Konkrete Kämpfe, reale Erfolge – Antifaschistischer Widerstand in Hamburg nach 1945
24. März 2026
„Konkrete Kämpfe, reale Erfolge – Antifaschistischer Widerstand in Hamburg nach 1945“ ist ein (Publikations)Projekt des Arbeitskreis Neofaschismus der VVN-BdA Hamburg. Es beleuchtet zivilgesellschaftliche, politische und kulturelle Interventionen, mit denen in Hamburg seit dem Ende des Nationalsozialismus neonazistische Aktivitäten, geschichtsrevisionistische Projekte und rechte Raumnahme öffentlich benannt, zurückgedrängt oder verhindert wurden. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen.
„Nazis raus aus Hamburg!“
Die Besetzung des Curio-Hauses 1977 als Erfolg antifaschistischen Widerstands
Im Mai 1977 versuchte die rechtsradikale Deutsche Volksunion (DVU) um den Verleger Gerhard Frey, in Hamburg eine Großkundgebung zu organisieren. Als Redner sollte der ehemalige Wehrmachts-Oberst und NS-Propagandist Hans-Ulrich Rudel auftreten. Als Veranstaltungsort war das Curio-Haus vorgesehen – ein Gebäude der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Universitätsviertel. Was als Demonstration neonazistischer Stärke geplant war, entwickelte sich jedoch zu einem Beispiel erfolgreicher antifaschistischer Gegenwehr: Durch Proteste, Mobilisierung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses verhinderten Hamburger Antifaschist*innen die Veranstaltung.
Die DVU, Frey und Rudel: Alte und Neue Rechte auf der Suche nach Öffentlichkeit
1977 war die Deutsche Volksunion (DVU) eine der wichtigsten Organisationen der extremen Rechten in der Bundesrepublik. Sie wurde von dem Münchner Verleger Gerhard Frey, Herausgeber der rechtsextremen National-Zeitung, aufgebaut und verstand sich als Sammelbecken nationalistischer und rechtsradikaler Kräfte. Über ihre Medien, Kampagnen und öffentlichen Veranstaltungen versuchte die DVU, geschichtsrevisionistische Positionen zu verbreiten und zugleich eine organisatorische Plattform für die extreme Rechte zu schaffen.
Die geplante Veranstaltung im Hamburger Curio-Haus sollte genau diesem Zweck dienen. Mit der Einladung des ehemaligen Wehrmachtsobersts Hans-Ulrich Rudel setzte die DVU bewusst auf eine Symbolfigur des militärischen Nationalsozialismus. Rudel hatte sich auch nach 1945 nie vom NS-Regime distanziert und bewegte sich offen in internationalen rechtsextremen Netzwerken. Für die extreme Rechte galt er als identitätsstiftende Figur, die eine vermeintliche Kontinuität zwischen Wehrmacht, Nationalsozialismus und der neuen rechten Szene herstellen sollte.
Frühe Warnungen: Die VVN wird aktiv
Zu den ersten Organisationen, die auf die geplante DVU-Kundgebung reagierten, gehörte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Hamburger VVN in einem Schreiben an die GEW und forderte sie auf, der DVU keine Räume zur Verfügung zu stellen. Die Einladung an Rudel wurde als gezielte politische Provokation verstanden.
Die VVN spielte damit eine zentrale Rolle bei der Initialzündung des Widerstands. Ihr Appell machte deutlich, dass die geplante Veranstaltung nicht als gewöhnliche politische Versammlung betrachtet werden konnte, sondern als Versuch der extremen Rechten, öffentlich Raum zu gewinnen und NS-Ideologie zu rehabilitieren.
Aus der wachsenden Empörung entstand bald ein breites Bündnis. Unter dem Motto „Nazis raus aus Hamburg“ formierte sich ein Zusammenschluss antifaschistischer Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchlicher Initiativen und studentischer Organisationen.
Hamburg als Ziel rechter Treffen
Die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus fiel nicht aus heiterem Himmel. Bereits in den Jahren zuvor hatte die extreme Rechte wiederholt versucht, Hamburg als Treffpunkt für ihre Aktivitäten zu nutzen. Mitte der 1970er Jahre kam es mehrfach zu rechtsextremen Zusammenkünften und Versuchen größerer Veranstaltungen. 1975 sollte etwa ein internationales Treffen ehemaliger SS-Angehöriger stattfinden, und auch Organisationen wie die HIAG, der Zusammenschluss ehemaliger Waffen-SS-Mitglieder, traten in der Stadt öffentlich auf.
Diese Aktivitäten stießen regelmäßig auf Protest von antifaschistischen Gruppen, Gewerkschaften und demokratischen Initiativen. Vor diesem Hintergrund wurde der Auftritt von Rudel und Frey im Curio-Haus als besonders provokanter Versuch verstanden, der extremen Rechten erneut öffentliche Präsenz zu verschaffen.
„Nazis raus aus Hamburg!“ – Der Aufruf zum Protest
Gegen die geplante DVU-Veranstaltung formierte sich rasch ein breites Bündnis. Im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeiteten antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchliche Initiativen und studentische Organisationen zusammen. Zu den aktiven Kräften gehörten unter anderem der Landesjugendring, die Jungsozialisten, studentische Gruppen sowie Organisationen aus dem Umfeld der antifaschistischen Bewegung. Auch die VVN unterstützte die Mobilisierung und trug dazu bei, den Protest frühzeitig öffentlich sichtbar zu machen.
Das Bündnis mobilisierte mit Flugblättern, Veranstaltungen und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Kundgebung. Im Aufruf hieß es: „Am Sonntag, den 15. Mai, planen neofaschistische Kräfte eine provokatorische Großkundgebung in Hamburg, auf der die Idole neonazistischer Terrorgruppen, Rudel und Frey, sprechen sollen.“ Der Aufruf erinnerte zugleich an die historischen Verbrechen des Nationalsozialismus: „Ein solcher Naziaufmarsch ist eine Beleidigung für alle Bürger Hamburgs, die von der braunen Vergangenheit ein für allemal genug haben.“
Für Samstag, den 14. Mai 1977, rief der Initiativkreis zu einer großen antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide auf – nur wenige Schritte vom Curio-Haus entfernt. Sie wurde zum Ausgangspunkt der späteren Besetzungsaktion.
Die peinliche Rolle des Studentenwerks
Der Konflikt entwickelte sich rasch zu einem öffentlich geführten „Streit um die Räume“. Hamburger Zeitungen berichteten mehrere Tage lang über die Auseinandersetzung um die Vermietung des Curio-Hauses – von ersten Meldungen über „Ärger wegen Saalvermietung“ (Die Welt, 6. Mai 1977) bis zu Berichten über juristische Schritte der DVU, den Auftritt Rudels gerichtlich durchzusetzen (Die Welt, 11. Mai 1977).
Dass es überhaupt zu dieser Situation kam, lag auch an einer bemerkenswerten Entscheidung des Studentenwerks Hamburg, das den großen Saal des Curio-Hauses – eines Gebäudes im Eigentum der GEW, das an das Studentenwerk verpachtet war – an die DVU vermietet hatte. Die Erklärung für diese Entscheidung sorgte selbst in bürgerlichen Medien für Spott. In einem Pressebericht erklärte ein Vertreter des Studentenwerks: „Da kommt jemand zu Ihnen und sagt, er sei von der Deutschen Volksunion … ich wußte nicht, was Deutsche Volksunion ist.“ Man habe zunächst sogar angenommen, es handele sich um eine andere Organisation: „Im Hinblick auf das Wort ‚Volk‘ haben wir an einen linken Verein gedacht.“ Erst später habe man erkannt, an wen man vermietet hatte – und sei „von einem Schrecken in den anderen gefallen“ (Die Welt, 5. Mai 1977).
Diese Episode machte deutlich, wie fahrlässig mit der Vergabe öffentlicher Räume umgegangen wurde.
Proteste, juristische Manöver und politische Ausflüchte
Als der Protest gegen die DVU-Veranstaltung wuchs, versuchten Vermieter und Behörden, die Entscheidung rückgängig zu machen. Gleichzeitig versuchte die DVU, ihre Veranstaltung gerichtlich zu erzwingen und erwirkte zeitweise einstweilige Verfügungen.
Die Reaktionen offizieller Stellen blieben jedoch auffällig defensiv. Auch die GEW, die sich zwar gegen die Veranstaltung aussprach, begründete ihre Haltung vor allem mit ordnungspolitischen Argumenten. Statt eine klare antifaschistische Position einzunehmen, verwiesen die Verantwortlichen vor allem auf mögliche „Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ oder drohende Sachbeschädigungen.
Neonazistische Aktivitäten wurden damit nicht grundsätzlich politisch zurückgewiesen, sondern vor allem als ordnungsrechtliches Problem behandelt.
Die Besetzung des Curio-Hauses
Am 14. Mai 1977 folgten rund 700 Menschen den Aufrufen des Landesjugendrings, der Jungsozialisten, des AStA der Uni Hamburg und der im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeitenden Gruppen und versammelten sich zu einer antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide nahe dem Curio-Haus. Nach der Kundgebung zogen viele Teilnehmer*innen gemeinsam zum Curio-Haus. Etwa hundert von ihnen betraten das Gebäude und besetzten den großen Saal, um die geplante Veranstaltung der DVU zu verhindern.
Schon bald verwandelte sich das Gebäude in einen sichtbaren Ort des antifaschistischen Protests. Banner und Transparente schmückten die Fassade, Flugblätter wurden verteilt, Menschen diskutierten im Eingangsbereich und im Innenhof. Auf zeitgenössischen Fotografien ist zu sehen, wie das Curio-Haus von Demonstrierenden umgeben war und mit politischen Parolen geschmückt wurde – ein symbolischer Ausdruck dafür, dass dieser Raum nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.
Im Laufe des Nachmittags beschlossen die Besetzer*innen, die Aktion mit einem „Besetzungsfest“ zu verbinden und bis zum nächsten Tag im Gebäude zu bleiben. Immer mehr Menschen kamen hinzu, brachten Essen, diskutierten und informierten Passant*innen über den Hintergrund der Aktion.
Am Abend baten Vertreter des Studentenwerks, der Behörde für Wissenschaft und Kunst und der GEW die Besetzer*innen, das Gebäude zu verlassen. Gleichzeitig hatte der zuständige Senator Dieter Biallas bereits verfügt, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.
Die Besetzung blieb bestehen – und wurde über Nacht zu einem weithin sichtbaren Zeichen antifaschistischen Widerstands.
Die DVU muss ausweichen
Am 15. Mai 1977 blieb das Curio-Haus fest in der Hand der Besetzer*innen. Transparente und Flugblätter machten das Gebäude weithin sichtbar zum Ort des antifaschistischen Protests.
Gegen Mittag trafen schließlich mehrere hundert Anhänger der Deutschen Volksunion ein und versuchten, Zugang zum Gebäude zu erhalten. Doch die Eingänge waren blockiert.
Zwischen beiden Gruppen stand die Polizei. Während DVU-Anhänger vor dem Gebäude standen und versuchten, Zugang zu erhalten, blieb das Curio-Haus selbst unzugänglich.
Schließlich musste die DVU ihre geplante Großveranstaltung aufgeben und wich in eine Gaststätte an der Osdorfer Landstraße in Hamburg-Bahrenfeld aus, wo nur noch eine deutlich kleinere Versammlung stattfinden konnte.
Organisierter Widerstand zeigt Wirkung
Die Verhinderung der DVU-Veranstaltung im Curio-Haus war kein Zufall, sondern das Ergebnis entschlossener antifaschistischer Mobilisierung. Die VVN, die früh vor der Veranstaltung warnte und die GEW zum Handeln aufforderte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit den im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ zusammengeschlossenen Gruppen, Jugendorganisationen und studentischen Initiativen entstand innerhalb kurzer Zeit ein breites Bündnis. Demonstration, öffentliche Aufklärung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses griffen ineinander.
Die Aktion gehört damit zu den prägenden Beispielen antifaschistischen Widerstands in Hamburg nach 1945 – und zeigt bis heute: Rechte Raumnahme ist kein Naturgesetz – sie kann durch entschlossenen antifaschistischen Widerstand verhindert werden. Oder, wie es auf den Flugblättern jener Tage hieß: „Nazis raus aus Hamburg!“
Der DVU gelang es zwar später zeitweise, als rechtsextreme Wahlpartei in mehrere Landesparlamente einzuziehen. Politisch blieb sie jedoch stark vom Medienimperium ihres Gründers Gerhard Frey abhängig und verlor nach dessen Rückzug zunehmend an Bedeutung. 2011 ging sie schließlich in der NPD auf.
Bildstrecke (Quelle: Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (FZH)
Aufruf: „Nazis raus aus Hamburg!“

Der Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ mobilisierte mit Flugblättern und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus. Der Aufruf erinnerte an die Verbrechen des Nationalsozialismus und rief zu einer antifaschistischen Kundgebung am 14. Mai 1977 auf der Moorweide auf.
Flugblatt zur Besetzung des Curio-Hauses

Mit diesem Flugblatt erklärten Hamburger Antifaschist*innen die Besetzung des Curio-Hauses. Darin heißt es: „In Erwägung, daß die Faschisten Rudel und Frey nichts zu suchen haben in Hamburg … haben wir beschlossen, das Curio-Haus exemplarisch zu besetzen.“
Brief der VVN an die GEW

Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an die GEW. In dem Schreiben wurde gefordert, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.
Zeitungsbericht über den Konflikt

Zeitungsartikel aus dem Mai 1977 berichten über den politischen Konflikt um die Vermietung des Curio-Hauses an die DVU und die Besetzung.
Protest und Besetzung des Curio-Hauses


Fotos der Besetzung zeigen das Curio-Haus mit Transparenten und Demonstrierenden. Die Aktion machte sichtbar, dass dieser Ort nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.
Die geplante Großveranstaltung der DVU konnte hier schließlich nicht stattfinden.
Quellen
Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Sammlung Curio-Haus-Besetzung Hamburg 1977
- AStA Universität Hamburg: AStA Info „Nazis raus aus Hamburg“, Mai 1977.
- Hamburger Antifaschisten: Flugblatt „Wir haben das Curio-Haus besetzt!“, Erklärung zur Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
- Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“: Zeitung zur geplanten DVU-Veranstaltung und zur Mobilisierung gegen den Auftritt von Hans-Ulrich Rudel und Gerhard Frey / Aufruf zur antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide, Hamburg, Mai 1977, Hamburg, Mai 1977.
- SSB (Sozialistischer Studentenbund): Flugschrift „Curio-Haus besetzt – Faschisten-Veranstaltung verhindert!“, Bericht über die Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
- Studentenwerk Hamburg / GEW Hamburg / Behörde für Wissenschaft und Kunst: Gemeinsame Erklärung zur Situation im Curio-Haus während der Besetzung, Hamburg, 14. Mai 1977.
- VVN Hamburg: Brief an den Vorstand der GEW Hamburg zur geplanten DVU-Veranstaltung im Curio-Haus, Hamburg, 25. April 1977.
Zeitungsberichte
- „Im Curio-Haus geht der Schrecken um …“, in: Die Welt, 5. Mai 1977.
- „Ärger wegen Saalvermietung“, in: Frankfurter Rundschau, 7. Mai 1977.
- „DVU will Rudels Auftritt jetzt vor Gericht erzwingen“, in: Die Welt, 11. Mai 1977.
- „Volksunion darf im Curio-Haus tagen“, in: Die Welt, 13. Mai 1977.
- „Biallas gegen Radikale“, in: Mopo, 13. Mai 1977
- „Kundgebungsverbot verlangt“, Agenturmeldung (AP), 13. Mai 1977.
- „Störversuche vergeblich: Volksunion tagte“, in: Hamburger Abendblatt, 16. Mai 1977
- „Linksradikale verhindern das Treffen von 400 Rechtsradikalen“, in: Die Welt, 16. Mai 1977
- Berichte zur verhinderten DVU-Veranstaltung und zur Ausweichveranstaltung in Bahrenfeld, 15.–16. Mai 1977.





