Presseerklärung der VVN-BdA anlässlich der Angriffe auf das Kollegium und die Schüler der Ida-Ehre-Schule in Presse und Öffentlichkeit

22. März 2019

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten ist erschrocken, wie sehr die Hetze der AfD  in die Mitte der Gesellschaft wirkt.

Die 1934 eröffnete Jahn-Schule war eine NS-Vorzeigeanstalt. Bereits ab 1935 wurden die jüdischen Schüler_innen von der Schule vertrieben. Eine davon war unsere Freundin Steffi Wittenberg.

Mit vielen anderen Akteuren hat sie sich dafür eingesetzt, dass die Schule sich mit der im Jahr 2000 erfolgten Umbenennung vom Namensgeber Jahn trennte, der mit Fug und Recht als wichtiger Propagandist  des völkischen Nationalismus und damit auch als Wegbereiter des verbrecherischen Naziregimes gilt.

Ida Ehre, deren Namen die Schule seitdem trägt, hat sich als Überlebende der Shoah  stets im Sinne des „Nie wieder!“ gesellschaftlich positioniert. Unvergessen ihr „Sag NEIN“  beim Festival  „Künstler für den Frieden“ 1983.

Die Ida Ehre Schule hat sich inzwischen einen guten Ruf  als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“  erworben. Der »Arbeitskreis Erinnerung an der Ida Ehre Schule« führt die konsequente Aufarbeitung und Erinnerung an die NS-Vergangenheit fort, die Schüler_innen und Lehrer_innen in den letzten Jahrzehnten in verdienstvoller Arbeit begonnen haben. Auch daran hat Steffi Wittenberg als Zeitzeugin aktiv mitgewirkt.

Dass Schülerinnen und Schüler dieser Schule sich heute antifaschistisch engagieren, ist erfreulich und notwendig. Dass die AfD eine Sammlung von Meinungen und Anliegen, die der Unterrichtsvorbereitung einer Klasse dienen, in ihr Denunziationsportal stellt, ist so schäbig wie das ganze Projekt dieser neuen völkisch-nationalistischen Partei.

Dass der Inlandsgeheimdienst Jugendliche der Antifa Altona-Ost in seinem „Verfassungsschutz-Bericht“ als linksextremistisch stigmatisiert, weil ihr Ziel die „Verteidigung des multikulturellen Anspruchs Altonas gegen alle Aktivitäten, die aus ihrer Perspektive heraus als ‚Rechts‘ definiert werden“ sei, wirft erneut ein Schlaglicht auf die Problemlage bei diesem Dienst.

Dass Senat und Schulaufsicht die Schule nicht vor den Attacken der AfD schützen, ist bitter und dass die Medien der Stadt den „Schulpranger“ durch ihre Berichterstattung verallgemeinern, bestürzend.

Wenn das Bündnis „Billstedt ist bunt“ für eine Diskussionsveranstaltung vor der Europawahl keine Räume in einer Schule nutzen darf, weil die AfD keinen Platz auf dem Podium hat, zeigt, wie wichtig es ist, dem Druck von Rechts Zivilcourage entgegenzusetzen.

„Der Skandal  sind nicht ein paar antifaschistische Schüler-Sticker an einer  „Meinungswand“. Der Skandal  ist, dass Senat, Schulaufsicht und Medien dem AfD-Schulpranger den Anschein von Seriosität verleihen“, sagt  die Bundesvorsitzende der VVN-BdA Cornelia Kerth.

Unsere Sympathie und Solidarität gehören der Ida-Ehre-Schule, und den  Schüler_innen und Lehrer_innen, die Ziele dieses Angriffs sind.

Hamburg, den 21. März 2019

 

Georg Chodinski, Landessprecher

für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten

Rede von Heike von Borstel auf der Kundgebung zum 76. Jahrestag der Mitglieder der Weißen Rose am 23.02.2019

1. März 2019

Liebe Anwesende
Ich begrüße Euch und Sie im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten zu unserem Gedenken an die ermordeten Mitglieder der Weißen Rose in München und Hamburg. Gestern jährte sich die grausame Hinrichtung der jungen Widerstands-kämpferin Sophie Scholl, ihres Bruders Hans Scholl und ihres gemeinsamen Freundes Christoph Probst am 22.2.1943 in München zum 76. Mal. Ihnen folgten ihre Kommilitonen Alexander Schmorell und Willi Graf und Professor Kurt Huber. Sie überschrieben ihre ersten 4 Flugblätter mit „Flugblatt der Weißen Rose“.
Insgesamt waren es 6 Flugblätter gegen das Naziregime die diese mutigen jungen Menschen geschrieben und mit Hilfe vieler anderer mutiger Menschen im ganzen Reich verbreitet haben. So kamen die Flugblätter u.a. durch die Studentin Traute Laferentz und nach der Ermordung der 3 durch den Hamburger Chemiestudenten Hans Leipelt und seiner Freundin Marie Luise Jahn nach Hamburg. Im Haus seiner Mutter Katharina Leipelt hatten sich schon früh regelmäßig Menschen getroffen, um sich über ihre Kritik am Regime auszutauschen. Auch im Keller der Buchhandlung „Agentur im Rauhen Haus“ am Jungfernstieg 50, trafen sich immer wieder und mit der Zeit immer mehr Menschen, um über Hitler und das unmenschliche System der faschistischen Regierung zu sprechen und zu überlegen, wen sie noch in ihren Widerstand einbeziehen könnten.
Hans Leipelt, Katharina Leipelt, Margaretha Rothe, Dr. Kurt Ledien, Margarethe Mrosek, Elisabeth Lange, Frederick Geussenhainer und Reinhold Meyer. Sie alle gehörten zu diesen Kreisen. Sie alle wurden auf grausamste Weise gequält und ermordet. Nach dem Krieg nannte man sie den „ Hamburger Zweig der Weißen Rose“, weil es vielfältige Verbindungen gab und sie die Flugblätter auch hier verbreiteten.

Erinnern – Gedenken – Mahnen – Gegen das Vergessen – gegen das Verschweigen und Verdrängen – die Lebens- und Leidensgeschichten der Ermordeten erzählen – ihnen Gesichter geben – durch Stadtteil- und Stolpersteinrundgänge, Veranstaltungen, Filme, Mahnwachen – Mahnmale – wie dieses hier.
Dass das Ortszentrum von Volksdorf seit über 40 Jahren ihren Namen trägt und hier ein Mahnmal in Form einer stilisierten Rose des Bildhauers Franz Reckert steht, – und nach ihrem Verschwinden wieder steht – eine Gedenk-platte mit den Namen, eine Hinweistafel, einen Informationsraum in der Bücherhalle – und dass es inzwischen viele Stolpersteine in den Walddörfern gibt, ist vielen sehr engagierten, nicht aufgebenden Menschen in Volksdorf zu verdanken. Da ist der Arbeitskreis Weiße Rose, der Geschichtsraum Walddörfer, die Begegnungsstätte Bergstedt, die Schüler des Walddörfer Gymnasiums und der unermüdliche Herr Stockhecke… um nur einige zu nennen.
Und doch denke ich manchmal, wenn ich hier beim Einkaufen vorbeigehe, wer von den vielen inzwischen nach Volksdorf gezogenen jungen Eltern ihren Kindern und die vielen Großeltern, die hier mit ihren Enkelkindern zum Eisessen auf der Mauer sitzen, könnte denn die Geschichte von Frederick Geussenhainer oder Elisabeth Lange erzählen, wenn sie von ihren Kindern und Enkelkindern gefragt werden, „was das da ist“ und wenn sie Lesen gelernt haben und fragen: „Margaretha Rothe – wer ist das?“
Kennen sie die Flugblätter? Wissen Sie, was diese Menschen, deren Namen sie hier sehen durchgemacht haben? Was ihnen geschehen ist?
Lasst uns weitermachen – mit dem Erinnern an all die Menschen, die es gewagt haben, dem verbrecherischen faschistischen Regime die Stirn zu bieten.

Sie wollten Freiheit und kein alles erstickende Gängelnde. Sie schrieben es nachts an die Wände – in München, Hamburg und anderswo. Freiheit war das letzte Wort von Hans Scholl. Sie wollten offen ihre Meinung sagen, offen politische Diskussionen führen dürfen. Sie wollten die verbotenen Bücher lesen, die sogenannte „entartete Kunst“ kennen lernen. Swingmusik hören und tanzen.
Sie wollten es für sich und alle Menschen.
Sie wollten, dass die massenhafte Ermordung der jüdischen Menschen, die unbeschreiblichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den besetzten Gebieten aufhört.
Sie wollten Frieden. Wollten, dass das sinnlose Abschlachten so vieler Menschen aufhört. Einige von ihnen waren als Soldaten im Krieg oder als Medizinstudenten im Kriegseinsatz und erlebten die Grausamkeiten des Krieges und der Verbrechen gegen die Zivilgesellschaft.

Sie forderten in ihren Flugblättern zur Sabotage in den kriegswichtigen Fabriken auf, zur Verweigerung aller Aktivitäten des faschistischen Regimes.

Und sie hofften auf viele mutige Menschen, die es ihnen gleichtaten, baten um die Vervielfältigung und Weitergabe ihrer Flugblätter, suchten unter Lebensgefahr weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter in ihrem Kampf. Sie versuchten, sich mit anderen politischen Widerstandsgruppen zu „vernetzen“.
Sie führten ihren Kampf unter barbarischen Verhältnissen, immer unter Einsatz ihres Lebens.
Sie wurden denunziert, verraten, gequält und ermordet.

Lasst uns ihr Vermächtnis auch nach so vielen Jahren aufrechterhalten! Sie wollten informieren, aufrütteln, handeln. Lasst uns das weiter tun!
Und heute?
Wir dürfen noch laut sagen, was ist und mahnen, was daraus werden könnte. Können demonstrieren, Veranstaltungen machen, Flugblätter und andere Publikationen verteilen….
Aber können wir das wirklich alle ohne gefährdet zu sein?
In den letzten Jahren wurden viele Menschen in ihrem Kampf gegen Rechtsextremismus, gegen Rassismus und gegen Antisemitismus beschimpft und ganz persönlich angegriffen, ihre Kinder bedroht, werden Journalisten in den sogenannten sozialen Netzwerken auf übelste Weise verunglimpft und ihnen ganz offen gedroht, werden Menschen auf der Straße gejagt, darf das verbrecherische System und Tun der Nazis als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnet werden – ungestraft!
Menschen auf der Straße zeigen wieder unverhohlen den Hitlergruß!
Stolpersteine werden herausgerissen.
Hier bei uns in Hamburg darf die AfD ungestraft zur Denunziation von Lehrerinnen und Lehrern aufrufen! In Magdeburg wird einem jungen Mann von der AfD gedroht, weil er an einer Auschwitzveranstaltung mit Esther Bejerano in Hamburg teilnimmt. Da beschmutzt diese Partei das Andenken von Sophie Scholl, indem sie ein Plakat rausbringt: Sophie Scholl würde die AfD wählen.
Da werden rechtsextreme Strukturen in der Polizei und der Bundeswehr bekannt, die u.a. offensichtlich schon für den Fall der Möglichkeit Todeslisten mit Namen von zu ermordenden Politikerinnen und Politikern, Journalisten und anderen engagierten Menschen angelegt haben. Da werden Daten über die Familie einer der Anwältinnen der Nebenklage im NSU-Prozess von Polizisten in Frankfurt weitergegeben. Und da wird so lange verschwiegen und verdrängt bis es nicht mehr geht.
Lasst uns den Wunsch und das Vermächtnis der Weißen Rose und aller anderen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, der Überlebenden von Buchenwald und Ausschwitz weitertragen.
Lest die Flugblätter der Weißen Rose, verbreitet sie weiter und erzählt von ihren Autorinnen und Autoren! Erzählt den jungen Menschen heute von ihrem Mut. Sie waren keine Helden, keine Märtyrer oder Heilige. Sie waren Menschen, die für ihre tiefe Überzeugung einstanden und handelten, wo andere schwiegen.
Ich möchte mit einem Zitat unserer Esther Bejerano, eine der wenigen noch lebenden Überlebenden von Auschwitz und einem etwas abgewandelten Appell von Julius Fucik, einem tschechischen Widerstandskämpfer kurz vor seiner Hinrichtung enden:
Esthers Worte: „Nie mehr schweigen, wegsehen, wie und wo auch immer Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit hervortreten. Erinnern heißt Handeln!“
Menschen seid wachsam – Wir hatten euch lieb!

Rede von Carola Kieras, VVN-BdA, auf der Demonstration vom 07.11.2018

8. November 2018

Guten Tag, liebe Antifaschisten und Antifaschistinnen,

Ich freue mich hier für die Vereinigung des Verfolgens des Naziregimes –Bund der Antifaschisten sprechen zu dürfen. Die Vereinigung wurde gegründet von Überlebenden der Konzentrationslager und Gefängnisse, sie brachten den zentralen Gedanken des Schwures von Buchenwald mit: „Der Aufbau einer neue Welt des Friedens und der Freiheit ist unsere Ziel. Das sind wir unseren ermordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“

Das ich mich in der VVN-BdA engagiere, hat für mich einen sehr persönlichen Grund, aber, auch das ist wichtig, dieser Grund ist nicht zwingend erforderlich, um bei uns mitzuarbeiten.

Hier in Hamburg gehörte mein Großvater, Georg Kieras, am 2. Februar 1947 zu den Gründungsmitgliedern der VVN. Er wurde 1935 zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt wegen „Vorbereitung zu Hochverrat“. Was hat er getan? Er hat nach dem Verbot der SPD und der Verhaftung des Parteivorstandes in der zweiten, dann illegalen Parteiführung Hamburgs mitgearbeitet. Und er hat in Dänemark gedruckte Flugblätter angenommen in andere Hamburg Stadtteile weitergeleitet. Zu den vielen Facetten des Faschismus an der Macht gehört eben auch eine massive Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, Meinungsfreiheit, Informationsfreit, demokratische Parteien, Versammlungsfreiheit. Rechte, die wir als ganz selbstverständlich wahrnehmen und heute bei dieser Demo für uns nutzen.

Mein Großvater musste diese vier Jahr in Lager Aschendorfer Moor, im Emsland verbringen, war ein „Moorsoldaten“. Die Zustände werden heute von den Historikern als KZ-ähnlich beschrieben. Die Verwaltung dieses und einiger anderer „Emslandlager“ unterstand nicht der SS, auch die Wachmannschaften nicht, sondern der gleichgeschalteten nationalsozialistischen Justiz, die Wachen waren zumeist ehemaliger SA-Mitglieder, für die Schläge und Folter zum Verhaltens Repertoire dazugehörten.

Was bedeutet diese Verurteilung für meine Familie?

Zunächst stand meine Großmutter mit 2 kleinen Kindern alleine dar. Sie wurde „dienstverpflichtet“ wie es damals hieß, aber Kindergartenplätze gab es natürlich nicht. Sie war einem massiven Druck seitens ihrer Familie ausgesetzt, sich doch bitte von diesen „Verbrecher“ scheiden zu lassen, was sie schließlich tat. Das war der Preis für die lebenswichtige Unterstützung durch die Familie. Auch die Zerstörung von Familien gehört zu den Folgen der Verfolgung.

Übrigens waren beide, meine Großmutter und mein Großvater von der Gestapo ins Stadthaus gebracht worden. Was genau sie dort erlitten, weiß ich nicht, keiner hat mit mir darüber gesprochen, ich war damals auch noch zu klein, um es zu verstehen. Ich weiß aber, die Gestapo hat öfters mal jemanden, der trotz Schläger und Folter nicht reden wollte, damit unter Druck gesetzt, dass er zusehen musste, wie seinen Angehörigen Schläge und Folter drohten. Vielleicht ist den beiden auch so etwas wiederfahren.

Das was dort heute als „Gedenkort“ angeboten wird, ist schrecklich. Die Änderung des Namens des Ortes, aus Stadthaus wurde Stadthöfe, die rudimentäre Information auf wenigen, billiggemachen Tafeln, die Café-Atmosphäre, die damit verbundenen Geräuschkulisse, der kommerzielle Rahmen einer Buchhandlung, das alles empfinde ich als eine Verhöhnung der Opfer. Das schmerzt.

Deshalb möchte auch ich Euch ich alle auffordern morgen ab 17 Uhr zur Mahnwache an das Stadthaus zu kommen und unsere Forderung nach einem angemessenen Gedenk – und Lernort zu unterstützen, der die Bedeutung der Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen würdigt.

Ich habe in meiner Familie, die heute in 4 Ländern auf 2 Kontinenten lebt, eines gelernt, dass mir ungeheuer wichtig ist:

Ich habe gelernt Menschen als Individuen zu sehen, nicht Gruppen zuzuordnen, die sich aus der Herkunft zufällig zusammensetzten.

Haut -, Haar- und Augenfarben spielen keine Rolle bei der Beurteilung eines Menschen. Auch nicht ob jemand an einen Gott glaubt, oder nicht und ob er oder sie sich zum Beten gen Mekka wenden oder Gebetsriemen anlegen, das ist uns völlig egal.

Stichwort Religion. Religiöse Gesetze sind entstanden, um das Zusammenleben in größeren Gemeinschaften zu regeln, bevor sich Nationalstaaten und deren Justiz ausbildeten. In jeder, absolut jeder Religion finden wir Verbote von Mord, Vergewaltigung, Raub und Betrug. Das heißt doch nichts anderes, als das es zu jeder Zeit und in jedem Landstrich diese Erde diese Probleme gab. Und dass es keine Bevölkerung auf diese Welt gibt, die besser oder schlechter ist als die anderen. Überall gibt es solche und solche. Und meistens überwiegen sogar die Guten.

Es müssen Wege gefunden werden, mit Verbrechen umzugehen. Immer und überall. Gute Lebensbedingungen und Perspektiven für alle, nicht nur für eine kleine wohlhabende Schicht, schaffen eine erste Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

Kann man aus der Geschichte lernen?

Ich glaube, das geht nur sehr eingeschränkt. Aber es gibt einen Aspekt, den wir der Weltgeschichte entnehmen können. Da ich mich sehr darüber ärgere, dass das in keinem Geschichtslehrbuch steht, möchte ich die Gelegenheit nutzen, diesen Gedanke heute mit Euch und Ihnen zu teilen.

In der Weltgeschichte gab es immer sogenannte „Hochkulturen“ die prägend für Kultur und Wissenschaft ihrer Zeit waren. Träger von Kultur sind immer Menschen. Diese Hochkulturen, seien es die Sumerer im heutigen Irak, die alten Ägypter, Griechen, Römer, das britische Empire oder die Vereinigten Staaten von Nordamerika, waren immer durch den Zuzug und die Integration vieler sehr verschiedener Bevölkerungen und Ethnien entstanden. Immer. Meistens dauerte es eine Zeit, oft 2- 3 Generationen, bevor ein relativ gleichberechtigtes Zusammenleben möglich war. Aber es brachte langfristig Gewinn und Fortschritt. Durch Abschottung jedoch kann indes ein kultureller und wirtschaftlicher Niedergang eingeleitet werden.

Ich frage mich immer, ob die rechten Demonstranten gewillt wären, auf alle Güter und Gewohnheiten des täglichen Lebens zu verzichten, die nicht explizit aus Deutschland stammen:

Keine Zigaretten, keine Jeans, kein Fußball, keine Pizza oder Spaghetti, keine Hamburger mit Pommes, kein Eis, kein Kaffee mehr, keine Schokolade, keine Handys, um nur die zu nennen, die mir spontan eingefallen. Bier bliebe ihnen jedoch erhalten.

Die Erkenntnis, dass Wanderbewegungen seit Anbeginn zur Menschheitsgeschichte gehören, die meisten Kontinente sind schließlich so besiedelt worden, und dass Gesellschaften nie so bleiben, wie sie sind, sondern sich stetig weiterentwickeln und durch Austausch gewinnen, müssten in die Lehrpläne und in allgemeinen Diskurs in unseren Medien aufgenommen werden. Dann würden bei der rechten, antidemokratischen Kundgebung bestimmt noch weniger Menschen stehen, als sie es ohnehin schon tun und rechte Demagogen würden weniger Zustimmung bei Wahlen erhalten.

Ich danke für Eure und Ihre Aufmerksamkeit.

Rede von Esther Bejarano zum „Tag X“ nach dem NSU-Urteil am 14.07.2018 in Hamburg

20. Juli 2018

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

liebe Freundinnen und Freunde,

am Mittwoch wurden die Urteile im NSU-Prozess gesprochen. Die Ergebnisse sind bekannt.

Nur 4 weitere Nazis saßen mit Beate Zschäpe auf der Anklagebank. Sie wurden nur als „Helfer“ zu kurzen Strafen verurteilt, nicht als Mitglieder des Terrornetzwerks, das es gab und vermutlich noch immer gibt. Dem wollte das Gericht nicht nachgehen.

Es fehlten auf der Anklagebank all‘ jene, nach denen gar nicht erst gesucht wurde, die es aber gegeben haben muss: wer hat die Opfer ausgesucht und ihre Tagesabläufe ausgespäht, Fluchtwege vorbereitet?

Es fehlten die V-Leute aus dem Umfeld der Mördertruppe, militante Nazis, die der Verfassungsschutz aus Steuergeldern bezahlt. Es fehlten auch die V-Mann-Führer, die den Schutz ihrer „Quellen“ vor Aufklärung und Strafanspruch stellen, die Akten schredderten, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt.

Was ist die Wahrheit? Sicher nicht, dass der VS-Mitarbeiter Temme in Kassel nur zufällig in dem Internet-Café war, als Halit Yozgat dort ermordet wurde und sicher nicht, dass er davon nichts bemerkt hat. Auch dem ist das Gericht nicht nachgegangen.

So viele Fragen sind offen geblieben. Rassistische Morde, rassistische Ermittlungen, in denen die Opfer und ihre Familien kriminalisiert wurden, rassistische Medienberichte über angebliche „Döner-Morde“ und im Fall des Mordes an Michele Kiesewetter wurde eine Roma-Familie beschuldigt, nur weil sie zufällig in der Nähe des Tatorts war.

Meine Gedanken sind in diesen Tagen bei den Angehörigen der Opfer. Ich verstehe ihren Zorn und ihre Verzweiflung. Nach Jahren, in denen sie – die Leidtragenden – verdächtigt und beleidigt worden waren, hatte die Bundeskanzlerin ihnen 2011 die „vollständige Aufklärung“ des NSU-Komplexes versprochen. Davon kann keine Rede sein.

Meine Familie, sowie Millionen von Menschen, sind einer kranken und hasserfüllten Ideologie zum Opfer gefallen. Wir haben das gleiche Leid erleben müssen, wir mussten erfahren, dass geliebte Menschen AUS UNSEREM UND IHREM Leben gerissen wurden und unsere Welt ein Ort von Dunkelheit und Trauer wurde.

Es ist dieselbe Gesinnung, derselbe Hass und dieselbe Niedertracht, die uns unsere geliebten Mütter, Väter, Kinder, Schwestern und Brüder entrissen und uns ins Unglück gestürzt hat. Es ist der Rassismus, der so viele Menschen getötet hat und der auch heute noch tötet. Die gleiche Kälte und Ohnmacht, die wir spüren mussten und müssen, die gleiche Verzweiflung, allein und machtlos zu sein.

Ja, machtlos zu sein, denn es ist auch die Ignoranz und Akzeptanz der Politik, der Behörden, der Medien und leider auch der Gesellschaft, die uns, den Opfern, den Familien und unseren Freundinnen und Freunden das Gefühl gibt, machtlos und allein zu sein.

Ich musste zusehen, wie rassistische Richter, Ärzte, Beamte, Massenmörderinnen und Massenmörder unbehelligt weiterleben konnten, ohne für ihre grausamen Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sie besetzten ihre gewohnten Positionen und Ämter und konnten unbehelligt ihren Nazismus und ihren Hass aufrechterhalten. Das war für uns unerträglich und hat dafür gesorgt, dass die Ideologie weiter leben konnte.

Der Nazismus und Rassismus wurde in diesem Land auch nach 1945 weder politisch noch gesellschaftlich so konsequent bekämpft, wie er hätte bekämpft werden müssen und können. Er konnte sich auch weiterhin in staatlichen Strukturen festhalten, vor allem im Verfassungsschutz und der Justiz, und ja sogar noch mehr, er konnte sich wieder ausbreiten.

Um es klar auszusprechen, ohne das Wegschauen und das Decken nach 1945 hätte es das Oktoberfestattentat, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Solingen und Mölln und den NSU so nicht geben können. Es hätten aus den Erfahrungen und Ereignissen des Nationalsozialismus die richtigen Konsequenzen gegen den Hass gezogen werden müssen.

Es gab jedoch eine Toleranz gegen Täterinnen und Täter, und Nazis wurden und werden in diesem Land direkt und indirekt, durch politische Kampagnen und das Schweigen und Wegschauen ermutigt, weiter Hass und Leid zu verbreiten.

Und es gibt bis heute einen großen Unwillen, sich mit dem Nazi-Terror öffentlich zu beschäftigen. Ich denke hier an das Hamburger Stadthaus, in dem alle Menschheitsverbrechen der Nazis für Hamburg und Teile Norddeutschlands organisiert wurden: die Deportationen von Jüdinnen und Juden und Sinti und Roma in die Vernichtungslager, die Aufstellung der Polizeibataillone für den Vernichtungskrieg im Osten, die mörderische Behandlung der Zwangsarbeiterinnen und die grausame Verfolgung des Widerstands gegen das Nazi-Regime.

Dass dort, wo tausende gefoltert wurden, jetzt ein luxuriöses Einkaufszentrum entsteht, in dem die blutige Geschichte des Ortes in eine Ecke einer Buchhandlung verbannt wird, ist für uns alle wie ein Schlag ins Gesicht.

Das ist der rote Faden von damals zu heute. Es ist auch hier die gleiche Ignoranz und Akzeptanz – ja eine traurige und leidvolle Tradition, die wir zu verschiedenen Zeiten im gleichen Land erleben mussten!

Mit unseren Demonstrationen, die überall in der Bundesrepublik am Mittwoch stattgefunden haben und heute stattfinden, wollen wir auch deutlich machen, dass die Angehörigen der Ermordeten, dass die überlebenden Opfer der Bombenanschläge nicht allein sind. Ihnen wollen wir heute sagen:

Schauen wir uns um: so viele Menschen, die mit Euch und uns gedenken und Euch stärken und damit den Widerstand gegen den Rassismus und Nazismus aufrechterhalten.

Denn dies ist auch eine Tradition und meiner Meinung nach die wichtigste Tradition, die es auch schon im Nationalsozialismus gegeben hat: – der antirassistische und antifaschistische Widerstand!

Ich verstehe Euren Schmerz, Ihr den meinen und die Menschen hier und viele auf den Straßen unseren gemeinsamen Schmerz. Wir leben, leiden und vor allem kämpfen wir gemeinsam.

Ja, wir sind nicht nur Opfer, nein wir sind Kämpferinnen und Kämpfer für ein gerechtes Gedenken, gegen das Vergessen und gegen Hass und Rassismus!

Ich sage immer, dass ich heute in Schulen gehe, mit Schülerinnen und Schülern rede, aufkläre, Konzerte gebe, schreibe, lese und diskutiere – das ist meine späte Rache an den Nazis! Lasst uns gemeinsam kämpfen und ab heute bin ich ein Teil Eurer Rache und Ihr ein Teil meiner Rache – für alle Opfer des NSU und für alle Oper des faschistischen Terrors.

Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Wir können das nie vergessen.

Ehrenamtliches Engagement für NS-Verfolgte in Hamburg

28. Mai 2015

Ein neues Projekt des Vereins „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten“ bietet interessierten Hamburgerinnen und Hamburgern die Möglichkeit, sich ehrenamtlich in einem Besuchs- und Begleitdienst zu engagieren, der als Zielgruppe in Hamburg lebende ehemals NS-Verfolgte hat. Ziel ist es, die Lebenssituation der Betroffenen nachhaltig und konkret zu verbessern. Gespräche, Begleitung bei Einkäufen und zu Veranstaltungen, gelegentliche Hilfe im Haushalt oder im Garten, gemeinsam Spazierengehen, Vorlesen – angeboten wird alles, was den Aktionsradius der alten Menschen vergrößert und ihre Möglichkeit der Teilhabe am öffentlichen Leben steigert. Das Angebot ist kostenlos.   In den kommenden Monaten möchte das Projekt „Ehrenamtliches Engagement für NS-Verfolgte in Hamburg“ seinen Aktionsradius weiter ausdehnen. Gesucht werden deshalb:

  • Kontakte zu weiteren ehemals Verfolgten oder deren engen Angehörigen in Hamburg und im Hamburger Umland, die Begleitung und Unterstützung im Alltag wünschen. Auch Angehörige und Freunde können sich mit Hinweisen und Fragen gerne an den Verein „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten“ wenden.

 

  • Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Die Ehrenamtstätigkeit kann flexibel vereinbart werden; die Einsätze finden einmal pro Monat oder wöchentlich statt, in der Regel tagsüber. Die Ehrenamtlichen erhalten eine Aufwandsentschädigung und sind über den Verein versichert. Sie sollten Interesse für die besondere Situation ehemals NS-Ver­folg­ter und Einfühlungsvermögen mitbringen. Der Verein „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten“ bietet eine Einführung in die Tätigkeit sowie regelmäßige Treffen zum Austausch mit anderen Ehrenamtlichen und Fortbildungen.
  • Spenden. Geldspenden ermöglichen die Ausweitung des Projektes und garantieren seinen Fortbestand. Sie ermöglichen außerdem, Ausflüge mit den ehemals Verfolgten zu organisieren oder gemeinsam mit ihnen Veranstaltungen zu besuchen. Bankverbindung: Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten e.V., IBAN: DE89 2019 0003 0012 2136 08, BIC: GENODEF1HH2

(Hamburger Volksbank, Kontonr. 12213608, BLZ 201 900 03)

Kontakt für alle Interessierten sowie für weitere Auskünfte:

Petra Schondey (1. Vorsitzende)

Katja Hertz-Eichenrode (Projektkoordination)

Lagerstraße 30-32

20357 Hamburg

Telefon: 040-38 68 66 -12

ehrenamt@psychosoz-arbeit.org www.psychosoz-arbeit.org

Das Projekt wird unterstützt von der VVN-BdA, Hamburg und dem Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme; gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, Berlin.

Ehrenamt-Projekt_Info für VVN_2

Konsum statt Gedenken? Niemals! – Jeden Freitag von 17 bis 18 Uhr :

2. April 2019

Mahnwache für einen angemessenen Gedenkort Stadthaus.
Initiative Gedenkort Stadthaus

Ort: vor dem Stadthaus (Stadthausbrücke / Ecke Neuer Wall)

9. bis 22. April, Wanderausstellung „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“

2. April 2019

Im Rahmen der diesjährigen Passionszeit zeigt das Ev. Gemeindezentrum Mümmelmannsberg vom 9. bis 22. April die Wanderausstellung der Vereinigung „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“. Am 9. April um 19 Uhr findet die Eröffnungsveranstaltung im Gemeindezentrum statt.

Im April 1945 sind die alliierten Armeen schon weit in das faschistische Deutschland vorgestoßen. Aber erst am 8. Mai wird die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. Bis dahin beseitigen jene, die wissen, welche Verbrechen sie begangen haben, so viele Beweise wie möglich.

In dieser Zeit leben im KZ Neuengamme noch 20 jüdische Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren. Monatelang hatte der SS-Arzt Dr. Kurt Heißmeyer sie als Versuchsobjekte für medizinische Experimente missbraucht. Am 20. April 1945 bringt man die Kinder zusammen mit vier erwachsenen Gefangenen, die sich im Lager um sie gekümmert haben, nachts heimlich in ein großes Schulgebäude in Rothenburgsort – selbst die anderen Häftlinge in Neuengamme sollen von der Vorbereitung des Verbrechens möglichst nichts mitbekommen. Es handelt sich um die Schule am Bullenhuser Damm, die als Außenstelle des KZ Neuengamme dient.

Die Gruppe wird in den Keller gebracht. Im Heizungsraum erhängt man die Betreuer der Kinder, die ja auch Zeugen der Experimente waren, an einem Rohr unter der Decke. Den Kindern spritzt man Morphium. Schlafend erhängt man sie an einem Haken an der Wand. Dann werden die nächsten Gruppen erhängt, 24 sowjetische Kriegsgefangene. Wie sie hießen, weiß man bis heute nicht.

Nach Kriegsende wurde aus der Schule wieder eine Schule, deren Schüler über die Verbrechen im Keller des Gebäudes nicht aufgeklärt wurden. Nur einige frühere Mithäftlinge aus dem KZ Neuengamme kamen jedes Jahr mit Blumen zum Bullenhuser Damm. Erst durch Nachforschungen des Journalisten Günther Schwarberg wurde das Verbrechen Ende der 70er Jahre einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Durch langjährige Recherchen in vielen Ländern hatte Schwarberg auch die meisten der überlebenden Angehörigen der Kinder ausfindig gemacht.

Am 20. April 1979, also vor 40 Jahren, kamen das erste Mal Angehörige der Kinder zur Gedenkfeier in die Schule am Bullenhuser Damm; in den Folgejahren wurde schrittweise die heutige Gedenkstätte eingerichtet.

Die Wanderausstellung „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“ dokumentiert die Geschichte der Kinder, ihrer Betreuer und auch der Täter, von denen der größte Teil straffrei ausging und in der späteren Bundesrepublik unbehelligt weiter leben konnte; sie wendet sich besonders an Kinder und Jugendliche, um das Gedenken und auch die Mahnung wachzuhalten, daß ein solches Verbrechen nie wieder geschehen darf.

 

Im Rahmen der Ausstellung zeigt das Ev. Gemeindezentrum auch Lithographien des ehemaligen KZ-Häftlings Richard Grune, die dieser bereits kurz nach seiner Befreiung gefertigt hatte; in ihnen wird der ganze Schrecken des Lebens und Sterbens in den Konzentrationslagern deutlich. Auch der demütigende Briefwechsel mit diversen Versorgungsbehörden zur Erlangung einer angemessenen Entschädigung wird dokumentiert.

Die Eröffnungsveranstaltung wird durch musikalische und Textbeiträge der Ausstellung einen würdigen Rahmen geben.

Mitte April bis Ende Mai – Eimsbüttler Monat des Gedenkens (EMdG)

2. April 2019

Sonnabend, 13. April, 13.00 Uhr – „Gedenken am Höltigbaum“ für die dort auf dem Schießstand während des Zweiten Weltkrieges erschossenen Wehrmachtssoldaten.

2. April 2019

Mitwirkende: Schüler*innen des Gymnasiums Osterbek

Ort: Haus der Wilden Weiden, Eichberg 63, 22143 Hamburg

Unter dem Titel „Die Vergessenen“ wartet auch dieses Jahr das Osterbek-Gymnasium mit einer Premiere auf. 26 Schülerinnen und Schüler aus dem Theaterkurs führen eine szenische Lesung auf, in der die friedliche Naturidylle in einem Gedicht von Arthur Rimbaud eine überraschende Wendung erfährt. Die Gymnasiastin Jasmin Thießen wird die Inszenierung mit Liedern begleiten – Ein Flüchtling aus Syrien berichtet über die Zwangsrekrutierung seines Bruders und die Zwänge, die jetzt die Türkei in Afrin ausübt – Georg Chodinski stellt das Schicksal des Wehrmachtsdeserteurs Konrad Mannshardt vor – Schweigeminute an der Gedenktafel für die hingerichteten Wehrmachtsdeserteure –

Veranstalter: Bündnis Hamburger Deserteursdenkmal

„Was kann man besseres tun, als auch in Zukunft den Krieg – und zwar jeden Krieg – zu verraten!“ Ludwig Baumann (1921-2018)

Am Truppenschießplatz Höltigbaum in Hamburg Rahlstedt wurden im 2. Weltkrieg mindestens 150 Soldaten erschossen, weil sie das staatlich sanktionierte Morden und Sterben satt hatten und sich dem Krieg verweigerten. Zeitzeugen vermuten, dass es wesentlich mehr waren. Erschreckend hoch ist die Zahl der Hinrichtungen in den letzten Kriegswochen: 43 im März und 42 im April 1945. Wie blindwütig die Wehrmachtsjustiz Urteile vollstrecken ließ, zeigt die hohe Gesamtzahl ihrer Opfer: 50.000 kriegsgerichtliche Todesurteile, von denen 30.000 vollstreckt wurden, davon 23.000 an Deserteuren. Die Urteilsgründe hießen „Unerlaubte Entfernung von der Truppe“, „Fahnenflucht“ oder „Feigheit vor dem Feind“. An diese erschossenen Deserteure wollen wir erinnern.

In der Nachkriegszeit waren die überlebenden Kriegsdienstverweigerer und Deserteure in Westdeutschland gesellschaftlich geächtet und wurden als gewissenlose Feiglinge gebrandmarkt. Erst im Mai 2002 sind die Urteile an Wehrmachtsdeserteuren vom deutschen Bundestag aufgehoben worden, und sieben Jahre später rehabilitierte das hohe Haus endlich auch die wegen „Kriegsverrat“ Verurteilten. Dieser Anerkennung war ein jahrelanges Ringen, ausgehend von der „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“, vorausgegangen. Ludwig Baumann, der kürzlich verstorbene Vorsitzende der Bundesvereinigung, 1942 zum Tode verurteilt, später zu 12 Jahren Zuchthaus „begnadigt“, hatte an der politischen Rehabilitierung einen entscheidenden Anteil.

Auch heute suchen Deserteure Schutz vor Verfolgung in ihren Heimatländern. Menschen, die weder die Gemetzel regulärer Armeen noch aufständischer Gruppen mitmachen wollen. Viele Deserteure leben heute in unserer Nachbarschaft als Flüchtlinge und fürchten eine Abschiebung. Da Fahnenflucht als Asylgrund in Deutschland nicht anerkannt wird, sprechen sie nicht offen von ihren Gründen der Flucht, auch weil sie eine Verfolgung ihrer Angehörigen im Heimatland fürchten. Die Deserteure der heutigen Kriege brauchen unsere Solidarität.

Sonntag, 14. April 2019, 11.00 bis ca. 13.30 Uhr – Stadtteilrundgang: Auf den Spuren von Widerstand und Verfolgung in St. Pauli

2. April 2019

Treffpunkt: U-Bahnstation „St. Pauli“, Ausgang Reeperbahn / Millerntorplatz

In den Straßen St. Paulis erinnern zahlreiche Gedenktafeln und Stolpersteine an den Terror der Nazis. Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Euthanasie, Hass und Feindschaft gegen Andersdenkende führten zu faschistischen Übergriffen und brutaler Verfolgung, deren Grausamkeit bis heute nicht vergessen ist. Präsent sind aber auch die Spuren des Widerstands. Das Spektrum der Gegenwehr war breit und reichte von kommunistisch-sozialdemokratischer Untergrundarbeit über mutiges Verhalten von Wehrmachtdeserteuren bis hin zu unangepassten Aktivitäten der Swing-Jugend.

Preis: 15,00 € , ermäßigt 7,50 € p.P. zu Gunsten der „Kurverwaltung St. Pauli“

Kooperationsveranstaltung der Kurverwaltung St. Pauli / VVN-BdA Hamburg

 

19.4.2019 um 19.00 Uhr (pünklich) – „Hier boxte Johann Rukeli Trollmann“

2. April 2019

Johann Trollmann: Als „Asozialer“ verfolgt; als Sinto im KZ Neuengamme am 9. Februar 1943 ermordet. „Rukeli“ Trollmann: Als Boxer aus der „deutschen Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen; zum „Idol“ erklärt in Literaturund Film.

Eine Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme in der Reihe „Erinnerung bewahren“ und des Antifatresen in der Roten Flora.
in der Roten Flora, Schulterblatt, Hamburg

Seit 2009 weist ein Stolperstein darauf hin, dass Johann „Rukeli“ Trollmann in der Flora im Schulterblatt einen Boxkampf bestritt. Er wurde im Nationalsozialismus doppelt verfolgt: Als Sinto und als sozialrassistisch Ausgegrenzter.

Häftling im KZ Neuengamme.  Einführung durch Thomas Käpernick, Arbeitsgemeinschaft Neuengamme.

Johann „Rukeli“ Trollmann in den Mühlen der Zwangssterilisation. Ergebnisse neuer
Forschungen von Lothar Eberhardt, AK Marginalisierte – Gestern und Heute, Berlin.

Gedenken an Johann „Rukeli“ Trollmann. Gespräch mit Rita Vowe-Trollmann, Tochter Johann Trollmanns, Berlin, und Lothar Eberhardt.

Mit dem Publikum möchten wir außerdem über Kontinuitäten und Brüche diskutieren. Wie kann Gedenken dazu beitragen, unseren Blick auf aktuelle rassistische Praktiken zu schärfen?

Der Eintritt ist frei, über Spenden für die Unkosten freuen wir uns.

Vorsitzende: Uta Kühl, Jean-Dolidier-Weg, 21039 Hamburg, mail@ag-neuengamme.de; Ehrenvorsitzende: Fritz Bringmann †, Herbert Schemmel †,

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Sonnabend, 20. April, 16.00 Uhr – Gedenkfeier für die Kinder vom Bullenhuser Damm

2. April 2019

Ort: Turnhalle Schule am Bullenhuser Damm, Bullenhuser Damm 92

 

OSTERMÄRSCHE

2. April 2019

Sonnabend, 20. April, 10.00 Uhr – Wedel: Auftakt vor dem Rathaus, Bahnhofstr. Montag, 22. April, 12.00 Uhr – Hamburg

Abrüsten statt aufrüsten – Atomwaffen abschaffen – Entspannungspolitik jetzt!

Treffpunkt: St.-Georgs-Kirchhof, (Nähe U/S-Bahn Hauptbahnhof)

zuvor um 11.30 Uhr Osterandacht – Dreieinigkeitskirche

ab 13.30 Uhr Friedensfest: Ort: Carl-von-Ossietzky-Platz

Sonnabend, 27. April, 13.00 Uhr (EMdG) – STOLPERSTEINE IN NEUEM GLANZ

2. April 2019

VVN-BdA-Aktion gegen das Vergessen mit der Zeitzeugin Marianne Wilke
Wir putzen die Stolpersteine von Opfern des Faschismus und lesen aus ihren Kurz-Biographien, Dauer ca. 2 Std.

Veranstalter: VVN-BdA Eimsbüttel und die Gedenkstätte Ernst-Thälmann e.V.

Treffpunkt: U-Bahn Osterstrasse vor Edeka

Sonntag, 28. April, 17.00 Uhr – Der letzte Jolly Boy

2. April 2019

Ein Film von Hans-Erich Viet, D 2018

Leon Schwarzbaum, geboren 1921 in Hamburg, aufgewachsen in Polen. Als Einziger seiner Familie überlebt er Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen. Als Jugendlicher spielt er mit seiner ‚Boy Group‘, den “Jolly Boys”, amerikanischen Swing. Heute lebt der 97-Jährige in Berlin.
Trotz seines hohen Alters sucht er seit ein paar Jahren die Öffentlichkeit, um endlich ‚die Wahrheit‘ zu sagen. Davor hat er Jahrzehnte geschwiegen.
Auf seiner Suche nach Identität und Versöhnung begleiten wir Leon Schwarzbaum zum Landgericht Detmold, wo er im Prozess gegen den SS-Mann Reinhold Hanning als Nebenkläger und Hauptzeuge auftritt. Wir besuchen seine polnische Heimat Bedzin, und wir fahren gemeinsam nach Auschwitz. Außerdem begleiten wir Leon Schwarzbaum, wenn er im Gefängnis von Zeithain mit Insassen spricht. (RFF – Real Fiction Filmverleih e.K.)

Ort: Kommunalen Kino METROPOLIS – Kleine Theaterstraße 10  

Das Foyer und der Kinosaal sind mit dem Rollstuhl erreichbar!

 

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