen, wie rassistische Richter, Ärzte, Beamte, Massenmörderinnen und Massenmörder unbehelligt weiterleben konnten, ohne für ihre grausamen Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sie besetzten ihre gewohnten Positionen und Ämter und konnten unbehelligt ihren Nazismus und ihren Hass aufrechterhalten. Das war für uns unerträglich und hat dafür gesorgt, dass die Ideologie weiter leben konnte.

Der Nazismus und Rassismus wurde in diesem Land auch nach 1945 weder politisch noch gesellschaftlich so konsequent bekämpft, wie er hätte bekämpft werden müssen und können. Er konnte sich auch weiterhin in staatlichen Strukturen festhalten, vor allem im Verfassungsschutz und der Justiz, und ja sogar noch mehr, er konnte sich wieder ausbreiten.

Um es klar auszusprechen, ohne das Wegschauen und das Decken nach 1945 hätte es das Oktoberfestattentat, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Solingen und Mölln und den NSU so nicht geben können. Es hätten aus den Erfahrungen und Ereignissen des Nationalsozialismus die richtigen Konsequenzen gegen den Hass gezogen werden müssen.

Es gab jedoch eine Toleranz gegen Täterinnen und Täter, und Nazis wurden und werden in diesem Land direkt und indirekt, durch politische Kampagnen und das Schweigen und Wegschauen ermutigt, weiter Hass und Leid zu verbreiten.

Und es gibt bis heute einen großen Unwillen, sich mit dem Nazi-Terror öffentlich zu beschäftigen. Ich denke hier an das Hamburger Stadthaus, in dem alle Menschheitsverbrechen der Nazis für Hamburg und Teile Norddeutschlands organisiert wurden: die Deportationen von Jüdinnen und Juden und Sinti und Roma in die Vernichtungslager, die Aufstellung der Polizeibataillone für den Vernichtungskrieg im Osten, die mörderische Behandlung der Zwangsarbeiterinnen und die grausame Verfolgung des Widerstands gegen das Nazi-Regime.

Dass dort, wo tausende gefoltert wurden, jetzt ein luxuriöses Einkaufszentrum entsteht, in dem die blutige Geschichte des Ortes in eine Ecke einer Buchhandlung verbannt wird, ist für uns alle wie ein Schlag ins Gesicht.

Das ist der rote Faden von damals zu heute. Es ist auch hier die gleiche Ignoranz und Akzeptanz – ja eine traurige und leidvolle Tradition, die wir zu verschiedenen Zeiten im gleichen Land erleben mussten!

Mit unseren Demonstrationen, die überall in der Bundesrepublik am Mittwoch stattgefunden haben und heute stattfinden, wollen wir auch deutlich machen, dass die Angehörigen der Ermordeten, dass die überlebenden Opfer der Bombenanschläge nicht allein sind. Ihnen wollen wir heute sagen:

Schauen wir uns um: so viele Menschen, die mit Euch und uns gedenken und Euch stärken und damit den Widerstand gegen den Rassismus und Nazismus aufrechterhalten.

Denn dies ist auch eine Tradition und meiner Meinung nach die wichtigste Tradition, die es auch schon im Nationalsozialismus gegeben hat: – der antirassistische und antifaschistische Widerstand!

Ich verstehe Euren Schmerz, Ihr den meinen und die Menschen hier und viele auf den Straßen unseren gemeinsamen Schmerz. Wir leben, leiden und vor allem kämpfen wir gemeinsam.

Ja, wir sind nicht nur Opfer, nein wir sind Kämpferinnen und Kämpfer für ein gerechtes Gedenken, gegen das Vergessen und gegen Hass und Rassismus!

Ich sage immer, dass ich heute in Schulen gehe, mit Schülerinnen und Schülern rede, aufkläre, Konzerte gebe, schreibe, lese und diskutiere – das ist meine späte Rache an den Nazis! Lasst uns gemeinsam kämpfen und ab heute bin ich ein Teil Eurer Rache und Ihr ein Teil meiner Rache – für alle Opfer des NSU und für alle Oper des faschistischen Terrors.

Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Wir können das nie vergessen.

Ehrenamtliches Engagement für NS-Verfolgte in Hamburg

28. Mai 2015

Ein neues Projekt des Vereins „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten“ bietet interessierten Hamburgerinnen und Hamburgern die Möglichkeit, sich ehrenamtlich in einem Besuchs- und Begleitdienst zu engagieren, der als Zielgruppe in Hamburg lebende ehemals NS-Verfolgte hat. Ziel ist es, die Lebenssituation der Betroffenen nachhaltig und konkret zu verbessern. Gespräche, Begleitung bei Einkäufen und zu Veranstaltungen, gelegentliche Hilfe im Haushalt oder im Garten, gemeinsam Spazierengehen, Vorlesen – angeboten wird alles, was den Aktionsradius der alten Menschen vergrößert und ihre Möglichkeit der Teilhabe am öffentlichen Leben steigert. Das Angebot ist kostenlos.   In den kommenden Monaten möchte das Projekt „Ehrenamtliches Engagement für NS-Verfolgte in Hamburg“ seinen Aktionsradius weiter ausdehnen. Gesucht werden deshalb:

  • Kontakte zu weiteren ehemals Verfolgten oder deren engen Angehörigen in Hamburg und im Hamburger Umland, die Begleitung und Unterstützung im Alltag wünschen. Auch Angehörige und Freunde können sich mit Hinweisen und Fragen gerne an den Verein „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten“ wenden.

 

  • Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Die Ehrenamtstätigkeit kann flexibel vereinbart werden; die Einsätze finden einmal pro Monat oder wöchentlich statt, in der Regel tagsüber. Die Ehrenamtlichen erhalten eine Aufwandsentschädigung und sind über den Verein versichert. Sie sollten Interesse für die besondere Situation ehemals NS-Ver­folg­ter und Einfühlungsvermögen mitbringen. Der Verein „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten“ bietet eine Einführung in die Tätigkeit sowie regelmäßige Treffen zum Austausch mit anderen Ehrenamtlichen und Fortbildungen.
  • Spenden. Geldspenden ermöglichen die Ausweitung des Projektes und garantieren seinen Fortbestand. Sie ermöglichen außerdem, Ausflüge mit den ehemals Verfolgten zu organisieren oder gemeinsam mit ihnen Veranstaltungen zu besuchen. Bankverbindung: Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten e.V., IBAN: DE89 2019 0003 0012 2136 08, BIC: GENODEF1HH2

(Hamburger Volksbank, Kontonr. 12213608, BLZ 201 900 03)

Kontakt für alle Interessierten sowie für weitere Auskünfte:

Petra Schondey (1. Vorsitzende)

Katja Hertz-Eichenrode (Projektkoordination)

Lagerstraße 30-32

20357 Hamburg

Telefon: 040-38 68 66 -12

ehrenamt@psychosoz-arbeit.org www.psychosoz-arbeit.org

Das Projekt wird unterstützt von der VVN-BdA, Hamburg und dem Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme; gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, Berlin.

Ehrenamt-Projekt_Info für VVN_2

Initiative Gedenkort Stadthaus: Der Protest geht weiter – Mahnwache jeden Freitag 17:00-18:00 Uhr

24. Januar 2020

Mahnwache Stadthausbrücke / Ecke Neuer Wall

Termine für die StammtischkämpferInnen-Ausbildung für 2020

24. Januar 2020

Sonnabend, 14. März 2020 von 10.00 – 16.30 Uhr

Sonntag, 19. April 2020 von 10.00 – 16.30 Uhr

Sonnabend, 16. Mai 2020 von 10.00 – 16.30 Uhr

Sonntag, 7. Juni 2020 von 10.00 – 16.30 Uhr

Veranstaltungsort: GEW im Curiohaus (Hinterhof) – Raum A Rothenbaumchaussee 15—20148 Hamburg

Sonntag, 2. Februar 2020 von 10.30 – 18.00 Uhr

Veranstaltungsort: Zinnschmelze, Maurienstr.19, Hamburg-Barmbek

Wir alle kennen das: In der Diskussion mit dem Arbeitskollegen, dem Gespräch mit der Tante oder beim Grillen mit dem Sportverein fallen Sprüche, die uns die Sprache verschlagen. Später ärgern wir uns, denken, da hätten wir gerne den Mund aufgemacht, widersprochen, die rechten Parolen nicht einfach so stehen lassen.

Hier wollen wir ansetzen und Menschen in die Lage versetzen, die Schrecksekunde zu überwinden, Position zu beziehen und deutlich zu machen: Das nehmen wir nicht länger hin!

Mut zum Widerspruch! – Darum geht’s!

Veranstalter: Kampagne „Aufstehen gegen Rassismus“ Hamburg

Ort (außer 02.02.): GEW im Curiohaus (Hinterhof) – Raum A, Rothenbaumchaussee 15, Hamburg

Anmeldung erforderlich unter: stka-agr@nadir.org

Die Veranstalter*innen behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, die der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistsche, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder sie von dieser auszuschließen.

 

16. Januar bis 9. Februar 2020 – Überlebt! Und nun? NS-Verfolgte in Hamburg nach ihrer Befreiung 1945/46

24. Januar 2020

Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Ort: Rathausdiele des Hamburger Rathauses

Sonntag, 26. Januar, 17.00 Uhr – „In jenen Tagen“

24. Januar 2020

Film von Helmut Käutner – D 1947

Zwei Arbeiter schlachten unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein altes Auto aus. Sieben Requisiten, die sie in oder an dem Wagen finden, führen zu sieben Geschichten, die dieses Auto seit Beginn der NS-Diktatur „miterleben“ musste und nun erzählt – von Hitlers Machtergreifung über den 20. Juli 1944 bis an die Ostfront und wieder zurück. Das Auto wird in grausamen Zeiten Zeuge von Menschlichkeit und Courage.
(zweitausendeins.de)

Kooperation mit KZ-Gedenstätte Neuengamme  im Rahmen des Begleitprogramms zur Rathausausstellung „Überlebt! Und nun? NS-Verfolgte in Hamburg nach Ihrer Befreiung 1945/46“ –  Gesprächsgast: Hanno Billerbeck

Montag, 27. Januar, 18.00 Uhr – Feierstunde der Bezirksversammlung Hamburg-Nord „Auschwitz darf niemals in Vergessenheit geraten“

24. Januar 2020

Eine Veranstaltung im Rahmen der Woche des Gedenkens Nord

Ort: Großer Sitzungssaal, Robert-Koch-Straße 17, Hamburg

Mittwoch, 30. Januar, 16.00 Uhr – Ehrung der Hamburger Widerstandskämpfer

24. Januar 2020

Veranstalter: Gedenkstätte Ernst Thälmann

Ort: Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer, Ohlsdorfer Friedhof (Nähe Haupteingang)

Donnerstag 30. Januar, 17.00 Uhr – Kundgebung „Gedenkort Stadthaus“:

24. Januar 2020

anlässlich des 87. Jahrestages der Machtübertragung an den Nationalsozialismus

Gerade jetzt: Erinnerung für Gegenwart und Zukunft! Die Erinnerung an den Faschismus und die Auseinandersetzung damit gehören nicht in private Hände, sondern in die öffentliche Verantwortung. (Initiative Gedenkort Stadthaus)
Ort: Stadthausbrücke / Ecke Neuer Wall, Hamburg

Sonntag, 02. Februar, 10.30 Uhr bis 18.00 Uhr – Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung

24. Januar 2020

Eine Veranstaltung im Rahmen der Woche des Gedenkens Nord

Anmeldung erforderlich unter:  stka-agr@nadir.org

Ort: Zinnschmelze. Maurienstrasse 19

Mittwoch, 5. Februar, 18.00 – 21.00 Uhr – Kandidaten-Wahlkarussel

24. Januar 2020

Bürgerschaftskandidat*innen beantworten Fragen, die Sie interessieren!

Veranstalter: Billstedt und Mümmelmannsberg sind bunt

Ort: Kulturpalast Hamburg, Öjendorfer Weg 30 a, Hamburg-Billstedt

Donnerstag, 6. Februar, 11.00 – 13.00 Uhr – Sonderführungen in der Gedenkstätte Kolafu“

24. Januar 2020

(auch für Schulklassen geeignet) Vorbeischauen ohne Anmeldung ist möglich.

Veranstalterin: VVN-BdA Hamburg Nord – Eine Veranstaltung im Rahmen der Woche des Gedenkens Nord

Ort: Gedenkstätte Kolafu, Suhrenkamp 98

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