„Konkrete Kämpfe, reale Erfolge – Antifaschistischer Widerstand in Hamburg nach 1945“
18. August 2026
Ist ein (Publikations)Projekt des Arbeitskreis Neofaschismus der VVN-BdA Hamburg. Es beleuchtet zivilgesellschaftliche, politische und kulturelle Interventionen, mit denen in Hamburg seit dem Ende des Nationalsozialismus neonazistische Aktivitäten, geschichtsrevisionistische Projekte und rechte Raumnahme öffentlich benannt, zurückgedrängt oder verhindert wurden. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen. Im Mittelpunkt stehen konkrete Auseinandersetzungen, ihre Akteur*innen und ihre nachweisbaren gesellschaftlichen Wirkungen.
Barmbek sagt Nein
Wie ein Stadtteil und das Hamburger Bündnis gegen Rechts den Versuch der NPD scheitern ließen, den 1. Mai zu vereinnahmen
Wer am Morgen des 1. Mai 2008 durch die Fuhlsbüttler Straße ging, bemerkte sofort, dass dieser Tag anders werden würde. In den Schaufenstern von Bäckereien, Buchhandlungen, Kneipen, Geschäften und sozialen Einrichtungen hing immer wieder dasselbe Plakat: „Barmbek sagt Nein zu Neonazis.“ Insgesamt 43 Geschäfte, Initiativen und Einrichtungen hatten sich der Kampagne angeschlossen. Noch bevor die erste Demonstration begann, war sichtbar, dass dieser Stadtteil den angekündigten Aufmarsch der NPD nicht als gewöhnliche Demonstration betrachtete. Barmbek hatte bereits Stellung bezogen.


Als sich wenig später die Demonstration des Hamburger Bündnisses gegen Rechts (HBgR) am Wiesendamm sammelte, zeigte sich, dass die monatelange Mobilisierung ihr Ziel erreicht hatte. In seiner Auftaktrede stellte das Bündnis fest: „Es sind heute so viele Menschen in Hamburg gegen die Nazis auf der Straße wie lange nicht mehr. Das ist ein erster wichtiger Erfolg der Mobilisierung aus den verschiedenen antifaschistischen Spektren.“
Diese Einschätzung erwies sich als zutreffend. Doch der Erfolg dieses Tages war keineswegs selbstverständlich. Die NPD hatte Hamburg bewusst zum bundesweiten Schwerpunkt ihres 1.-Mai-Aufmarsches gewählt. Ausgerechnet Barmbek – ein Stadtteil, der wie kaum ein anderer für die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung steht – sollte zur Bühne ihrer Inszenierung werden.
Dass dieser Plan scheiterte, war nicht das Ergebnis eines einzelnen Protesttages. Es war das Resultat einer über Jahre aufgebauten Bündnisarbeit, einer tiefen Verankerung im Stadtteil und der Zusammenarbeit sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte. Der 1. Mai 2008 wurde damit zum ersten großen Praxistest dieser Bündnispolitik – und zu ihrerBewährungsprobe.
Der folgende Beitrag zeichnet nach, wie das HBgR gemeinsam mit Gewerkschaften, Initiativen, Kirchengemeinden und vielen Menschen aus Barmbek den Versuch der NPD zurückwies, den 1. Mai politisch zu vereinnahmen. Er zeigt zugleich, warum der 1. Mai 2008 weit über einen erfolgreichen Protesttag hinausweist: als Beispiel dafür, dass langfristigeZusammenarbeit, lokale Verankerung und gemeinsames Handeln gesellschaftliche Mehrheiten organisieren und politische Wirkung entfalten können.
Der 1. Mai als Ziel rechter Vereinnahmung
Seit Mitte der 2000er Jahre versuchte die NPD bundesweit, den 1. Mai als „nationalen Arbeiterkampftag“ zu etablieren. Damit knüpfte sie an eine Strategie des historischen Nationalsozialismus an. Die Erklärung des 1. Mai 1933 zum „Tag der nationalen Arbeit“ und die Zerschlagung der freien Gewerkschaften bereits am folgenden Tag machten deutlich, dass es dabei nicht um die Interessen der Beschäftigten, sondern um die Ausschaltung der unabhängigen Arbeiter*innenbewegung ging. Mit Parolen wie „Arbeit zuerst für Deutsche“ griff die NPD dieses Muster erneut auf und versuchte, den 1. Mai symbolisch für die extreme Rechte zu vereinnahmen.
Dass Hamburg zum bundesweiten Schwerpunkt des 1. Mai 2008 wurde, war kein Zufall. Ebenso wenig die Wahl Barmbeks. Kaum ein Hamburger Stadtteil ist so eng mit der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung verbunden. Gewerkschaftshäuser, Genossenschaften, das Museum der Arbeit und zahlreiche historische Orte erinnern bis heute an diese Tradition. Gerade sie wollte die NPD für ihre bundesweite Inszenierung vereinnahmen.
Das HBgR erkannte früh, dass es dabei um weit mehr ging als um einen weiteren Neonaziaufmarsch. Im gemeinsamen Aufruf erklärte das Bündnis: „Der 1. Mai gehört den Gewerkschaften, den Beschäftigten und den Erwerbslosen – nicht den Nazis.“
Damit benannte das HBgR den Kern der Auseinandersetzung. Zur Verteidigung standen der 1. Mai als internationaler Tag der Solidarität und Barmbek als historischer Stadtteil der Arbeiter*innenbewegung. Ob dies gelingen würde, entschied sich jedoch nicht erst am 1. Mai selbst, sondern bereits in den Monaten der Mobilisierung.
Das HBgR geht einen neuen Weg
Die Voraussetzungen für den Erfolg des 1. Mai 2008 entstanden bereits drei Jahre zuvor: Mit der Gründung des HBgR entstand eine Vernetzung, die neue Wege der antifaschistischen Zusammenarbeit ging.
Gewerkschaften, antifaschistische Gruppen, migrantische Organisationen, Kirchen, Parteien und die VVN-BdA protestierten zwar regelmäßig gegen Neonazis – häufig jedoch nebeneinander statt gemeinsam. Unterschiedliche politische Kulturen, Arbeitsweisen und Schwerpunkte erschwerten eine langfristige Zusammenarbeit. Angesichts einer zunehmend selbstbewusst auftretenden extremen Rechten reichte diese punktuelle Zusammenarbeit immer weniger aus.
Deshalb verstand sich das HBgR nicht als weitere Organisation, sondern als dauerhafte Kooperation, in der unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte trotz politischer Unterschiede gemeinsame Strategien entwickeln konnten. Die VVN-BdA gehörte von Beginn an zu den Organisationen, die das HBgR mit aufbauten, und brachte ihre Erfahrungen aus der antifaschistischen Erinnerungs- und Bündnisarbeit ein.
Bis heute beschreibt das HBgR seinen Anspruch mit den Worten: „Trotz zum Teil erheblicher Differenzen in Einzelfragen arbeiten wir mit dem Ziel antifaschistischen Handelns zusammen.“ Am 1. Mai 2008 sollte sich dieser Anspruch erstmals unter den Bedingungen einer bundesweiten Neonazi-Mobilisierung bewähren.
Barmbek wird zum Akteur
Parallel zur antifaschistischen Mobilisierung verankerte sich der Protest im Stadtteil: Der Stadtteil selbst bezog sichtbar Stellung. Gemeinsam mit zahlreichen lokalen Initiativen entstand die Kampagne „Barmbek sagt Nein zu Neonazis“. Geschäfte, Kulturzentren, Kirchengemeinden, Vereine und soziale Einrichtungen schlossen sich dem Aufruf an und hängten Plakate in ihre Schaufenster.
Informationsveranstaltungen, Infostände und Stadtteilgespräche begleiteten die Wochen vor dem 1. Mai. So entstand Schritt für Schritt eine breite Stadtteilmobilisierung, die den Protest aus dem Kreis organisierter antifaschistischer Gruppen in den Alltag des Stadtteils trug.
Dabei beschränkte sich die Mobilisierung nicht auf das Verteilen von Flugblättern und Plakaten. Wie weit die Unterstützung in die Nachbarschaften hineinreichte, zeigte sich am 1. Mai selbst: Anwohner*innen öffneten Demonstrierenden in Seitenstraßen ihre Hauseingänge und ermöglichten ihnen so, Polizeiabsperrungen zu umgehen und zu den Blockaden zu gelangen. Der Stadtteil war damit nicht nur Kulisse des Protestes – Teile der Nachbarschaft unterstützten ihn ganz praktisch.
DGB und gewerkschaftlich Aktive
Nachdem die NPD den traditionellen Veranstaltungsort des Deutschen Gewerkschaftsbundes am Museum der Arbeit angemeldet hatte, verlegte die Hamburger DGB-Spitze ihre zentrale Maikundgebung nach St. Pauli. Sie begründete diesen Schritt mit Sicherheitsbedenken für die traditionelle Familienkundgebung und rief zugleich zur Beteiligung an den Protesten gegen den Naziaufmarsch auf.
Innerhalb der Gewerkschaften blieb diese Entscheidung nicht unumstritten. Viele gewerkschaftlich Aktive wollten den symbolträchtigen Ort des 1. Mai nicht kampflos aufgeben und beteiligten sich an der Mobilisierung. Entscheidend waren vor allem ver.di, die GEW und einzelne Gewerkschafter*innen, die bereits zuvor über das HBgR und andere solidarische Zusammenhänge mit antifaschistischer Arbeit verbunden waren. Dazu gehörten unter anderem Aktive aus der DGB-Jugend sowie Kontakte zur Geschichtswerkstatt Barmbek und zur KolaFu. Gerade diese bereits bestehenden persönlichen und politischen Verbindungen ermöglichten es, den Protest gegen den Naziaufmarsch weit in gewerkschaftliche Zusammenhänge hineinzutragen.
Das HBgR erkämpft das Demonstrationsrecht
Die Mobilisierung im Stadtteil allein reichte nicht aus. Damit der Protest politische Wirkung entfalten konnte, musste das HBgR zunächst das Recht erstreiten, überhaupt in Sichtweite des Naziaufmarschs demonstrieren zu dürfen.
Die Versammlungsbehörde hatte die Route der Demonstration zunächst so weit von der geplanten Strecke der NPD entfernt festgelegt, dass ein wirksamer Protest kaum möglich gewesen wäre. Das HBgR legte dagegen Rechtsmittel ein.
Erst am Abend des 30. April 2008 entschied das Hamburgische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Bündnisses. Die Demonstration durfte nun deutlich näher an der Aufmarschroute der NPD verlaufen. Zugleich kritisierte das Gericht das Vorgehen der Versammlungsbehörde ungewöhnlich scharf: Durch ihre späte Entscheidung sei effektiver gerichtlicher Rechtsschutz nahezu unmöglich geworden. Die Richter*innen sprachen von einer Verzögerung, die einer „Verweigerung des gebotenen Rechtsschutzes“ gleichkomme.
Der Erfolg vor Gericht veränderte die Ausgangslage des 1. Mai grundlegend. Die Polizei musste ihre Einsatzplanung kurzfristig anpassen, und der Protest konnte dort stattfinden, wo er politische Wirkung entfaltete. Dass sich am 1. Mai zehntausende Menschen den Neonazis in Barmbek entgegenstellen konnten, war deshalb auch Ergebnis eines erfolgreich erkämpften Demonstrationsrechts.
1. Mai 2008: Barmbek stellt sich quer
Als sich am Morgen des 1. Mai die Demonstration des HBgR am Wiesendamm sammelte, zeigte sich der Erfolg der Mobilisierung der vergangenen Monate. Nicht nur antifaschistische Gruppen waren gekommen. Gewerkschafter*innen, Nachbarschaftsinitiativen, Kirchengemeinden, Jugendverbände und zahlreiche Menschen aus dem Stadtteil prägten das Bild.
In seiner Auftaktrede begrüßte das Bündnis ausdrücklich „die Kolleginnen und Kollegen aus den Gewerkschaften, die sich dafür entschieden haben, hier in Barmbek ihren antifaschistischen Protest auf die Straße zu tragen.“ Viele Gewerkschafter*innen verstanden ihre Teilnahme nicht nur als Protest gegen einen Neonaziaufmarsch, sondern als Verteidigung des 1. Mai als Tag internationaler Solidarität.
Als sich die Demonstration in Bewegung setzte, zeigte sich überall entlang der Strecke, wie tief der Protest inzwischen im Stadtteil verankert war. An der Fuhlsbüttler Straße, rund um den S-Bahnhof Alte Wöhr und an zahlreichen weiteren Orten versammelten sich Menschen zu Kundgebungen, Mahnwachen und Blockaden. Anwohner*innen verfolgten das Geschehen nicht nur von den Gehwegen aus, sondern beteiligten sich vielerorts selbst oder begrüßten die Demonstrierenden vor ihren Häusern. Der öffentliche Raum, den die NPD für ihre Inszenierung nutzen wollte, war längst von antifaschistischem Protest geprägt.
Während die Demonstration des HBgR über den Wiesendamm und die Fuhlsbüttler Straße in Richtung Alte Wöhr zog, geriet die Einsatzplanung der Polizei zunehmend unter Druck. Die zahlreichen Blockaden entlang der geplanten Aufmarschroute zwangen die Polizei immer wieder zu Änderungen ihrer Einsatzplanung. Die NPD musste ihren Marsch mehrfach umleiten und konnte ihn nur unter erheblichen Einschränkungen durchführen.
Weit über 10.000 Menschen beteiligten sich an den Protesten in Barmbek. Entscheidend war jedoch weniger ihre Zahl als das Zusammenwirken der Demonstration des HBgR, der Sitzblockaden der Initiative „Barmbek nimmt Platz“, gewerkschaftlicher Initiativen, kirchlicher Gruppen, antifaschistischer Organisationen und zahlreicher Anwohner*innen. Gemeinsam machten sie deutlich, dass die Neonazis im Stadtteil auf eine breite und entschlossene Ablehnung stießen.

Der Versuch der NPD, den 1. Mai symbolisch zu besetzen, scheiterte nicht an einer einzelnen Blockade oder einer einzelnen Demonstration. Er scheiterte daran, dass ein ganzer Stadtteil den öffentlichen Raum verteidigte und den Neonazis die politische Deutungshoheit entzog.
Mehr als die Bilder der Abendnachrichten
Dennoch verbinden viele den 1. Mai 2008 bis heute vor allem mit Fernsehbildern brennender Barrikaden und Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden. Diese Bilder prägten zwar die bundesweite Berichterstattung, bestimmten jedoch nicht den Charakter dieses Tages.
Bereits am 2. Mai widersprach das HBgR dieser Wahrnehmung entschieden: „Wollte man der Medienberichterstattung Glauben schenken, dann hätten in Hamburg-Barmbek an jeder Straßenecke Barrikaden gebrannt und Straßenkämpfe getobt. Das ist Unsinn.“


Tatsächlich erzählten diese Bilder nur einen kleinen Teil des Geschehens. Weit über 10.000 Menschen beteiligten sich an Demonstrationen, Kundgebungen und Blockaden. Die eigentliche Geschichte des 1. Mai 2008 war die gesellschaftliche Breite des Widerstands und die gemeinsame Mobilisierung eines ganzen Stadtteils gegen den Versuch der NPD, den 1. Mai zu vereinnahmen.
Die Fernsehbilder einzelner Ausschreitungen überlagerten damit häufig den eigentlichen Erfolg des Tages: den sichtbaren Beweis, dass ein breites antifaschistisches Bündnis die politische Inszenierung der NPD zurückweisen und den öffentlichen Raum erfolgreich verteidigen konnte.
Ein Erfolg, der bis heute nachwirkt
Für das HBgR wurde der 1. Mai 2008 zum Beweis, dass seine politische Grundidee tragfähig war. Die seit der Gründung gewachsene Zusammenarbeit bewährte sich erstmals unter den Bedingungen einer bundesweiten Mobilisierung der extremen Rechten. Unterschiedliche politische Traditionen erwiesen sich dabei nicht als Hindernis, sondern als Voraussetzung gemeinsamen Handelns.
Zu den Voraussetzungen dieses Erfolgs gehörte auch die Einbindung autonomer Zusammenhänge in die Vorbereitung. Trotz erheblicher Unterschiede in politischen Vorstellungen und Aktionsformen gelang es, verbindliche Absprachen für den gemeinsamen Protest zu treffen. Die an der Bündnisvorbereitung beteiligten Spektren hielten sich am 1. Mai an das vom HBgR verfolgte Konzept „eine Demo für alle“. Militante Interventionen fanden außerhalb dieses gemeinsam vereinbarten Rahmens statt. Gerade die Verbindung von politischer Unterschiedlichkeit und Verbindlichkeit in den Absprachen erwies sich damit als eine Stärke der Bündnisarbeit.
Auch für die VVN-BdA bestätigte sich ein zentrales Anliegen ihrer Arbeit. Die Verteidigung des 1. Mai richtete sich nicht nur gegen einen konkreten Neonaziaufmarsch, sondern zugleich gegen die völkische Umdeutung der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung und ihres internationalen Solidaritätsverständnisses.
Die immer noch bestehende Barmbeker Initiative gegen Rechts nennt als Gründungsdatum den 1. Mai 2008 – sie entstand über die Mobilisierung gegen den Aufmarsch.
Die Erfahrungen des 1. Mai 2008 wirkten weit über diesen Tag hinaus. Viele spätere Mobilisierungen gegen Naziaufmärsche, rechte Infrastruktur sowie später gegen PEGIDA und die AfD knüpften an Formen der Zusammenarbeit an, die sich damals bewährt hatten. Der 1. Mai 2008 zeigte, dass breite antifaschistische Bündnisse nicht nur Protest organisieren, sondern gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen und politische Wirkung entfalten können.
Quellen
Hamburger Bündnis gegen Rechts (2008): 1. Mai 2008 – Eine erste Bilanz. 8. Mai 2008.
Hamburger Bündnis gegen Rechts (2008): Auftaktrede zur antifaschistischen Demonstration am 1. Mai 2008 in Hamburg-Barmbek
Hamburger Bündnis gegen Rechts (2008): Aufrufe, Flugblätter und Mobilisierungsmaterialien zum 1. Mai 2008.
Hamburgisches Oberverwaltungsgericht: Beschluss vom 30.04.2008, Az. 4 Bs 93/08.
taz: Gaston Kirsche: „Nazis in Barmbek“, 19.04.2008.
taz: Andreas Speit / Peter Müller: „Kampf um den 1. Mai“, 28.04.2008.
Neben den ausgewerteten schriftlichen Quellen wurden auch Berichte von Zeitzeug*innen berücksichtigt.
Fotos (wenn nicht anders bezeichnet): Umbruch Bildarchiv: „Hamburg out of Control – Tausende blockieren Naziaufmarsch am 1. Mai“, Fotodokumentation, 01.05.2008, https://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/010508hamburg.html
„Nazis raus aus Hamburg!“ Die Besetzung des Curio-Hauses 1977 als Erfolg antifaschistischen Widerstands
Im Mai 1977 versuchte die rechtsradikale Deutsche Volksunion (DVU) um den Verleger Gerhard Frey, in Hamburg eine Großkundgebung zu organisieren. Als Redner sollte der ehemalige Wehrmachts-Oberst und NS-Propagandist Hans-Ulrich Rudel auftreten. Als Veranstaltungsort war das Curio-Haus vorgesehen – ein Gebäude der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Universitätsviertel. Was als Demonstration neonazistischer Stärke geplant war, entwickelte sich jedoch zu einem Beispiel erfolgreicher antifaschistischer Gegenwehr: Durch Proteste, Mobilisierung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses verhinderten Hamburger Antifaschist*innen die Veranstaltung.
Die DVU, Frey und Rudel: Alte und Neue Rechte auf der Suche nach Öffentlichkeit
1977 war die Deutsche Volksunion (DVU) eine der wichtigsten Organisationen der extremen Rechten in der Bundesrepublik. Sie wurde von dem Münchner Verleger Gerhard Frey, Herausgeber der rechtsextremen National-Zeitung, aufgebaut und verstand sich als Sammelbecken nationalistischer und rechtsradikaler Kräfte. Über ihre Medien, Kampagnen und öffentlichen Veranstaltungen versuchte die DVU, geschichtsrevisionistische Positionen zu verbreiten und zugleich eine organisatorische Plattform für die extreme Rechte zu schaffen.
Die geplante Veranstaltung im Hamburger Curio-Haus sollte genau diesem Zweck dienen. Mit der Einladung des ehemaligen Wehrmachtsobersts Hans-Ulrich Rudel setzte die DVU bewusst auf eine Symbolfigur des militärischen Nationalsozialismus. Rudel hatte sich auch nach 1945 nie vom NS-Regime distanziert und bewegte sich offen in internationalen rechtsextremen Netzwerken. Für die extreme Rechte galt er als identitätsstiftende Figur, die eine vermeintliche Kontinuität zwischen Wehrmacht, Nationalsozialismus und der neuen rechten Szene herstellen sollte.
Frühe Warnungen: Die VVN wird aktiv
Zu den ersten Organisationen, die auf die geplante DVU-Kundgebung reagierten, gehörte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Hamburger VVN in einem Schreiben an die GEW und forderte sie auf, der DVU keine Räume zur Verfügung zu stellen. Die Einladung an Rudel wurde als gezielte politische Provokation verstanden.
Die VVN spielte damit eine zentrale Rolle bei der Initialzündung des Widerstands. Ihr Appell machte deutlich, dass die geplante Veranstaltung nicht als gewöhnliche politische Versammlung betrachtet werden konnte, sondern als Versuch der extremen Rechten, öffentlich Raum zu gewinnen und NS-Ideologie zu rehabilitieren.
Aus der wachsenden Empörung entstand bald ein breites Bündnis. Unter dem Motto „Nazis raus aus Hamburg“ formierte sich ein Zusammenschluss antifaschistischer Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchlicher Initiativen und studentischer Organisationen.
Hamburg als Ziel rechter Treffen
Die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus fiel nicht aus heiterem Himmel. Bereits in den Jahren zuvor hatte die extreme Rechte wiederholt versucht, Hamburg als Treffpunkt für ihre Aktivitäten zu nutzen. Mitte der 1970er Jahre kam es mehrfach zu rechtsextremen Zusammenkünften und Versuchen größerer Veranstaltungen. 1975 sollte etwa ein internationales Treffen ehemaliger SS-Angehöriger stattfinden, und auch Organisationen wie die HIAG, der Zusammenschluss ehemaliger Waffen-SS-Mitglieder, traten in der Stadt öffentlich auf.
Diese Aktivitäten stießen regelmäßig auf Protest von antifaschistischen Gruppen, Gewerkschaften und demokratischen Initiativen. Vor diesem Hintergrund wurde der Auftritt von Rudel und Frey im Curio-Haus als besonders provokanter Versuch verstanden, der extremen Rechten erneut öffentliche Präsenz zu verschaffen.
„Nazis raus aus Hamburg!“ – Der Aufruf zum Protest
Gegen die geplante DVU-Veranstaltung formierte sich rasch ein breites Bündnis. Im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeiteten antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, kirchliche Initiativen und studentische Organisationen zusammen. Zu den aktiven Kräften gehörten unter anderem der Landesjugendring, die Jungsozialisten, studentische Gruppen sowie Organisationen aus dem Umfeld der antifaschistischen Bewegung. Auch die VVN unterstützte die Mobilisierung und trug dazu bei, den Protest frühzeitig öffentlich sichtbar zu machen.
Das Bündnis mobilisierte mit Flugblättern, Veranstaltungen und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Kundgebung. Im Aufruf hieß es: „Am Sonntag, den 15. Mai, planen neofaschistische Kräfte eine provokatorische Großkundgebung in Hamburg, auf der die Idole neonazistischer Terrorgruppen, Rudel und Frey, sprechen sollen.“ Der Aufruf erinnerte zugleich an die historischen Verbrechen des Nationalsozialismus: „Ein solcher Naziaufmarsch ist eine Beleidigung für alle Bürger Hamburgs, die von der braunen Vergangenheit ein für allemal genug haben.“
Für Samstag, den 14. Mai 1977, rief der Initiativkreis zu einer großen antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide auf – nur wenige Schritte vom Curio-Haus entfernt. Sie wurde zum Ausgangspunkt der späteren Besetzungsaktion.
Die peinliche Rolle des Studentenwerks
Der Konflikt entwickelte sich rasch zu einem öffentlich geführten „Streit um die Räume“. Hamburger Zeitungen berichteten mehrere Tage lang über die Auseinandersetzung um die Vermietung des Curio-Hauses – von ersten Meldungen über „Ärger wegen Saalvermietung“ (Die Welt, 6. Mai 1977) bis zu Berichten über juristische Schritte der DVU, den Auftritt Rudels gerichtlich durchzusetzen (Die Welt, 11. Mai 1977).
Dass es überhaupt zu dieser Situation kam, lag auch an einer bemerkenswerten Entscheidung des Studentenwerks Hamburg, das den großen Saal des Curio-Hauses – eines Gebäudes im Eigentum der GEW, das an das Studentenwerk verpachtet war – an die DVU vermietet hatte. Die Erklärung für diese Entscheidung sorgte selbst in bürgerlichen Medien für Spott. In einem Pressebericht erklärte ein Vertreter des Studentenwerks: „Da kommt jemand zu Ihnen und sagt, er sei von der Deutschen Volksunion … ich wußte nicht, was Deutsche Volksunion ist.“ Man habe zunächst sogar angenommen, es handele sich um eine andere Organisation: „Im Hinblick auf das Wort ‚Volk‘ haben wir an einen linken Verein gedacht.“ Erst später habe man erkannt, an wen man vermietet hatte – und sei „von einem Schrecken in den anderen gefallen“ (Die Welt, 5. Mai 1977).
Diese Episode machte deutlich, wie fahrlässig mit der Vergabe öffentlicher Räume umgegangen wurde.
Proteste, juristische Manöver und politische Ausflüchte
Als der Protest gegen die DVU-Veranstaltung wuchs, versuchten Vermieter und Behörden, die Entscheidung rückgängig zu machen. Gleichzeitig versuchte die DVU, ihre Veranstaltung gerichtlich zu erzwingen und erwirkte zeitweise einstweilige Verfügungen.
Die Reaktionen offizieller Stellen blieben jedoch auffällig defensiv. Auch die GEW, die sich zwar gegen die Veranstaltung aussprach, begründete ihre Haltung vor allem mit ordnungspolitischen Argumenten. Statt eine klare antifaschistische Position einzunehmen, verwiesen die Verantwortlichen vor allem auf mögliche „Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ oder drohende Sachbeschädigungen.
Neonazistische Aktivitäten wurden damit nicht grundsätzlich politisch zurückgewiesen, sondern vor allem als ordnungsrechtliches Problem behandelt.
Die Besetzung des Curio-Hauses
Am 14. Mai 1977 folgten rund 700 Menschen den Aufrufen des Landesjugendrings, der Jungsozialisten, des AStA der Uni Hamburg und der im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ arbeitenden Gruppen und versammelten sich zu einer antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide nahe dem Curio-Haus. Nach der Kundgebung zogen viele Teilnehmer*innen gemeinsam zum Curio-Haus. Etwa hundert von ihnen betraten das Gebäude und besetzten den großen Saal, um die geplante Veranstaltung der DVU zu verhindern.
Schon bald verwandelte sich das Gebäude in einen sichtbaren Ort des antifaschistischen Protests. Banner und Transparente schmückten die Fassade, Flugblätter wurden verteilt, Menschen diskutierten im Eingangsbereich und im Innenhof. Auf zeitgenössischen Fotografien ist zu sehen, wie das Curio-Haus von Demonstrierenden umgeben war und mit politischen Parolen geschmückt wurde – ein symbolischer Ausdruck dafür, dass dieser Raum nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.
Im Laufe des Nachmittags beschlossen die Besetzer*innen, die Aktion mit einem „Besetzungsfest“ zu verbinden und bis zum nächsten Tag im Gebäude zu bleiben. Immer mehr Menschen kamen hinzu, brachten Essen, diskutierten und informierten Passant*innen über den Hintergrund der Aktion.
Am Abend baten Vertreter des Studentenwerks, der Behörde für Wissenschaft und Kunst und der GEW die Besetzer*innen, das Gebäude zu verlassen. Gleichzeitig hatte der zuständige Senator Dieter Biallas bereits verfügt, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.
Die Besetzung blieb bestehen – und wurde über Nacht zu einem weithin sichtbaren Zeichen antifaschistischen Widerstands.
Die DVU muss ausweichen
Am 15. Mai 1977 blieb das Curio-Haus fest in der Hand der Besetzer*innen. Transparente und Flugblätter machten das Gebäude weithin sichtbar zum Ort des antifaschistischen Protests.
Gegen Mittag trafen schließlich mehrere hundert Anhänger der Deutschen Volksunion ein und versuchten, Zugang zum Gebäude zu erhalten. Doch die Eingänge waren blockiert.
Zwischen beiden Gruppen stand die Polizei. Während DVU-Anhänger vor dem Gebäude standen und versuchten, Zugang zu erhalten, blieb das Curio-Haus selbst unzugänglich.
Schließlich musste die DVU ihre geplante Großveranstaltung aufgeben und wich in eine Gaststätte an der Osdorfer Landstraße in Hamburg-Bahrenfeld aus, wo nur noch eine deutlich kleinere Versammlung stattfinden konnte.
Organisierter Widerstand zeigt Wirkung
Die Verhinderung der DVU-Veranstaltung im Curio-Haus war kein Zufall, sondern das Ergebnis entschlossener antifaschistischer Mobilisierung. Die VVN, die früh vor der Veranstaltung warnte und die GEW zum Handeln aufforderte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit den im Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ zusammengeschlossenen Gruppen, Jugendorganisationen und studentischen Initiativen entstand innerhalb kurzer Zeit ein breites Bündnis. Demonstration, öffentliche Aufklärung und schließlich die Besetzung des Curio-Hauses griffen ineinander.
Die Aktion gehört damit zu den prägenden Beispielen antifaschistischen Widerstands in Hamburg nach 1945 – und zeigt bis heute: Rechte Raumnahme ist kein Naturgesetz – sie kann durch entschlossenen antifaschistischen Widerstand verhindert werden. Oder, wie es auf den Flugblättern jener Tage hieß: „Nazis raus aus Hamburg!“
Der DVU gelang es zwar später zeitweise, als rechtsextreme Wahlpartei in mehrere Landesparlamente einzuziehen. Politisch blieb sie jedoch stark vom Medienimperium ihres Gründers Gerhard Frey abhängig und verlor nach dessen Rückzug zunehmend an Bedeutung. 2011 ging sie schließlich in der NPD auf.
Bildstrecke (Quelle: Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (FZH)
Aufruf: „Nazis raus aus Hamburg!“

Der Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“ mobilisierte mit Flugblättern und einer eigenen Zeitung gegen die geplante DVU-Veranstaltung im Curio-Haus. Der Aufruf erinnerte an die Verbrechen des Nationalsozialismus und rief zu einer antifaschistischen Kundgebung am 14. Mai 1977 auf der Moorweide auf.
Flugblatt zur Besetzung des Curio-Hauses

Mit diesem Flugblatt erklärten Hamburger Antifaschist*innen die Besetzung des Curio-Hauses. Darin heißt es: „In Erwägung, daß die Faschisten Rudel und Frey nichts zu suchen haben in Hamburg … haben wir beschlossen, das Curio-Haus exemplarisch zu besetzen.“
Brief der VVN an die GEW

Bereits am 25. April 1977 wandte sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an die GEW. In dem Schreiben wurde gefordert, der DVU keine Räume im Curio-Haus zur Verfügung zu stellen.
Zeitungsbericht über den Konflikt

Zeitungsartikel aus dem Mai 1977 berichten über den politischen Konflikt um die Vermietung des Curio-Hauses an die DVU und die Besetzung.
Protest und Besetzung des Curio-Hauses


Fotos der Besetzung zeigen das Curio-Haus mit Transparenten und Demonstrierenden. Die Aktion machte sichtbar, dass dieser Ort nicht der extremen Rechten überlassen werden sollte.
Die geplante Großveranstaltung der DVU konnte hier schließlich nicht stattfinden.
Quellen
Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Sammlung Curio-Haus-Besetzung Hamburg 1977
- AStA Universität Hamburg: AStA Info „Nazis raus aus Hamburg“, Mai 1977.
- Hamburger Antifaschisten: Flugblatt „Wir haben das Curio-Haus besetzt!“, Erklärung zur Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
- Initiativkreis „Nazis raus aus Hamburg“: Zeitung zur geplanten DVU-Veranstaltung und zur Mobilisierung gegen den Auftritt von Hans-Ulrich Rudel und Gerhard Frey / Aufruf zur antifaschistischen Kundgebung auf der Moorweide, Hamburg, Mai 1977, Hamburg, Mai 1977.
- SSB (Sozialistischer Studentenbund): Flugschrift „Curio-Haus besetzt – Faschisten-Veranstaltung verhindert!“, Bericht über die Besetzung des Curio-Hauses, Hamburg, Mai 1977.
- Studentenwerk Hamburg / GEW Hamburg / Behörde für Wissenschaft und Kunst: Gemeinsame Erklärung zur Situation im Curio-Haus während der Besetzung, Hamburg, 14. Mai 1977.
- VVN Hamburg: Brief an den Vorstand der GEW Hamburg zur geplanten DVU-Veranstaltung im Curio-Haus, Hamburg, 25. April 1977.
Zeitungsberichte
- „Im Curio-Haus geht der Schrecken um …“, in: Die Welt, 5. Mai 1977.
- „Ärger wegen Saalvermietung“, in: Frankfurter Rundschau, 7. Mai 1977.
- „DVU will Rudels Auftritt jetzt vor Gericht erzwingen“, in: Die Welt, 11. Mai 1977.
- „Volksunion darf im Curio-Haus tagen“, in: Die Welt, 13. Mai 1977.
- „Biallas gegen Radikale“, in: Mopo, 13. Mai 1977
- „Kundgebungsverbot verlangt“, Agenturmeldung (AP), 13. Mai 1977.
- „Störversuche vergeblich: Volksunion tagte“, in: Hamburger Abendblatt, 16. Mai 1977
- „Linksradikale verhindern das Treffen von 400 Rechtsradikalen“, in: Die Welt, 16. Mai 1977
- Berichte zur verhinderten DVU-Veranstaltung und zur Ausweichveranstaltung in Bahrenfeld, 15.–16. Mai 1977.





