„Konkrete Kämpfe, reale Erfolge – Antifaschistischer Widerstand in Hamburg nach 1945“

18. August 2026

Ist ein (Publikations)Projekt des Arbeitskreis Neofaschismus der VVN-BdA Hamburg. Es beleuchtet zivilgesellschaftliche, politische und kulturelle Interventionen, mit denen in Hamburg seit dem Ende des Nationalsozialismus neonazistische Aktivitäten, geschichtsrevisionistische Projekte und rechte Raumnahme öffentlich benannt, zurückgedrängt oder verhindert wurden. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen.

Barmbek sagt Nein

Wie ein Stadtteil und das Hamburger Bündnis gegen Rechts den Versuch der NPD scheitern ließen, den 1. Mai zu vereinnahmen

Wer am Morgen des 1. Mai 2008 durch die Fuhlsbüttler Straße ging, bemerkte sofort, dass dieser Tag anders werden würde. In den Schaufenstern von Bäckereien, Buchhandlungen, Kneipen, Geschäften und sozialen Einrichtungen hing immer wieder dasselbe Plakat: „Barmbek sagt Nein zu Neonazis.“ Insgesamt 43 Geschäfte, Initiativen und Einrichtungen hatten sich der Kampagne angeschlossen. Noch bevor die erste Demonstration begann, war sichtbar, dass dieser Stadtteil den angekündigten Aufmarsch der NPD nicht als gewöhnliche Demonstration betrachtete. Barmbek hatte bereits Stellung bezogen.

Als sich wenig später die Demonstration des Hamburger Bündnisses gegen Rechts (HBgR) am Wiesendamm sammelte, zeigte sich, dass die monatelange Mobilisierung ihr Ziel erreicht hatte. In seiner Auftaktrede stellte das Bündnis fest: „Es sind heute so viele Menschen in Hamburg gegen die Nazis auf der Straße wie lange nicht mehr. Das ist ein erster wichtiger Erfolg der Mobilisierung aus den verschiedenen antifaschistischen Spektren.“

Diese Einschätzung erwies sich als zutreffend. Doch der Erfolg dieses Tages war keineswegs selbstverständlich. Die NPD hatte Hamburg bewusst zum bundesweiten Schwerpunkt ihres 1.-Mai-Aufmarsches gewählt. Ausgerechnet Barmbek – ein Stadtteil, der wie kaum ein anderer für die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung steht – sollte zur Bühne ihrer Inszenierung werden.

Dass dieser Plan scheiterte, war nicht das Ergebnis eines einzelnen Protesttages. Es war das Resultat einer über Jahre aufgebauten Bündnisarbeit, einer tiefen Verankerung im Stadtteil und der Zusammenarbeit sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte. Der 1. Mai 2008 wurde damit zum ersten großen Praxistest dieser Bündnispolitik – und zu ihrerBewährungsprobe.

Der folgende Beitrag zeichnet nach, wie das HBgR gemeinsam mit Gewerkschaften, Initiativen, Kirchengemeinden und vielen Menschen aus Barmbek den Versuch der NPD zurückwies, den 1. Mai politisch zu vereinnahmen. Er zeigt zugleich, warum der 1. Mai 2008 weit über einen erfolgreichen Protesttag hinausweist: als Beispiel dafür, dass langfristigeZusammenarbeit, lokale Verankerung und gemeinsames Handeln gesellschaftliche Mehrheiten organisieren und politische Wirkung entfalten können.

Der 1. Mai als Ziel rechter Vereinnahmung

Seit Mitte der 2000er Jahre versuchte die NPD bundesweit, den 1. Mai als „nationalen Arbeiterkampftag“ zu etablieren. Damit knüpfte sie an eine Strategie des historischen Nationalsozialismus an. Die Erklärung des 1. Mai 1933 zum „Tag der nationalen Arbeit“ und die Zerschlagung der freien Gewerkschaften bereits am folgenden Tag machten deutlich, dass es dabei nicht um die Interessen der Beschäftigten, sondern um die Ausschaltung der unabhängigen Arbeiter*innenbewegung ging. Mit Parolen wie „Arbeit zuerst für Deutsche“ griff die NPD dieses Muster erneut auf und versuchte, den 1. Mai symbolisch für die extreme Rechte zu vereinnahmen.

Dass Hamburg zum bundesweiten Schwerpunkt des 1. Mai 2008 wurde, war kein Zufall. Ebenso wenig die Wahl Barmbeks. Kaum ein Hamburger Stadtteil ist so eng mit der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung verbunden. Gewerkschaftshäuser, Genossenschaften, das Museum der Arbeit und zahlreiche historische Orte erinnern bis heute an diese Tradition. Gerade sie wollte die NPD für ihre bundesweite Inszenierung vereinnahmen.

Das HBgR erkannte früh, dass es dabei um weit mehr ging als um einen weiteren Neonaziaufmarsch. Im gemeinsamen Aufruf erklärte das Bündnis: „Der 1. Mai gehört den Gewerkschaften, den Beschäftigten und den Erwerbslosen – nicht den Nazis.“

Damit benannte das HBgR den Kern der Auseinandersetzung. Zur Verteidigung standen der 1. Mai als internationaler Tag der Solidarität und Barmbek als historischer Stadtteil der Arbeiter*innenbewegung. Ob dies gelingen würde, entschied sich jedoch nicht erst am 1. Mai selbst, sondern bereits in den Monaten der Mobilisierung.

Das HBgR geht einen neuen Weg

Die Voraussetzungen für den Erfolg des 1. Mai 2008 entstanden bereits drei Jahre zuvor: Mit der Gründung des HBgR entstand eine Vernetzung, die neue Wege der antifaschistischen Zusammenarbeit ging.

Gewerkschaften, antifaschistische Gruppen, migrantische Organisationen, Kirchen, Parteien und die VVN-BdA protestierten zwar regelmäßig gegen Neonazis – häufig jedoch nebeneinander statt gemeinsam. Unterschiedliche politische Kulturen, Arbeitsweisen und Schwerpunkte erschwerten eine langfristige Zusammenarbeit. Angesichts einer zunehmend selbstbewusst auftretenden extremen Rechten reichte diese punktuelle Zusammenarbeit immer weniger aus.

Deshalb verstand sich das HBgR nicht als weitere Organisation, sondern als dauerhafte Kooperation, in der unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte trotz politischer Unterschiede gemeinsame Strategien entwickeln konnten. Die VVN-BdA gehörte von Beginn an zu den Organisationen, die das HBgR mit aufbauten, und brachte ihre Erfahrungen aus der antifaschistischen Erinnerungs- und Bündnisarbeit ein.

Bis heute beschreibt das HBgR seinen Anspruch mit den Worten: „Trotz zum Teil erheblicher Differenzen in Einzelfragen arbeiten wir mit dem Ziel antifaschistischen Handelns zusammen.“ Am 1. Mai 2008 sollte sich dieser Anspruch erstmals unter den Bedingungen einer bundesweiten Neonazi-Mobilisierung bewähren.

Barmbek wird zum Akteur

Parallel zur antifaschistischen Mobilisierung verankerte sich der Protest im Stadtteil: Der Stadtteil selbst bezog sichtbar Stellung. Gemeinsam mit zahlreichen lokalen Initiativen entstand die Kampagne „Barmbek sagt Nein zu Neonazis“. Geschäfte, Kulturzentren, Kirchengemeinden, Vereine und soziale Einrichtungen schlossen sich dem Aufruf an und hängten Plakate in ihre Schaufenster.

Informationsveranstaltungen, Infostände und Stadtteilgespräche begleiteten die Wochen vor dem 1. Mai. So entstand Schritt für Schritt eine breite Stadtteilmobilisierung, die den Protest aus dem Kreis organisierter antifaschistischer Gruppen in den Alltag des Stadtteils trug.

Dabei beschränkte sich die Mobilisierung nicht auf das Verteilen von Flugblättern und Plakaten. Wie weit die Unterstützung in die Nachbarschaften hineinreichte, zeigte sich am 1. Mai selbst: Anwohner*innen öffneten Demonstrierenden in Seitenstraßen ihre Hauseingänge und ermöglichten ihnen so, Polizeiabsperrungen zu umgehen und zu den Blockaden zu gelangen. Der Stadtteil war damit nicht nur Kulisse des Protestes – Teile der Nachbarschaft unterstützten ihn ganz praktisch.

DGB und gewerkschaftlich Aktive

Nachdem die NPD den traditionellen Veranstaltungsort des Deutschen Gewerkschaftsbundes am Museum der Arbeit angemeldet hatte, verlegte die Hamburger DGB-Spitze ihre zentrale Maikundgebung nach St. Pauli. Sie begründete diesen Schritt mit Sicherheitsbedenken für die traditionelle Familienkundgebung und rief zugleich zur Beteiligung an den Protesten gegen den Naziaufmarsch auf.

Innerhalb der Gewerkschaften blieb diese Entscheidung nicht unumstritten. Viele gewerkschaftlich Aktive wollten den symbolträchtigen Ort des 1. Mai nicht kampflos aufgeben und beteiligten sich an der Mobilisierung. Entscheidend waren vor allem ver.di, die GEW und einzelne Gewerkschafter*innen, die bereits zuvor über das HBgR und andere solidarische Zusammenhänge mit antifaschistischer Arbeit verbunden waren. Dazu gehörten unter anderem Aktive aus der DGB-Jugend sowie Kontakte zur Geschichtswerkstatt Barmbek und zur KolaFu. Gerade diese bereits bestehenden persönlichen und politischen Verbindungen ermöglichten es, den Protest gegen den Naziaufmarsch weit in gewerkschaftliche Zusammenhänge hineinzutragen.

Das HBgR erkämpft das Demonstrationsrecht

Die Mobilisierung im Stadtteil allein reichte nicht aus. Damit der Protest politische Wirkung entfalten konnte, musste das HBgR zunächst das Recht erstreiten, überhaupt in Sichtweite des Naziaufmarschs demonstrieren zu dürfen.

Die Versammlungsbehörde hatte die Route der Demonstration zunächst so weit von der geplanten Strecke der NPD entfernt festgelegt, dass ein wirksamer Protest kaum möglich gewesen wäre. Das HBgR legte dagegen Rechtsmittel ein.

Erst am Abend des 30. April 2008 entschied das Hamburgische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Bündnisses. Die Demonstration durfte nun deutlich näher an der Aufmarschroute der NPD verlaufen. Zugleich kritisierte das Gericht das Vorgehen der Versammlungsbehörde ungewöhnlich scharf: Durch ihre späte Entscheidung sei effektiver gerichtlicher Rechtsschutz nahezu unmöglich geworden. Die Richter*innen sprachen von einer Verzögerung, die einer „Verweigerung des gebotenen Rechtsschutzes“ gleichkomme.

Der Erfolg vor Gericht veränderte die Ausgangslage des 1. Mai grundlegend. Die Polizei musste ihre Einsatzplanung kurzfristig anpassen, und der Protest konnte dort stattfinden, wo er politische Wirkung entfaltete. Dass sich am 1. Mai zehntausende Menschen den Neonazis in Barmbek entgegenstellen konnten, war deshalb auch Ergebnis eines erfolgreich erkämpften Demonstrationsrechts.

1. Mai 2008: Barmbek stellt sich quer

Als sich am Morgen des 1. Mai die Demonstration des HBgR am Wiesendamm sammelte, zeigte sich der Erfolg der Mobilisierung der vergangenen Monate. Nicht nur antifaschistische Gruppen waren gekommen. Gewerkschafter*innen, Nachbarschaftsinitiativen, Kirchengemeinden, Jugendverbände und zahlreiche Menschen aus dem Stadtteil prägten das Bild.

In seiner Auftaktrede begrüßte das Bündnis ausdrücklich „die Kolleginnen und Kollegen aus den Gewerkschaften, die sich dafür entschieden haben, hier in Barmbek ihren antifaschistischen Protest auf die Straße zu tragen.“ Viele Gewerkschafter*innen verstanden ihre Teilnahme nicht nur als Protest gegen einen Neonaziaufmarsch, sondern als Verteidigung des 1. Mai als Tag internationaler Solidarität.

Als sich die Demonstration in Bewegung setzte, zeigte sich überall entlang der Strecke, wie tief der Protest inzwischen im Stadtteil verankert war. An der Fuhlsbüttler Straße, rund um den S-Bahnhof Alte Wöhr und an zahlreichen weiteren Orten versammelten sich Menschen zu Kundgebungen, Mahnwachen und Blockaden. Anwohner*innen verfolgten das Geschehen nicht nur von den Gehwegen aus, sondern beteiligten sich vielerorts selbst oder begrüßten die Demonstrierenden vor ihren Häusern. Der öffentliche Raum, den die NPD für ihre Inszenierung nutzen wollte, war längst von antifaschistischem Protest geprägt.

Während die Demonstration des HBgR über den Wiesendamm und die Fuhlsbüttler Straße in Richtung Alte Wöhr zog, geriet die Einsatzplanung der Polizei zunehmend unter Druck. Die zahlreichen Blockaden entlang der geplanten Aufmarschroute zwangen die Polizei immer wieder zu Änderungen ihrer Einsatzplanung. Die NPD musste ihren Marsch mehrfach umleiten und konnte ihn nur unter erheblichen Einschränkungen durchführen.

Weit über 10.000 Menschen beteiligten sich an den Protesten in Barmbek. Entscheidend war jedoch weniger ihre Zahl als das Zusammenwirken der Demonstration des HBgR, der Sitzblockaden der Initiative „Barmbek nimmt Platz“, gewerkschaftlicher Initiativen, kirchlicher Gruppen, antifaschistischer Organisationen und zahlreicher Anwohner*innen. Gemeinsam machten sie deutlich, dass die Neonazis im Stadtteil auf eine breite und entschlossene Ablehnung stießen.

Der Versuch der NPD, den 1. Mai symbolisch zu besetzen, scheiterte nicht an einer einzelnen Blockade oder einer einzelnen Demonstration. Er scheiterte daran, dass ein ganzer Stadtteil den öffentlichen Raum verteidigte und den Neonazis die politische Deutungshoheit entzog.

Mehr als die Bilder der Abendnachrichten

Dennoch verbinden viele den 1. Mai 2008 bis heute vor allem mit Fernsehbildern brennender Barrikaden und Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden. Diese Bilder prägten zwar die bundesweite Berichterstattung, bestimmten jedoch nicht den Charakter dieses Tages.

Bereits am 2. Mai widersprach das HBgR dieser Wahrnehmung entschieden: „Wollte man der Medienberichterstattung Glauben schenken, dann hätten in Hamburg-Barmbek an jeder Straßenecke Barrikaden gebrannt und Straßenkämpfe getobt. Das ist Unsinn.“

Tatsächlich erzählten diese Bilder nur einen kleinen Teil des Geschehens. Weit über 10.000 Menschen beteiligten sich an Demonstrationen, Kundgebungen und Blockaden. Die eigentliche Geschichte des 1. Mai 2008 war die gesellschaftliche Breite des Widerstands und die gemeinsame Mobilisierung eines ganzen Stadtteils gegen den Versuch der NPD, den 1. Mai zu vereinnahmen.

Die Fernsehbilder einzelner Ausschreitungen überlagerten damit häufig den eigentlichen Erfolg des Tages: den sichtbaren Beweis, dass ein breites antifaschistisches Bündnis die politische Inszenierung der NPD zurückweisen und den öffentlichen Raum erfolgreich verteidigen konnte.

Ein Erfolg, der bis heute nachwirkt

Für das HBgR wurde der 1. Mai 2008 zum Beweis, dass seine politische Grundidee tragfähig war. Die seit der Gründung gewachsene Zusammenarbeit bewährte sich erstmals unter den Bedingungen einer bundesweiten Mobilisierung der extremen Rechten. Unterschiedliche politische Traditionen erwiesen sich dabei nicht als Hindernis, sondern als Voraussetzung gemeinsamen Handelns.

Zu den Voraussetzungen dieses Erfolgs gehörte auch die Einbindung autonomer Zusammenhänge in die Vorbereitung. Trotz erheblicher Unterschiede in politischen Vorstellungen und Aktionsformen gelang es, verbindliche Absprachen für den gemeinsamen Protest zu treffen. Die an der Bündnisvorbereitung beteiligten Spektren hielten sich am 1. Mai an das vom HBgR verfolgte Konzept „eine Demo für alle“. Militante Interventionen fanden außerhalb dieses gemeinsam vereinbarten Rahmens statt. Gerade die Verbindung von politischer Unterschiedlichkeit und Verbindlichkeit in den Absprachen erwies sich damit als eine Stärke der Bündnisarbeit.

Auch für die VVN-BdA bestätigte sich ein zentrales Anliegen ihrer Arbeit. Die Verteidigung des 1. Mai richtete sich nicht nur gegen einen konkreten Neonaziaufmarsch, sondern zugleich gegen die völkische Umdeutung der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung und ihres internationalen Solidaritätsverständnisses.

Die immer noch bestehende Barmbeker Initiative gegen Rechts nennt als Gründungsdatum den 1. Mai 2008 – sie entstand über die Mobilisierung gegen den Aufmarsch.

Die Erfahrungen des 1. Mai 2008 wirkten weit über diesen Tag hinaus. Viele spätere Mobilisierungen gegen Naziaufmärsche, rechte Infrastruktur sowie später gegen PEGIDA und die AfD knüpften an Formen der Zusammenarbeit an, die sich damals bewährt hatten. Der 1. Mai 2008 zeigte, dass breite antifaschistische Bündnisse nicht nur Protest organisieren, sondern gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen und politische Wirkung entfalten können.

Quellen

Hamburger Bündnis gegen Rechts (2008): 1. Mai 2008 – Eine erste Bilanz. 8. Mai 2008. 

Hamburger Bündnis gegen Rechts (2008): Auftaktrede zur antifaschistischen Demonstration am 1. Mai 2008 in Hamburg-Barmbek

Hamburger Bündnis gegen Rechts (2008): Aufrufe, Flugblätter und Mobilisierungsmaterialien zum 1. Mai 2008.

Hamburgisches Oberverwaltungsgericht: Beschluss vom 30.04.2008, Az. 4 Bs 93/08.

taz: Gaston Kirsche: „Nazis in Barmbek“, 19.04.2008.

taz: Andreas Speit / Peter Müller: „Kampf um den 1. Mai“, 28.04.2008.

Neben den ausgewerteten schriftlichen Quellen wurden auch Berichte von Zeitzeug*innen berücksichtigt.

Fotos (wenn nicht anders bezeichnet): Umbruch Bildarchiv: „Hamburg out of Control – Tausende blockieren Naziaufmarsch am 1. Mai“, Fotodokumentation, 01.05.2008, https://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/010508hamburg.html

„Nazis raus aus Hamburg!“ Die Besetzung des Curio-Hauses 1977 als Erfolg antifaschistischen Widerstands


Im Mai 1977 versuchte die rechtsradikale Deutsche Volksunion (DVU) um den Verleger Gerhard Frey, in Hamburg eine Großkundgebung zu organisieren. Als Redner sollte der ehemalige Wehrmachts-Oberst und NS-Propagandist Hans-Ulrich Rudel auftreten. Als Veranstaltungsort war das Curio-Haus vorgesehen – ein Gebäude der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Universitätsviertel. Was als Demonstration neonazistischer Stärke geplant war, entwickelte sich jedoch zu einem Beispiel erfolgreicher antifaschistischer Gegenwehr: Durch Proteste, Mobilisierung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses verhinderten Hamburger Antifaschist*innen die Veranstaltung.

Die DVU, Frey und Rudel: Alte und Neue Rechte auf der Suche nach Öffentlichkeit
1977 war die Deutsche Volksunion (DVU) eine der wichtigsten Organisationen der extremen Rechten in der Bundesrepublik. Sie wurde von dem Münchner Verleger Gerhard Frey, Herausgeber der rechtsextremen National-Zeitung, aufgebaut und verstand sich als Sammelbecken nationalistischer und rechtsradikaler Kräfte. Über ihre Medien, Kampagnen und öffentlichen Veranstaltungen versuchte die DVU, geschichtsrevisionistische Positionen zu verbreiten und zugleich eine organisatorische Plattform für die extreme Rechte zu schaffen.

Die geplante Veranstaltung im Hamburger Curio-Haus sollte genau diesem Zweck dienen. Mit der Einladung des ehemaligen Wehrmachtsobersts Hans-Ulrich Rudel setzte die DVU bewusst auf eine Symbolfigur des militärischen Nationalsozialismus. Rudel hatte sich auch nach 1945 nie vom NS-Regime distanziert und bewegte sich offen in internationalen rechtsextremen Netzwerken. Für die extreme Rechte galt er als identitätsstiftende Figur, die eine vermeintliche Kontinuität zwischen Wehrmacht, Nationalsozialismus und der neuen rechten Szene herstellen sollte.

Frühe Warnungen: Die VVN wird aktiv
Zu den ersten Organisationen, die auf die geplante DVU-Kundgebung reagierten, gehörte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Hamburger VVN in einem Schreiben an die GEW und forderte sie auf, der DVU keine Räume zur Verfügung zu stellen. Die Einladung an Rudel wurde als gezielte politische Provokation verstanden.

Die VVN spielte damit eine zentrale Rolle bei der Initialzündung des Widerstands. Ihr Appell machte deutlich, dass die geplante Veranstaltung nicht als gewöhnliche politische Versammlung betrachtet werden konnte, sondern als Versuch der extremen Rechten, öffentlich Raum zu gewinnen und NS-Ideologie zu rehabilitieren.

Aus der wachsenden Empörung entstand bald ein breites Bündnis. Unter dem Motto „Nazis raus aus Hamburg“ formierte sich ein Zusammenschluss antifaschistischer Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchlicher Initiativen und studentischer Organisationen.

Hamburg als Ziel rechter Treffen
Die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus fiel nicht aus heiterem Himmel. Bereits in den Jahren zuvor hatte die extreme Rechte wiederholt versucht, Hamburg als Treffpunkt für ihre Aktivitäten zu nutzen. Mitte der 1970er Jahre kam es mehrfach zu rechtsextremen Zusammenkünften und Versuchen größerer Veranstaltungen. 1975 sollte etwa ein internationales Treffen ehemaliger SS-Angehöriger stattfinden, und auch Organisationen wie die HIAG, der Zusammenschluss ehemaliger Waffen-SS-Mitglieder, traten in der Stadt öffentlich auf.

Diese Aktivitäten stießen regelmäßig auf Protest von antifaschistischen Gruppen, Gewerkschaften und demokratischen Initiativen. Vor diesem Hintergrund wurde der Auftritt von Rudel und Frey im Curio-Haus als besonders provokanter Versuch verstanden, der extremen Rechten erneut öffentliche Präsenz zu verschaffen.

„Nazis raus aus Hamburg!“ – Der Aufruf zum Protest
Gegen die geplante DVU-Veranstaltung formierte sich rasch ein breites Bündnis. Im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeiteten antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchliche Initiativen und studentische Organisationen zusammen. Zu den aktiven Kräften gehörten unter anderem der Landesjugendring, die Jungsozialisten, studentische Gruppen sowie Organisationen aus dem Umfeld der antifaschistischen Bewegung. Auch die VVN unterstützte die Mobilisierung und trug dazu bei, den Protest frühzeitig öffentlich sichtbar zu machen.

Das Bündnis mobilisierte mit Flugblättern, Veranstaltungen und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Kundgebung. Im Aufruf hieß es: „Am Sonntag, den 15. Mai, planen neofaschistische Kräfte eine provokatorische Großkundgebung in Hamburg, auf der die Idole neonazistischer Terrorgruppen, Rudel und Frey, sprechen sollen.“ Der Aufruf erinnerte zugleich an die historischen Verbrechen des Nationalsozialismus: „Ein solcher Naziaufmarsch ist eine Beleidigung für alle Bürger Hamburgs, die von der braunen Vergangenheit ein für allemal genug haben.“

Für Samstag, den 14. Mai 1977, rief der Initiativkreis zu einer großen antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide auf – nur wenige Schritte vom Curio-Haus entfernt. Sie wurde zum Ausgangspunkt der späteren Besetzungsaktion.

Die peinliche Rolle des Studentenwerks
Der Konflikt entwickelte sich rasch zu einem öffentlich geführten „Streit um die Räume“. Hamburger Zeitungen berichteten mehrere Tage lang über die Auseinandersetzung um die Vermietung des Curio-Hauses – von ersten Meldungen über „Ärger wegen Saalvermietung“ (Die Welt, 6. Mai 1977) bis zu Berichten über juristische Schritte der DVU, den Auftritt Rudels gerichtlich durchzusetzen (Die Welt, 11. Mai 1977).

Dass es überhaupt zu dieser Situation kam, lag auch an einer bemerkenswerten Entscheidung des Studentenwerks Hamburg, das den großen Saal des Curio-Hauses – eines Gebäudes im Eigentum der GEW, das an das Studentenwerk verpachtet war – an die DVU vermietet hatte. Die Erklärung für diese Entscheidung sorgte selbst in bürgerlichen Medien für Spott. In einem Pressebericht erklärte ein Vertreter des Studentenwerks: „Da kommt jemand zu Ihnen und sagt, er sei von der Deutschen Volksunion … ich wußte nicht, was Deutsche Volksunion ist.“ Man habe zunächst sogar angenommen, es handele sich um eine andere Organisation: „Im Hinblick auf das Wort ‚Volk‘ haben wir an einen linken Verein gedacht.“ Erst später habe man erkannt, an wen man vermietet hatte – und sei „von einem Schrecken in den anderen gefallen“ (Die Welt, 5. Mai 1977).

Diese Episode machte deutlich, wie fahrlässig mit der Vergabe öffentlicher Räume umgegangen wurde.

Proteste, juristische Manöver und politische Ausflüchte
Als der Protest gegen die DVU-Veranstaltung wuchs, versuchten Vermieter und Behörden, die Entscheidung rückgängig zu machen. Gleichzeitig versuchte die DVU, ihre Veranstaltung gerichtlich zu erzwingen und erwirkte zeitweise einstweilige Verfügungen.

Die Reaktionen offizieller Stellen blieben jedoch auffällig defensiv. Auch die GEW, die sich zwar gegen die Veranstaltung aussprach, begründete ihre Haltung vor allem mit ordnungspolitischen Argumenten. Statt eine klare antifaschistische Position einzunehmen, verwiesen die Verantwortlichen vor allem auf mögliche „Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ oder drohende Sachbeschädigungen.

Neonazistische Aktivitäten wurden damit nicht grundsätzlich politisch zurückgewiesen, sondern vor allem als ordnungsrechtliches Problem behandelt.

Die Besetzung des Curio-Hauses
Am 14. Mai 1977 folgten rund 700 Menschen den Aufrufen des Landesjugendrings, der Jungsozialisten, des AStA der Uni Hamburg und der im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeitenden Gruppen und versammelten sich zu einer antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide nahe dem Curio-Haus. Nach der Kundgebung zogen viele Teilnehmer*innen gemeinsam zum Curio-Haus. Etwa hundert von ihnen betraten das Gebäude und besetzten den großen Saal, um die geplante Veranstaltung der DVU zu verhindern.

Schon bald verwandelte sich das Gebäude in einen sichtbaren Ort des antifaschistischen Protests. Banner und Transparente schmückten die Fassade, Flugblätter wurden verteilt, Menschen diskutierten im Eingangsbereich und im Innenhof. Auf zeitgenössischen Fotografien ist zu sehen, wie das Curio-Haus von Demonstrierenden umgeben war und mit politischen Parolen geschmückt wurde – ein symbolischer Ausdruck dafür, dass dieser Raum nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.

Im Laufe des Nachmittags beschlossen die Besetzer*innen, die Aktion mit einem „Besetzungsfest“ zu verbinden und bis zum nächsten Tag im Gebäude zu bleiben. Immer mehr Menschen kamen hinzu, brachten Essen, diskutierten und informierten Passant*innen über den Hintergrund der Aktion.

Am Abend baten Vertreter des Studentenwerks, der Behörde für Wissenschaft und Kunst und der GEW die Besetzer*innen, das Gebäude zu verlassen. Gleichzeitig hatte der zuständige Senator Dieter Biallas bereits verfügt, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.

Die Besetzung blieb bestehen – und wurde über Nacht zu einem weithin sichtbaren Zeichen antifaschistischen Widerstands.

Die DVU muss ausweichen
Am 15. Mai 1977 blieb das Curio-Haus fest in der Hand der Besetzer*innen. Transparente und Flugblätter machten das Gebäude weithin sichtbar zum Ort des antifaschistischen Protests.

Gegen Mittag trafen schließlich mehrere hundert Anhänger der Deutschen Volksunion ein und versuchten, Zugang zum Gebäude zu erhalten. Doch die Eingänge waren blockiert.

Zwischen beiden Gruppen stand die Polizei. Während DVU-Anhänger vor dem Gebäude standen und versuchten, Zugang zu erhalten, blieb das Curio-Haus selbst unzugänglich.

Schließlich musste die DVU ihre geplante Großveranstaltung aufgeben und wich in eine Gaststätte an der Osdorfer Landstraße in Hamburg-Bahrenfeld aus, wo nur noch eine deutlich kleinere Versammlung stattfinden konnte.

Organisierter Widerstand zeigt Wirkung
Die Verhinderung der DVU-Veranstaltung im Curio-Haus war kein Zufall, sondern das Ergebnis entschlossener antifaschistischer Mobilisierung. Die VVN, die früh vor der Veranstaltung warnte und die GEW zum Handeln aufforderte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit den im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ zusammengeschlossenen Gruppen, Jugendorganisationen und studentischen Initiativen entstand innerhalb kurzer Zeit ein breites Bündnis. Demonstration, öffentliche Aufklärung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses griffen ineinander.

Die Aktion gehört damit zu den prägenden Beispielen antifaschistischen Widerstands in Hamburg nach 1945 – und zeigt bis heute: Rechte Raumnahme ist kein Naturgesetz – sie kann durch entschlossenen antifaschistischen Widerstand verhindert werden. Oder, wie es auf den Flugblättern jener Tage hieß: „Nazis raus aus Hamburg!“

Der DVU gelang es zwar später zeitweise, als rechtsextreme Wahlpartei in mehrere Landesparlamente einzuziehen. Politisch blieb sie jedoch stark vom Medienimperium ihres Gründers Gerhard Frey abhängig und verlor nach dessen Rückzug zunehmend an Bedeutung. 2011 ging sie schließlich in der NPD auf.

Bildstrecke (Quelle: Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (FZH)
Aufruf: „Nazis raus aus Hamburg!“

Der Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ mobilisierte mit Flugblättern und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus. Der Aufruf erinnerte an die Verbrechen des Nationalsozialismus und rief zu einer antifaschistischen Kundgebung am 14. Mai 1977 auf der Moorweide auf.

Flugblatt zur Besetzung des Curio-Hauses

Mit diesem Flugblatt erklärten Hamburger Antifaschist*innen die Besetzung des Curio-Hauses. Darin heißt es: „In Erwägung, daß die Faschisten Rudel und Frey nichts zu suchen haben in Hamburg … haben wir beschlossen, das Curio-Haus exemplarisch zu besetzen.“

Brief der VVN an die GEW

Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an die GEW. In dem Schreiben wurde gefordert, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.

Zeitungsbericht über den Konflikt

Zeitungsartikel aus dem Mai 1977 berichten über den politischen Konflikt um die Vermietung des Curio-Hauses an die DVU und die Besetzung.

Protest und Besetzung des Curio-Hauses

Fotos der Besetzung zeigen das Curio-Haus mit Transparenten und Demonstrierenden. Die Aktion machte sichtbar, dass dieser Ort nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.

Die geplante Großveranstaltung der DVU konnte hier schließlich nicht stattfinden.

Quellen
Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Sammlung Curio-Haus-Besetzung Hamburg 1977

  • AStA Universität Hamburg: AStA Info „Nazis raus aus Hamburg“, Mai 1977.
  • Hamburger Antifaschisten: Flugblatt „Wir haben das Curio-Haus besetzt!“, Erklärung zur Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
  • Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“: Zeitung zur geplanten DVU-Veranstaltung und zur Mobilisierung gegen den Auftritt von Hans-Ulrich Rudel und Gerhard Frey / Aufruf zur antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide, Hamburg, Mai 1977, Hamburg, Mai 1977.
  • SSB (Sozialistischer Studentenbund): Flugschrift „Curio-Haus besetzt – Faschisten-Veranstaltung verhindert!“, Bericht über die Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
  • Studentenwerk Hamburg / GEW Hamburg / Behörde für Wissenschaft und Kunst: Gemeinsame Erklärung zur Situation im Curio-Haus während der Besetzung, Hamburg, 14. Mai 1977.
  • VVN Hamburg: Brief an den Vorstand der GEW Hamburg zur geplanten DVU-Veranstaltung im Curio-Haus, Hamburg, 25. April 1977.

Zeitungsberichte

  • „Im Curio-Haus geht der Schrecken um …“, in: Die Welt, 5. Mai 1977.
  • „Ärger wegen Saalvermietung“, in: Frankfurter Rundschau, 7. Mai 1977.
  • „DVU will Rudels Auftritt jetzt vor Gericht erzwingen“, in: Die Welt, 11. Mai 1977.
  • „Volksunion darf im Curio-Haus tagen“, in: Die Welt, 13. Mai 1977.
  • „Biallas gegen Radikale“, in: Mopo, 13. Mai 1977
  • „Kundgebungsverbot verlangt“, Agenturmeldung (AP), 13. Mai 1977.
  • „Störversuche vergeblich: Volksunion tagte“, in: Hamburger Abendblatt, 16. Mai 1977
  • „Linksradikale verhindern das Treffen von 400 Rechtsradikalen“, in: Die Welt, 16. Mai 1977
  • Berichte zur verhinderten DVU-Veranstaltung und zur Ausweichveranstaltung in Bahrenfeld, 15.–16. Mai 1977.

OHLSDROFER FRIEDENSFEST 2026

17. Juli 2026

Das 17. Ohlsdorfer Friedensfest präsentiert 13 Aktionen unter dem Titel TROTZ DEM – Vom Erinnern zum Handeln

Das 17. Ohlsdorfer Friedensfest am Mahnmal für die Bombenopfer im Osten des Parkfriedhofs Ohlsdorf findet vom 18. Juli bis 2. August 2026 statt. Es steht unter dem Eindruck der aktuellen Kriege. Daher der Titel: TROTZ DEM – Vom Erinnern zum Handeln. 13 Teilveranstaltung beleuchten ein breites Spektrum an Erinnerung und stellen Gegenwartsbezug her.

HIER FINDET IHR DAS PROGRAMM

Was ist das Ohlsdorfer Friedensfest?

Im Juli und August 1943 erlebten Hamburgerinnen und Hamburger mit der Bombardierung der Hansestadt durch alliierte Verbände eine bis dahin unvorstellbare, entsetzliche Kriegshölle. Sie war Ergebnis des Zweiten Weltkriegs, der von Deutschland ausging und grausam zurückkehrte. 

Rechtsradikale marschierten in den 2000er Jahren an den Gräbern der Ohlsdorfer Bombenopfer auf. Sie nutzen die sommerlichen Jahrestage der „Operation Gomorrha“ für diffamierende Kundgebungen. Dies konnte nicht geduldet werden, so dass sich daraufhin das „Bündnis Ohlsdorfer Friedensfest“ bildete und mit dem Friedensfest seit Sommer 2009 durch Präsenz und konstruktiven Gegenentwurf allen Versuchen der Umdeutung der Geschichte entgegentritt.

Warum Friedensfest?

Die historischen Ereignisse können kein Fest begründen – gefeiert wird die Befreiung vom Nationalsozialismus. Es ist zugleich ein Bekenntnis zu den heute geltenden demokratischen Werten, insbesondere der Anerkennung der Würde des Menschen. Werte, die das damalige NS-Regime permanent verletzte.

Was ist beim Friedensfest zu sehen und zu erleben?

Im Rahmen des Friedensfestes werden neue Formen des Gedenkens gesucht und erprobt, als Beispiele für aktives Friedenshandeln mit Ausstrahlung auf andere Friedensinitiativen. Künstlerische Darbietungen und Aktionen, Andachten und Vortrags- und Präsentationsformate wechseln sich ab. Dabei wird auch alljährlich der Opfer der Weltkriege gedacht, z.B. Biografien von Menschen aus dem Widerstand betrachtet. Das Friedensfest schaut jedoch nicht nur zurück, sondern hat sich einen Gegenwartsbezug verordnet. Seit den Anfangsjahren passt sich dieser der wechselnden politischen Lage und insbesondere den Radikalisierungstendenzen an und wird z.B. in Diskussionsrunden bewegt.

Das Bündnis Ohlsdorfer Friedensfest …

… besteht derzeit aus 15 Institutionen: Arbeitskreis Kirchliche Gedenkstättenarbeit Neuengamme, Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V., Garten der Frauen e.V., Gegen Vergessen – für Demokratie e.V., Hamburger Friedhöfe AöR, Hamburger Stiftung Hilfe für NS-Verfolgte, Initiative Gedenkort Stadthaus, Kirchengemeinden Mittleres Alstertal, Bramfeld und Steilshoop, Olmo e.V. – Verein für Kultur und Erinnerungsarbeit zwischen Ohlsdorf und Ochsenzoll, PEN Deutschland, regionale Initiative Hamburg, Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten e.V. (pav), Ver.di Hamburg, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Hamburg und Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte.

Gemeinsam nach Heideruh

23. Juni 2026

Das antifaschistische Wohn- und Ferienheim Heideruh feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen! Unter dem Motto „Begegnen, informieren, feiern!“ lädt Heideruh am Samstag, den 25. Juli 2026 ab 11:00 Uhr zum großen Sommer-und Jubiläumsfest ein.

Wir wollen dieses besondere Jubiläum gebührend unterstützen und gemeinsam dorthin reisen! Deshalb haben wir eine gemeinsame Busfahrt ab Hamburg organisiert.

Unser Fahrplan:

  • Hinfahrt: 12:30 Uhr ab Hamburg Bahnhof Dammtor (bei der Tankstelle).
  • Rückfahrt: 21:30 Uhr gemeinsam zurück ab Heideruh.
  • Fahrtkosten: Die Hin- und Rückfahrt kostet zusammen nur 6,– € pro Person.

Das erwartet Euch vor Ort in Heideruh: Es gibt auch in diesem Jahr ein fantastisches und vielfältiges Kulturprogramm! Von 11:00 bis 18:00 Uhr läuft die Open Stage u.a. mit Tengu Daiko (japanische Trommeln), Liedermachern, Folk, Klezmer und Chor. Um 19:00 Uhr findet der offizielle Festakt zum 100-jährigen Jubiläum statt. Ein ganz besonderer Höhepunkt folgt im Abendprogramm ab 19:30 Uhr: Eine musikalische, politische und menschlich berührende Hommage an die mutige jüdische Sängerin Esther Bejarano von Gina und Frauke Pietsch unter dem Titel „Ein Glück heißt Akkordeon“. Zudem gibt es ein reichhaltiges Kuchen-, Salat- und Grillbuffet, Infostände, eine Jubiläums-Tombola und viel Raum für Austausch.

Wichtig – Anmeldung für den Bus: 

Solltet ihr Interesse an der gemeinsamen An- und Abreise haben, bitten wir euch um eine verbindliche Anmeldung unter Angabe eurer Mobilfunknummer:

  • Per E-Mail: vvn-bda.hh@t-online.de
  • Per Anruf: 040-314254 (Anrufbeantworter)

Alle weiteren Details zum Sommerfest findet ihr auch direkt auf der Heideruh Webseite.

Wir hoffen, dass ihr euch uns anschließt und freuen uns auf ein schönes Wiedersehen und einen wunderbaren, gemeinsamen Tag!

Ohlsdorfer Friedensfest 2026

23. Juni 2026

TROTZ DEM
Vom Erinnern zum Handeln

Unter diesem Leitgedanken findet vom 18. Juli bis 2. August 2026 das 18. Ohlsdorfer Friedensfest am Mahnmal für die Bombenopfer auf dem Friedhof Ohlsdorf statt. In zwölf Veranstaltungen lädt das Friedensfest dazu ein, Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch zu bringen – und aus dem Erinnern Verantwortung für heute und morgen abzuleiten.

Was ist das Ohlsdorfer Friedensfest?

Im Juli und August 1943 erlebten die Menschen in Hamburg mit den Bombardierungen der Stadt während der Operation Gomorrha eine bis dahin unvorstellbare Kriegskatastrophe. Diese Zerstörung war Teil des Zweiten Weltkriegs, der von Deutschland ausging und mit aller Grausamkeit zurückkehrte.

In den 2000er Jahren versuchten rechtsextreme Gruppen, die Jahrestage der Bombardierungen für ihre Aufmärsche und geschichtsverfälschenden Kundgebungen zu instrumentalisieren. Als Antwort darauf gründete sich das Bündnis Ohlsdorfer Friedensfest. Seit 2009 setzt es mit dem Friedensfest ein sichtbares Zeichen gegen jede Form der Umdeutung von Geschichte – durch Präsenz, Erinnerung und eine klare demokratische Haltung.

Warum ein Friedensfest?

Die historischen Ereignisse selbst sind kein Anlass zum Feiern. Das Friedensfest versteht sich vielmehr als Erinnerung an die Befreiung vom Nationalsozialismus und als Bekenntnis zu den demokratischen Grundwerten, die heute unser Zusammenleben tragen: Menschenwürde, Freiheit, Vielfalt und Frieden.

Es erinnert daran, dass diese Werte unter dem NS-Regime systematisch missachtet wurden – und dass ihre Verteidigung auch heute nicht selbstverständlich ist.

Was gibt es beim Friedensfest zu erleben?

Das Ohlsdorfer Friedensfest sucht und erprobt Jahr für Jahr neue Formen des Gedenkens – als Ausdruck lebendiger Erinnerungskultur und aktiven Friedenshandelns.

Das Programm umfasst:

Künstlerische Beiträge und Performances

Andachten und spirituelle Impulse

Vorträge, Gespräche und Präsentationen

Diskussionsrunden zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen

Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf die Opfer der Weltkriege und die Biografien von Menschen des Widerstands, sondern auch auf die Herausforderungen der Gegenwart: gesellschaftliche Spaltung, Radikalisierung und Bedrohungen demokratischer Werte.

Das Friedensfest verbindet Vergangenheit und Gegenwart – und stellt die Frage, wie Frieden heute konkret gestaltet und verteidigt werden kann.

Hier geht’s zum Programm

Am 4. Juli in Erfurt Höcke stoppen!

8. Juni 2026

Der Bundesparteitag der AfD am 4. & 5. Juli in Erfurt darf nicht stattfinden! Er wäre eine faschistische Zusammenrottung mit Björn Höcke an der Spitze. Höcke steht für den offen faschistischen und NS-verherrlichenden Kurs in der Partei: Menschenverachtung, Ausgrenzung, massenhafte Deportationen und Hass.

Es gibt keine Neutralität gegenüber dem Faschismus. Wer heute keinen Widerstand leistet, erwacht morgen in einer Diktatur.

Auf den Staat und die regierenden Parteien können wir uns nicht verlassen. Im Gegenteil: Im EU-Parlament paktiert die CDU/CSU schon offen mit den extrem rechten Parteien, wenn es darum geht, noch mehr schutzsuchende Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Warum also ihnen vertrauen, dass sie nach den Landtagswahlen im September der AfD nicht zur Macht verhelfen?

Vertrauen können wir nur auf uns selbst, auf viele antifaschistische Menschen. Das Verbot der AfD und eine solidarische Gesellschaft bekommen wir nicht geschenkt, wir müssen sie selbst durchsetzen.

Weitere Infomationen

Widerstand gegen Faschismus und AfD wird immer stärker. Überall bilden sich Ortsgruppen, von überall werden Busse nach Erfurt organisiert. In Erfurt haben wir in den letzten Wochen an tausenden Haustüren geklingelt. Wir haben mit Ladenbesitzer:innen, Anwohner:innen und Menschen auf der Straße gesprochen. Daher wissen wir: Sie lehnen den AfD-Parteitag in ihrer Stadt ab und werden an den Aktionen beteiligen.

Weitere Informationen

Bustickets von Hamburg

Aufruf zum 8. Mai 2026

20. April 2026

Chance für Frieden und Demokratie in Europa

Für die überlebenden Verfolgten und Widerstandskämpfer:innen war der 8. Mai 1945 die „Morgenröte der Menschheit, wie der als Jude und Kommunist verfolgte Résistance Kämpfer Peter Gingold es ausdrückte. Die offizielle Sicht blieb indessen noch Jahrzehnte die der Nazis, der Deutsch-Nationalen, der „Frontkämpfer“, der Profiteur:innen und Mitläufer:innen: sie sprachen von Zusammenbruch, Kapitulation und Besatzern. Für uns Nachgeborene sind und bleiben die alliierten Streitkräfte, unter denen die Rote Armee mit Abstand die größte Last des Krieges in Europa zu tragen hatte, auch unsere Befreier:innen. Mit besonderer Dankbarkeit erinnern wir an den Beitrag, den der deutsche antifaschistische Widerstand dazu geleistet hat. Heute, nachdem es kaum noch überlebende „Zeitzeug:innen“ gibt, hat Geschichtsrevisionismus – von Relativierung bis gar zur Heroisierung der deutschen Vergangenheit – Konjunktur. Mit unserem Fest am 8. Mai wollen wir die Befreiung von Nazi-Terror, Vernichtungskrieg und Völkermord als Grundlagen für ein Leben in Frieden, Freiheit und Vielfalt feiern und zugleich deutlich machen, wie notwendig es ist, diese Errungenschaften zu verteidigen.

Nie wieder Faschismus!

Derzeit erleben wir eine drastische gesellschaftliche Rechtsentwicklung. Die AfD liegt in den aktuellen Umfragen bundesweit bei rund 25%. Doch rechte Politik geht nicht nur vom äußeren Rand der Gesellschaft und der AfD aus. Auch wenn die extreme Rechte die Grenze des Sagbaren immer weiter verschiebt, setzen die regierenden Parteien die Forderungen willentlich um. Ein massiver Sozialabbau wird konsequent vorangetrieben, während erkämpfte Grundrechte zunehmend angegriffen werden. Die GEAS-Reform stellt nur die Spitze des Eisbergs einer immer menschenfeindlicheren Politik dar. Die Meinungsfreiheit wird weiter eingeschränkt, Antifaschismus kriminalisiert und mit dem geplanten Gesetz zur Regelanfrage im öffentlichen Dienst drohen erneut Berufsverbote. Es zeichnet sich ein immer autoritärer werdender Staat ab, der die Interessen einiger weniger durchsetzt.

Nie wieder Krieg!

Weltweit nehmen Verteilungskriege zwischen den Großmächten zu. Das sehen wir aktuell in Lateinamerika, Afrika, im Nahen Osten, in Europa und im Südchinesischen Meer. Zur Sicherung von Handelsrouten, Absatzmärkte und Ressourcen wird immer mehr auf Krieg gesetzt. Als drittgrößte Volkswirtschaft will Deutschland immer mehr Einfluss gewinnen. In diesem Zusammenhang wird in schnellem Tempo aufgerüstet. Mehr als 500 Milliarden Sondervermögen stehen für Militärausgaben bereit. Unternehmen wie Rheinmetall machen Milliardengewinne. Die Zunahme der militärischen Produktion geht einher mit einer umfassenden Militarisierung der gesamten Gesellschaft: Von der Wiedereinführung der Wehrpflicht, über den Angriff auf die Zivilklausel bis zu zivilmilitärischer Zusammenarbeit wie bei Red Storm Alpha bis Charly.

Bezahlt wird das mit dem Abbau des Sozialstaats: Kürzungen in Bildung, Gesundheit und ziviler Infrastruktur. Wir als breite Bevölkerung sind die Leidtragenden dieser massiven Aufrüstung. Wer sich dagegen stellt, hat mit Repressionen zu kämpfen. Vor diesem Hintergrund stellen wir uns der Rechtsentwicklung ebenso entgegen wie der Aufrüstung und Militarisierung. Es ist unsere Aufgabe, den weiteren Aufstieg der AfD und anderer rechter Kräfte zu verhindern. Wir stehen dabei an der Seite all derer, die stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Dem zunehmenden Rassismus, der Queerfeindlichkeit, dem Antisemitismus und allen weiteren Formen der Menschenfeindlichkeit widersetzen wir uns mit aller Kraft.

Als Bündnis stehen wir für eine Stärkung des Völkerrechts und internationaler Institutionen zur friedlichen Konfliktlösung. Waffenlieferungen in Kriegs- und Krisengebiete sind keine Alternative für diplomatische Lösungen. Jede Nation hat das Recht, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Internationale Solidarität bedeutet das Eintreten für diese demokratische Selbstbestimmung und richtet sich gegen Nationalismus und imperiale Einmischung.

Den 8. Mai ein Feiertag!

Wir wollen am 8. Mai an die Hoffnung der Befreiten auf eine Welt ohne Kriege, Elend und Unterdrückung erinnern und diese als Impuls nehmen, weiter an der Schaffung der neuen Welt des Friedens und der Freiheit zu arbeiten wie es die befreiten Häftlinge von Buchenwald geschworen haben. Der 8. Mai muss ein Feiertag werden!

Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit 8 Jahrzehnten… (in memoriam Esther Bejarano)

„Nazis raus aus Hamburg!“ Die Besetzung des Curio-Hauses 1977 als Erfolg antifaschistischen Widerstands

24. März 2026

„Konkrete Kämpfe, reale Erfolge – Antifaschistischer Widerstand in Hamburg nach 1945“ ist ein (Publikations)Projekt des Arbeitskreis Neofaschismus der VVN-BdA Hamburg. Es beleuchtet zivilgesellschaftliche, politische und kulturelle Interventionen, mit denen in Hamburg seit dem Ende des Nationalsozialismus neonazistische Aktivitäten, geschichtsrevisionistische Projekte und rechte Raumnahme öffentlich benannt, zurückgedrängt oder verhindert wurden. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen.


Im Mai 1977 versuchte die rechtsradikale Deutsche Volksunion (DVU) um den Verleger Gerhard Frey, in Hamburg eine Großkundgebung zu organisieren. Als Redner sollte der ehemalige Wehrmachts-Oberst und NS-Propagandist Hans-Ulrich Rudel auftreten. Als Veranstaltungsort war das Curio-Haus vorgesehen – ein Gebäude der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Universitätsviertel. Was als Demonstration neonazistischer Stärke geplant war, entwickelte sich jedoch zu einem Beispiel erfolgreicher antifaschistischer Gegenwehr: Durch Proteste, Mobilisierung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses verhinderten Hamburger Antifaschist*innen die Veranstaltung.

Die DVU, Frey und Rudel: Alte und Neue Rechte auf der Suche nach Öffentlichkeit
1977 war die Deutsche Volksunion (DVU) eine der wichtigsten Organisationen der extremen Rechten in der Bundesrepublik. Sie wurde von dem Münchner Verleger Gerhard Frey, Herausgeber der rechtsextremen National-Zeitung, aufgebaut und verstand sich als Sammelbecken nationalistischer und rechtsradikaler Kräfte. Über ihre Medien, Kampagnen und öffentlichen Veranstaltungen versuchte die DVU, geschichtsrevisionistische Positionen zu verbreiten und zugleich eine organisatorische Plattform für die extreme Rechte zu schaffen.

Die geplante Veranstaltung im Hamburger Curio-Haus sollte genau diesem Zweck dienen. Mit der Einladung des ehemaligen Wehrmachtsobersts Hans-Ulrich Rudel setzte die DVU bewusst auf eine Symbolfigur des militärischen Nationalsozialismus. Rudel hatte sich auch nach 1945 nie vom NS-Regime distanziert und bewegte sich offen in internationalen rechtsextremen Netzwerken. Für die extreme Rechte galt er als identitätsstiftende Figur, die eine vermeintliche Kontinuität zwischen Wehrmacht, Nationalsozialismus und der neuen rechten Szene herstellen sollte.

Frühe Warnungen: Die VVN wird aktiv
Zu den ersten Organisationen, die auf die geplante DVU-Kundgebung reagierten, gehörte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Hamburger VVN in einem Schreiben an die GEW und forderte sie auf, der DVU keine Räume zur Verfügung zu stellen. Die Einladung an Rudel wurde als gezielte politische Provokation verstanden.

Die VVN spielte damit eine zentrale Rolle bei der Initialzündung des Widerstands. Ihr Appell machte deutlich, dass die geplante Veranstaltung nicht als gewöhnliche politische Versammlung betrachtet werden konnte, sondern als Versuch der extremen Rechten, öffentlich Raum zu gewinnen und NS-Ideologie zu rehabilitieren.

Aus der wachsenden Empörung entstand bald ein breites Bündnis. Unter dem Motto „Nazis raus aus Hamburg“ formierte sich ein Zusammenschluss antifaschistischer Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchlicher Initiativen und studentischer Organisationen.

Hamburg als Ziel rechter Treffen
Die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus fiel nicht aus heiterem Himmel. Bereits in den Jahren zuvor hatte die extreme Rechte wiederholt versucht, Hamburg als Treffpunkt für ihre Aktivitäten zu nutzen. Mitte der 1970er Jahre kam es mehrfach zu rechtsextremen Zusammenkünften und Versuchen größerer Veranstaltungen. 1975 sollte etwa ein internationales Treffen ehemaliger SS-Angehöriger stattfinden, und auch Organisationen wie die HIAG, der Zusammenschluss ehemaliger Waffen-SS-Mitglieder, traten in der Stadt öffentlich auf.

Diese Aktivitäten stießen regelmäßig auf Protest von antifaschistischen Gruppen, Gewerkschaften und demokratischen Initiativen. Vor diesem Hintergrund wurde der Auftritt von Rudel und Frey im Curio-Haus als besonders provokanter Versuch verstanden, der extremen Rechten erneut öffentliche Präsenz zu verschaffen.

„Nazis raus aus Hamburg!“ – Der Aufruf zum Protest
Gegen die geplante DVU-Veranstaltung formierte sich rasch ein breites Bündnis. Im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeiteten antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchliche Initiativen und studentische Organisationen zusammen. Zu den aktiven Kräften gehörten unter anderem der Landesjugendring, die Jungsozialisten, studentische Gruppen sowie Organisationen aus dem Umfeld der antifaschistischen Bewegung. Auch die VVN unterstützte die Mobilisierung und trug dazu bei, den Protest frühzeitig öffentlich sichtbar zu machen.

Das Bündnis mobilisierte mit Flugblättern, Veranstaltungen und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Kundgebung. Im Aufruf hieß es: „Am Sonntag, den 15. Mai, planen neofaschistische Kräfte eine provokatorische Großkundgebung in Hamburg, auf der die Idole neonazistischer Terrorgruppen, Rudel und Frey, sprechen sollen.“ Der Aufruf erinnerte zugleich an die historischen Verbrechen des Nationalsozialismus: „Ein solcher Naziaufmarsch ist eine Beleidigung für alle Bürger Hamburgs, die von der braunen Vergangenheit ein für allemal genug haben.“

Für Samstag, den 14. Mai 1977, rief der Initiativkreis zu einer großen antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide auf – nur wenige Schritte vom Curio-Haus entfernt. Sie wurde zum Ausgangspunkt der späteren Besetzungsaktion.

Die peinliche Rolle des Studentenwerks
Der Konflikt entwickelte sich rasch zu einem öffentlich geführten „Streit um die Räume“. Hamburger Zeitungen berichteten mehrere Tage lang über die Auseinandersetzung um die Vermietung des Curio-Hauses – von ersten Meldungen über „Ärger wegen Saalvermietung“ (Die Welt, 6. Mai 1977) bis zu Berichten über juristische Schritte der DVU, den Auftritt Rudels gerichtlich durchzusetzen (Die Welt, 11. Mai 1977).

Dass es überhaupt zu dieser Situation kam, lag auch an einer bemerkenswerten Entscheidung des Studentenwerks Hamburg, das den großen Saal des Curio-Hauses – eines Gebäudes im Eigentum der GEW, das an das Studentenwerk verpachtet war – an die DVU vermietet hatte. Die Erklärung für diese Entscheidung sorgte selbst in bürgerlichen Medien für Spott. In einem Pressebericht erklärte ein Vertreter des Studentenwerks: „Da kommt jemand zu Ihnen und sagt, er sei von der Deutschen Volksunion … ich wußte nicht, was Deutsche Volksunion ist.“ Man habe zunächst sogar angenommen, es handele sich um eine andere Organisation: „Im Hinblick auf das Wort ‚Volk‘ haben wir an einen linken Verein gedacht.“ Erst später habe man erkannt, an wen man vermietet hatte – und sei „von einem Schrecken in den anderen gefallen“ (Die Welt, 5. Mai 1977).

Diese Episode machte deutlich, wie fahrlässig mit der Vergabe öffentlicher Räume umgegangen wurde.

Proteste, juristische Manöver und politische Ausflüchte
Als der Protest gegen die DVU-Veranstaltung wuchs, versuchten Vermieter und Behörden, die Entscheidung rückgängig zu machen. Gleichzeitig versuchte die DVU, ihre Veranstaltung gerichtlich zu erzwingen und erwirkte zeitweise einstweilige Verfügungen.

Die Reaktionen offizieller Stellen blieben jedoch auffällig defensiv. Auch die GEW, die sich zwar gegen die Veranstaltung aussprach, begründete ihre Haltung vor allem mit ordnungspolitischen Argumenten. Statt eine klare antifaschistische Position einzunehmen, verwiesen die Verantwortlichen vor allem auf mögliche „Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ oder drohende Sachbeschädigungen.

Neonazistische Aktivitäten wurden damit nicht grundsätzlich politisch zurückgewiesen, sondern vor allem als ordnungsrechtliches Problem behandelt.

Die Besetzung des Curio-Hauses
Am 14. Mai 1977 folgten rund 700 Menschen den Aufrufen des Landesjugendrings, der Jungsozialisten, des AStA der Uni Hamburg und der im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeitenden Gruppen und versammelten sich zu einer antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide nahe dem Curio-Haus. Nach der Kundgebung zogen viele Teilnehmer*innen gemeinsam zum Curio-Haus. Etwa hundert von ihnen betraten das Gebäude und besetzten den großen Saal, um die geplante Veranstaltung der DVU zu verhindern.

Schon bald verwandelte sich das Gebäude in einen sichtbaren Ort des antifaschistischen Protests. Banner und Transparente schmückten die Fassade, Flugblätter wurden verteilt, Menschen diskutierten im Eingangsbereich und im Innenhof. Auf zeitgenössischen Fotografien ist zu sehen, wie das Curio-Haus von Demonstrierenden umgeben war und mit politischen Parolen geschmückt wurde – ein symbolischer Ausdruck dafür, dass dieser Raum nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.

Im Laufe des Nachmittags beschlossen die Besetzer*innen, die Aktion mit einem „Besetzungsfest“ zu verbinden und bis zum nächsten Tag im Gebäude zu bleiben. Immer mehr Menschen kamen hinzu, brachten Essen, diskutierten und informierten Passant*innen über den Hintergrund der Aktion.

Am Abend baten Vertreter des Studentenwerks, der Behörde für Wissenschaft und Kunst und der GEW die Besetzer*innen, das Gebäude zu verlassen. Gleichzeitig hatte der zuständige Senator Dieter Biallas bereits verfügt, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.

Die Besetzung blieb bestehen – und wurde über Nacht zu einem weithin sichtbaren Zeichen antifaschistischen Widerstands.

Die DVU muss ausweichen
Am 15. Mai 1977 blieb das Curio-Haus fest in der Hand der Besetzer*innen. Transparente und Flugblätter machten das Gebäude weithin sichtbar zum Ort des antifaschistischen Protests.

Gegen Mittag trafen schließlich mehrere hundert Anhänger der Deutschen Volksunion ein und versuchten, Zugang zum Gebäude zu erhalten. Doch die Eingänge waren blockiert.

Zwischen beiden Gruppen stand die Polizei. Während DVU-Anhänger vor dem Gebäude standen und versuchten, Zugang zu erhalten, blieb das Curio-Haus selbst unzugänglich.

Schließlich musste die DVU ihre geplante Großveranstaltung aufgeben und wich in eine Gaststätte an der Osdorfer Landstraße in Hamburg-Bahrenfeld aus, wo nur noch eine deutlich kleinere Versammlung stattfinden konnte.

Organisierter Widerstand zeigt Wirkung
Die Verhinderung der DVU-Veranstaltung im Curio-Haus war kein Zufall, sondern das Ergebnis entschlossener antifaschistischer Mobilisierung. Die VVN, die früh vor der Veranstaltung warnte und die GEW zum Handeln aufforderte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit den im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ zusammengeschlossenen Gruppen, Jugendorganisationen und studentischen Initiativen entstand innerhalb kurzer Zeit ein breites Bündnis. Demonstration, öffentliche Aufklärung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses griffen ineinander.

Die Aktion gehört damit zu den prägenden Beispielen antifaschistischen Widerstands in Hamburg nach 1945 – und zeigt bis heute: Rechte Raumnahme ist kein Naturgesetz – sie kann durch entschlossenen antifaschistischen Widerstand verhindert werden. Oder, wie es auf den Flugblättern jener Tage hieß: „Nazis raus aus Hamburg!“

Der DVU gelang es zwar später zeitweise, als rechtsextreme Wahlpartei in mehrere Landesparlamente einzuziehen. Politisch blieb sie jedoch stark vom Medienimperium ihres Gründers Gerhard Frey abhängig und verlor nach dessen Rückzug zunehmend an Bedeutung. 2011 ging sie schließlich in der NPD auf.

Bildstrecke (Quelle: Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (FZH)
Aufruf: „Nazis raus aus Hamburg!“

Der Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ mobilisierte mit Flugblättern und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus. Der Aufruf erinnerte an die Verbrechen des Nationalsozialismus und rief zu einer antifaschistischen Kundgebung am 14. Mai 1977 auf der Moorweide auf.

Flugblatt zur Besetzung des Curio-Hauses

Mit diesem Flugblatt erklärten Hamburger Antifaschist*innen die Besetzung des Curio-Hauses. Darin heißt es: „In Erwägung, daß die Faschisten Rudel und Frey nichts zu suchen haben in Hamburg … haben wir beschlossen, das Curio-Haus exemplarisch zu besetzen.“

Brief der VVN an die GEW

Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an die GEW. In dem Schreiben wurde gefordert, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.

Zeitungsbericht über den Konflikt

Zeitungsartikel aus dem Mai 1977 berichten über den politischen Konflikt um die Vermietung des Curio-Hauses an die DVU und die Besetzung.

Protest und Besetzung des Curio-Hauses

Fotos der Besetzung zeigen das Curio-Haus mit Transparenten und Demonstrierenden. Die Aktion machte sichtbar, dass dieser Ort nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.

Die geplante Großveranstaltung der DVU konnte hier schließlich nicht stattfinden.

Quellen
Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Sammlung Curio-Haus-Besetzung Hamburg 1977

  • AStA Universität Hamburg: AStA Info „Nazis raus aus Hamburg“, Mai 1977.
  • Hamburger Antifaschisten: Flugblatt „Wir haben das Curio-Haus besetzt!“, Erklärung zur Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
  • Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“: Zeitung zur geplanten DVU-Veranstaltung und zur Mobilisierung gegen den Auftritt von Hans-Ulrich Rudel und Gerhard Frey / Aufruf zur antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide, Hamburg, Mai 1977, Hamburg, Mai 1977.
  • SSB (Sozialistischer Studentenbund): Flugschrift „Curio-Haus besetzt – Faschisten-Veranstaltung verhindert!“, Bericht über die Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
  • Studentenwerk Hamburg / GEW Hamburg / Behörde für Wissenschaft und Kunst: Gemeinsame Erklärung zur Situation im Curio-Haus während der Besetzung, Hamburg, 14. Mai 1977.
  • VVN Hamburg: Brief an den Vorstand der GEW Hamburg zur geplanten DVU-Veranstaltung im Curio-Haus, Hamburg, 25. April 1977.

Zeitungsberichte

  • „Im Curio-Haus geht der Schrecken um …“, in: Die Welt, 5. Mai 1977.
  • „Ärger wegen Saalvermietung“, in: Frankfurter Rundschau, 7. Mai 1977.
  • „DVU will Rudels Auftritt jetzt vor Gericht erzwingen“, in: Die Welt, 11. Mai 1977.
  • „Volksunion darf im Curio-Haus tagen“, in: Die Welt, 13. Mai 1977.
  • „Biallas gegen Radikale“, in: Mopo, 13. Mai 1977
  • „Kundgebungsverbot verlangt“, Agenturmeldung (AP), 13. Mai 1977.
  • „Störversuche vergeblich: Volksunion tagte“, in: Hamburger Abendblatt, 16. Mai 1977
  • „Linksradikale verhindern das Treffen von 400 Rechtsradikalen“, in: Die Welt, 16. Mai 1977
  • Berichte zur verhinderten DVU-Veranstaltung und zur Ausweichveranstaltung in Bahrenfeld, 15.–16. Mai 1977.

8. Mai 1945 – Tag der Befreiung

24. März 2026

Chance für Frieden und Demokratie in Europa

Für die überlebenden Verfolgten und Widerstandskämpfer:innen war der 8. Mai 1945 die „Morgenröte der Menschheit, wie der als Jude und Kommunist verfolgte Résistance Kämpfer Peter Gingold es ausdrückte. Die offizielle Sicht blieb indessen noch Jahrzehnte die der Nazis, der Deutsch-Nationalen, der „Frontkämpfer“, der Profiteur:innen und Mitläufer:innen: sie sprachen von Zusammenbruch, Kapitulation und Besatzern. Für uns Nachgeborene sind und bleiben die alliierten Streitkräfte, unter denen die Rote Armee mit Abstand die größte Last des Krieges in Europa zu tragen hatte, auch unsere Befreier:innen. Mit besonderer Dankbarkeit erinnern wir an den Beitrag, den der deutsche antifaschistische Widerstand dazu geleistet hat. Heute, nachdem es kaum noch überlebende „Zeitzeug:innen“ gibt, hat Geschichtsrevisionismus – von Relativierung bis gar zur Heroisierung der deutschen Vergangenheit – Konjunktur. Mit unserem Fest am 8. Mai wollen wir die Befreiung von Nazi-Terror, Vernichtungskrieg und Völkermord als Grundlagen für ein Leben in Frieden, Freiheit und Vielfalt feiern und zugleich deutlich machen, wie notwendig es ist, diese Errungenschaften zu verteidigen.

Nie wieder Faschismus!

Derzeit erleben wir eine drastische gesellschaftliche Rechtsentwicklung. Die AfD liegt in den aktuellen Umfragen bundesweit bei rund 25%. Doch rechte Politik geht nicht nur vom äußeren Rand der Gesellschaft und der AfD aus. Auch wenn die extreme Rechte die Grenze des Sagbaren immer weiter verschiebt, setzen die regierenden Parteien die Forderungen willentlich um. Ein massiver Sozialabbau wird konsequent vorangetrieben, während erkämpfte Grundrechte zunehmend angegriffen werden. Die GEAS-Reform stellt nur die Spitze des Eisbergs einer immer menschenfeindlicheren Politik dar. Die Meinungsfreiheit wird weiter eingeschränkt, Antifaschismus kriminalisiert, und Berufsverbote drohen wieder und mit dem geplanten Gesetz zur Regelanfrage im öffentlichen Dienst könnten Berufsverbote wieder eingeführt werden. Es zeichnet sich ein immer autoritärer werdender Staat ab, der die Interessen einiger weniger durchsetzt.

Nie wieder Krieg!

Weltweit nehmen Verteilungskriege zwischen den Großmächten zu. Das sehen wir aktuell in Lateinamerika, Afrika, im Nahen Osten, in Europa und im Südchinesischen Meer. Zur Sicherung von Handelsrouten, Absatzmärkte und Ressourcen wird immer mehr auf Krieg gesetzt. Als drittgrößte Volkswirtschaft will Deutschland  immer mehr Einfluss gewinnen. In diesem Zusammenhang wird in schnellem Tempo aufgerüstet. Mehr als 500 Milliarden Sondervermögen stehen für Militärausgaben bereit. Unternehmen wie Rheinmetall machen Milliardengewinne. Die Zunahme der militärischen Produktion geht einher mit einer umfassenden Militarisierung der gesamten Gesellschaft: Von der Wiedereinführung der Wehrpflicht, über den Angriff auf die Zivilklausel bis zu zivilmilitärischer Zusammenarbeit wie bei Red Storm Alpha  bis Charly.  Bezahlt wird das mit dem Abbau des Sozialstaats: Kürzungen in Bildung, Gesundheit und ziviler Infrastruktur. Wir als breite Bevölkerung sind die Leidtragenden dieser massiven Aufrüstung. Wer sich dagegen stellt, hat mit Repressionen zu kämpfen. Vor diesem Hintergrund stellen wir uns der Rechtsentwicklung ebenso entgegen wie der Aufrüstung und Militarisierung. Es ist unsere Aufgabe, den weiteren Aufstieg der AfD und anderer rechter Kräfte zu verhindern. Wir stehen dabei an der Seite all derer, die stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Dem zunehmenden Rassismus, der Queerfeindlichkeit, dem Antisemitismus und allen weiteren Formen der Menschenfeindlichkeit widersetzen wir uns mit aller Kraft. Als Bündnis stehen wir für eine Stärkung des Völkerrechts und internationaler Institutionen zur friedlichen Konfliktlösung. Waffenlieferungen in Kriegs- und Krisengebiete sind keine Alternative für diplomatische Lösungen. Jede Nation hat das Recht, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Internationale Solidarität bedeutet das Eintreten für diese demokratische Selbstbestimmung und richtet sich gegen Nationalismus und imperiale Einmischung.

Den 8. Mai ein Feiertag!

Wir wollen am 8. Mai an die Hoffnung der Befreiten auf eine Welt ohne Kriege, Elend und Unterdrückung erinnern und diese als Impuls nehmen, weiter an der Schaffung der neuen Welt des Friedens und der Freiheit zu arbeiten wie es die befreiten Häftlinge von Buchenwald geschworen haben.

Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann.Das ist überfällig seit 8 Jahrzehnten …“
(in memoriam Esther Bejarano)

80 Jahre Curiohaus-Prozesse

26. Februar 2026

Im Frühjahr 2026 erinnert die Veranstaltungsreihe „80 Jahre Curiohaus-Prozesse“ an die britischen Militärgerichtsverfahren, die zwischen 1945 und 1949 im Hamburger Curiohaus stattfanden. Im Gebäude der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wurden damals in 188 Verfahren insgesamt 504 Angeklagte wegen nationalsozialistischer Verbrechen vor Gericht gestellt – insbesondere im Zusammenhang mit dem KZ Neuengamme und seinen zahlreichen Außenlagern.

Gemeinsam mit der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, der GEW Hamburg und weiteren Partner*innen beteiligen wir uns an dieser Reihe. Sie nimmt die historische Bedeutung der Curiohaus-Prozesse in den Blick und fragt zugleich nach ihrer Gegenwartsrelevanz: Wie wurde nach 1945 Recht gesprochen? Welche Rolle spielten Überlebende als Zeug*innen? Wer wurde zur Verantwortung gezogen – und wer entging der Strafverfolgung? Und was folgt daraus für unseren antifaschistischen Auftrag heute?

Für uns als VVN-BdA Hamburg ist die Auseinandersetzung mit den Curiohaus-Prozessen untrennbar mit dem Schwur der befreiten Häftlinge von Buchenwald verbunden: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht.“ Angesichts zunehmender Geschichtsrevisionismen und rechter Ideologien bleibt dieser Anspruch aktuell.

Wir beteiligen uns mit eigenen Beiträgen an der Reihe und laden herzlich zur Teilnahme ein.
Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei, teilweise ist eine Anmeldung erforderlich.

Das vollständige Programm mit allen Terminen und Informationen findet ihr hier

Das Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof darf nicht scheitern!

27. Januar 2026

APPELL: In Sorge um den Stillstand in der Realisierung des Dokumentationszentrums denk.mal Hannoverscher Bahnhof haben 44 Personen, die seit Jahrzehnten an der Verwirklichung dieses wichtigen Gedenkortes arbeiten, einen Appell an den Hamburger Senat und den privaten Investor gerichtet.

Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister Dr. Tschentscher,
sehr geehrter Herr Müller-Spreer!

Als Personen, die sich seit über zwei Jahrzehnten für ein Dokumentationszentrum in der HafenCity zur Erinnerung an die von 1940 bis 1945 erfolgten Deportationen vom ehemaligen Hannoverschen Bahnhof einsetzen, sind wir tief besorgt über Nachrichten, wonach die Realisierung dieses Projekts gefährdet ist. Nichts weniger als die Glaubwürdigkeit der Stadt und die Vertragstreue des Investors stehen hier auf dem Spiel.

Ein kurzer Rückblick: Vor über 20 Jahren begann ein mehrjähriger Beteiligungsprozesses mit Kolloquien und Werkstattgesprächen. Mit dem Wettbewerb 2009 über die Gestaltung des Lohseparks, der Erarbeitung eines Grundkonzeptes und einer Modifikation des Masterplans HafenCity wurden im Doppelhaushalt 2011/2012 die Mittel für die Errichtung der Gedenk­stätte Hannoverscher Bahnhof bereitgestellt. Die HafenCity Hamburg GmbH verkündete, dass „die Fertigstellung des Dokumentationszentrums […] nach Sicherung der Finanzierung für 2012/2013 vorgesehen“ sei. Probleme bei der Grundstücksverfügbarkeit und der Realisierungsträgerschaft verzögerten das von einem Beirat begleitete Vorhaben um Jahre.

Im Zuge der Fertigstellung des Lohseparks entstand immerhin mit der Fuge entlang der Gleise und den Überresten des ehemaligen Bahnsteigs 2 ein Gedenkort mit Namenstafeln der über 8000 aus Hamburg deportierten Jüdinnen und Juden, Sintizze und Sinti, Romnja und Roma. Die Einweihung am 10. Mai 2017 fand bundesweit große Beachtung.

Auch erfolgte 2017 der Vertragsabschluss über das für das Dokumentationszentrum vorge­sehene Grundstück und dessen Bebauung mit einem Bürogebäude. Für die im Erdgeschoss geplante ca. 1000qm große Ausstellungsfläche wurde zwischen dem Käufer/Investor Harm Müller-Spreer und der Stadt ein Vertrag über ein 200 Jahre währendes mietfreies Dauernut­zungsrecht geschlossen. Der Bund sagte im Dezember 2018 eine 50-prozentige Förderung der Ausstellungserarbeitung zu.

Im Februar 2020 begann der Bau mit einem gemeinsamen Spatenstich. Sie, Herr Müller-Spreer, hoben in der anschließenden Veranstaltung hervor, dass dieses Bauvorhaben für Sie eine große Ehre und angesichts Ihrer eigenen Familiengeschichte auch eine innere Verpflichtung sei. Als Anfang 2021 die Medien über die geplante Vermietung der Büroflächen an die Firma Wintershall Dea AG berichteten, führte dies angesichts deren NS-belasteter Vergangenheit zu öffentlicher Kritik und Protesten. In dem daraufhin einge­leiteten Mediationsverfahren führte das Angebot des Investors, an einem eigenständigen Standort ein Ausstellungsgebäude im Rohbau auf seine Kosten zu errichten, zu einer Einigung. Sie, Herr Müller-Spreer, erklärten gegenüber dem Hamburger Abendblatt: „Es war mir ein Herzens­wunsch, das Dokumentationszentrum von der Seite ins Zentrum des Parks zu rücken und einen Lernort für künftige Generationen zu schaffen“.

Nachdem im April 2022 der Schenkungsvertrag abgeschlossen, das Dauernutzungsrecht aufgehoben und im März 2023 der Wettbewerb für das Solitärgebäude entschieden war, hätte nach Abschluss der erforderlichen Vergabeverfahren und plane­rischen Anpassungen der Bauantrag vorbereitet und gestellt werden können. Am 30. September 2025 teilte der Senat jedoch mit, dass derzeit die Planungsarbeiten ruhen, „da der Schenker diese bis zur Klärung steuerrechtlicher Fragen zur Absetzbarkeit seiner Aufwendungen unterbrochen hat“ (Drs. 23/1557).

Durch den bisher entstandenen Zeitverzug ist das noch überall genannte Eröffnungsdatum 2026/2027 inzwischen völlig illusionär. Wegen des Ablaufs der bereits bis 2026 verlängerten Frist für die Förderung des Ausstellungsvorhabens droht eine Rückzahlungsaufforderung des Bundes. Ein weiteres Problem: Der Schenkungsvertrag räumt für den Fall einer bis zum 28. Februar 2028 nicht vorliegenden Baugenehmigung beiden Seiten den Ausstieg aus dem Vertrag ein.

Das geplante Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof ist der bislang einzige Gedenkort in Norddeutschland, der Shoah und Porajmos  gemeinsam in den Blick nimmt und die Einbettung der rassistischen Ausgrenzung und der Deportationen in die national­sozialistische Gesellschaft zeigt. Trotz aller Fortschritte in der Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur, von denen das im September 2023 vom Senat in die Bürgerschaft eingebrachte Gedenkstättenkonzept zu berichten weiß (Drs. 22/13023), droht Hamburg im Falle eines Scheiterns des Dokumentationszentrums in der HafenCity ein schwerer Schaden. Dass auch die allerletzten der wenigen Überlebenden der Deportationen den von ihnen erstrittenen Informationsort nicht mehr erleben werden, wäre schon tragisch und schwer hinnehmbar. Wenn aber in einer Zeit, in der vor dem Hintergrund des Anstiegs des Rechts­extremismus bei jungen Menschen die fehlenden Zeitgeschichtskenntnisse beklagt werden und zugleich die Forderungen nach einem Schlussstrich unter das Erinnern immer lauter werden, ein den Betroffenenverbänden und der Öffentlichkeit vielfach versprochenes Dokumentationszentrum ad acta gelegt würde, wäre dies für die Hamburger Erinnerungs­kultur eine Bankrotterklärung.

Der Hamburger Senat hat sich für den Wiederaufbau der infolge des Novemberpogroms von 1938 zerstörten Bornplatzsynagoge und für die Prüfung der Errichtung eines Jüdischen Museums als Orte für die Repräsentanz jüdischer Gegenwart und Geschichte ausgesprochen. Gerade weil es sich hierbei um „kein Holocaust-Museum“ handeln soll, gilt es, das Scheitern des Dokumentationszentrums zu verhindern. Ansonsten hätte die Vermittlung der Verfolgungs- und Deportationsgeschichte in Hamburg keinen Ort.

Die Hamburger Regierungsparteien haben in ihrem Koalitionsvertrag 2025 unter der Überschrift „Erinnern für die Zukunft“ erklärt: „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns darum kümmern, das Bewußtsein für unsere historische Verant­wortung hochzuhalten. Unsere Erinnerungskultur ist eine wesentliche Grundlage unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Deshalb werden wir das Gedenkstätten­konzept systematisch umsetzen und insbesondere […] das Dokumentationszentrum Hanno­verscher Bahnhof realisieren.“ (Koalitionsvertrag SPD-GRÜNE vom 24. April 2025, S. 120)

Wir fordern deshalb Sie, Herr Dr. Tschentscher, und den Senat dazu auf, nicht wortbrüchig zu werden. Zugleich appellieren wir an Sie, Herr Müller-Spreer: Beenden Sie den Planungsstopp, stehen Sie zu Ihren im Schenkungsvertrag abgegebenen Versprechen und fügen Sie der Erinnerungskultur in Ihrer Heimatstadt Hamburg keinen weiteren Schaden zu!

Wenn auch Sie den Appell unterstützen möchten, bitte hier klicken!

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