Einige Gedanken aus der Rede vom 25.2.2012 zum 69. Jahrestag der Ermordung von Hans Scholl, Sophie Scholl und Christioph Probst.

geschrieben von Georg Chodinski, Landessprecher der VVN-BdA Hamburg

31. März 2012

Ihr Geist lebt trotzdem weiter! Mit dieser Zeile haben Hans Leipelt und seine widerständigen Mitstreiter das 6. Flugblatt der Münchener Weißen Rose 1943 ergänzt und weiter verteilt.

Die Kreise rund um die Hamburger „Weißen Rose“ diskutierten seit Monaten die Flugblätter, die sie aus München nach Hamburg schleusten. Als dann Sophie und Hans Scholl sowie Christioph Probst am 22.2.1943 ermordet wurden stand ihr Entschluss fest: Wir führen den Kampf weiter! Die „Weiße Rose Hamburg“, eine Bezeichnung, die erst nach dem Krieg entstand, das waren zahlreiche nur lose verknüpfte Freundeskreise mit einer humanistischen Grundhaltung. Ihnen war gemeinsam, Andersdenkende gegen das Naziregime zu sein. Sie wollten Freiheit und Gerechtigkeit und das Ende des Krieges. Zu ihnen zählten Antisemitisch Verfolgte, Christen, Sozialisten, Kommunisten, Freimaurer, Pazifisten, Intellektuelle und Künstler. Diese Vielfalt erinnert mich an die lange Liste der Erstunterzeichner zum „Block Dresden 2012“. Dazu heißt es im Aufruf: „Unsere Vielfalt ist unsere Stärke – das war unser Credo der letzten Jahre. Dabei bleibt es! Mit einem breiten Bündnis … haben wir deutlich gemacht: Blockaden sind legitim, und Dresden geht uns alle an!… Wir geben den Nazis keinen Meter Straße preis. Wir blockieren sie in Dresden: bunt und lautstark, kreativ und entschlossen! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ Der Geist der „Weißen Rose“ – lebt weiter, auch heute noch in Dresden, Hamburg und anderswo!

NPD-Verbot: Jetzt aber richtig!

27. Dezember 2011

174.445 Menschen haben bereits 2007 gefordert, ein neues Verbotsverfahren nach Artikel 21, Abs. 2 Grundgesetz gegen die NPD auf den Weg zu bringen. 5.405 Menschen haben im Jahr 2009 ihre Argumente für ein NPD-Verbot auf der Kampagnen-Seite nonpd eingestellt. Ein wichtiges Argument ist und bleibt, dass das faschistische Menschenbild bereits dem Artikel 1 des Grundgesetzes widerspricht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Wir fordern die Einhaltung des Grundgesetzes!

Zwei wesentliche Argumente gegen ein NPD-Verbot sind offensichtlich falsch: ein Verbot treibe Nazis in den Untergrund und man brauche V-Leute zur Kontrolle der Szene. Inzwischen ist klar: V-Leute funktionieren nur in eine Richtung – sie versorgen die Nazi-Szene mit Geld und offensichtlich auch mit Informationen; irgendwelche Erkenntnisse, die nicht auch mit wissenschaftlichen oder journalistischen Methoden gewonnen werden, liefern sie nicht.

Wir fordern die Abschaffung des V-Leute-Unwesens!

Der „Nationalsozialistische Untergrund“ ist Teil eines braunen Netzes, in dessen Mitte die NPD die Fäden zieht. Die Führung der NPD war es, der mit der strategischen Orientierung „Kampf um die Straße – Kampf um die Köpfe – Kampf um die Parlamente“ die Öffnung der NPD zur „Kameradschaftsszene“ propagierte, zu der auch die Terrorgruppe und ihre Propagandisten zählen.

Solange die NPD durch Legalität den Eindruck erwecken kann, ihre rassistische, antisemitische, antidemokratische Hetze sei ein legitimes „nationales“ Anliegen und solange sie sich überwiegend über Steuergelder finanzieren kann, schöpft die gesamte neofaschistische Szene daraus den Anschein von Legitimität. Der Staat muss seinen Verpflichtungen zur Verteidigung der Demokratie endlich nachkommen.

Wir fordern die konsequente Durchsetzung eines NPD-Verbotsverfahrens!

20111228_1_unterschriftenliste_nonpd_2011.pdf (301 KB)

“V-Leute-System abschaffen“

geschrieben von Bundesausschuss der VVN-BdA

20. November 2011

Das friedliche Zusammenleben in unserem Land, Demokratie, Solidarität, unser Leben und unsere Zukunft werden von Neonazis und Neofaschismus bedroht.

Die Mordserie der neofaschistischen Terrorgruppe, die sich “Nationalsozialistischer Untergrund“ nennt, belegt auf dramatische Weise: Neofaschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

Trotz der ungeheuerlichen Dimension und Brutalität dieser Morde sind sie kein Einzelfall. Wir erinnern an das Oktoberfest-Attentat in München und die Brandanschläge, Pogrome und Mordtaten in den 90er Jahren u.a. in Solingen, Mölln, Lichtenhagen und Hoyerswerda. Eine Liste von Todesopfern rechter Gewalt in Deutschland seit 1990 nennt die erschreckende Zahl von 182 Toten.

Das Ausmaß der neonazistischen Gewalt zeigt, dass die totale Missachtung menschlichen Lebens – Gewalt bis zum Mord – immanenter Bestandteil des Denkens und Handelns im Neonazismus ist. Es ist die faschistische Ideologie, die diese Gewalt hervorbringt und fördert. Diese Erfahrung haben wir bereits in der NS-Zeit machen müssen.

Dennoch orientieren Blick und Weltbild der herrschenden Politik, in Staat und den tonangebenden Medien vorrangig auf angebliche “Gefahren von links“ und Gefahren durch “Fremdes“ und “Ausländisches“: Internationaler Terrorismus, Islamismus und “Linksextremismus“ (neuerdings noch gesteigert zum “Linksterrorismus“) beherrschen das Denken und Handeln der staatlichen Kräfte. Für einen konsequenten Kampf gegen rechts bleibt da kein Platz.

Rechte Gewalt und rechter Terror werden bagatellisiert, entpolitisiert, wenn nicht sogar geleugnet. Geburtshelfer mit NS-Vergangenheit bei der Inbetriebnahme der bundesdeutschen Geheimdienste haben da möglicherweise ihre Nachwirkung.

Politik und Staat sind auf dem rechten Auge blind. Als feststand, dass die sogenannten “Döner-Morde“ sich ausschließlich gegen Menschen ausländischer Herkunft richteten, wurde dennoch an alles Mögliche gedacht, nur nicht an Neonazis und deren Ausländerhass. Vielmehr wurden sogar die Opfer posthum krimineller Verbindungen verdächtigt.

Das gegen links gerichtete Weltbild verhindert konsequentes Vorgehen gegen Neonazis und Neofaschismus. Mehr noch: Politik, Justiz und Polizei sind folgerichtig primär gegen Nazigegner aktiv. Das zeigt das Beispiel Dresden, ist aber nicht auf Dresden beschränkt.

Die bislang praktizierte Zurückhaltung und Untätigkeit gegen Neonazis – überdeutlich geworden am Beispiel der jahrelang unbehindert morden könnenden Neonazigruppe – leistet dem Neofaschismus Vorschub.

Die vorzeitig eingestellten bzw. unterlassenen Ermittlungen und die Versäumnisse im Vorgehen gegen die bereits erkannten Neonazis der späteren Mörderbande verhinderten in der Konsequenz eine Strafverfolgung.

Deutlich wird die daraus resultierende Hilfestellung für Neonazis auch am System der V-Leute. Das sind vom Verfassungsschutz besoldete Neonazis. Der VS finanziert damit neofaschistische Gruppierungen, Organisationen und auch die NPD.

Wie die nunmehr bekannt gewordenen Vorgänge rund um die Verbrechen der Mördergruppe zeigen, haben als V-Leute bezahlte Neonazis – auch im Umkreis dieser Mörderbande – kein Verbrechen verhindert, nicht einmal aufgedeckt, sondern eher noch die Verbrecher geschützt und unterstützt.

Der Einsatz der V-Leute hat bereits das erste Verbotsverfahren gegen die NPD torpediert und damit die NPD vor dem Verbot gerettet. Das alles verlangt, das V-Leute-Unwesen endgültig zu beenden. V-Leute nützen den Neonazis.

Als größte antifaschistische Organisation Deutschlands, die von Naziopfern, ehemals Verfolgten und Widerstandskämpfer/innen gegründet wurde, fordern wir:

Die Gefahr des Neofaschismus muss endlich ernst genommen und entsprechend bekämpft werden.

Antifaschismus darf nicht länger diskriminiert werden. Dieses Land braucht ein klares Bekenntnis zum Antifaschismus.

Erforderlich sind:

Durchsetzung des im Grundgesetz und in den Strafgesetzen verankerten Faschismusverbots;

konsequentes Vorgehen gegen Neonazis und Neofaschismus. Unterbindung und Verbot neofaschistischer Umtriebe, Organisationen und Gruppierungen;

das Verbot der NPD, die Knotenpunkt, organisatorische Plattform, Ideologiegeber und Reservoir für neonazistische Gewalttäter ist – und zu der auch die Mörderbande Verbindung gehalten hat;

umfassende Aufklärung über das dubiose Verhalten von Justiz, Polizei und Verfassungsschutz bei neonazistischen Gewalttaten und gegenüber den Tätern;

Abschaffung des V-Leute-Unwesens – auch um damit den Weg zum Verbotsverfahren gegen die NPD freizmachen.

Die den Neonazismus fördernde Gleichsetzung von “Links- und Rechtsextremismus“ ist zu beenden.

Projekte gegen rechts dürfen nicht länger eingeschränkt oder behindert werden, sie müssen ohne Einschränkung gefördert werden. Die “Extremismusklausel“ ist zu streichen.

Antifaschistischer und zivilgesellschaftlicher Protest und Widerstand gegen Umtriebe und Aufmärsche von Neonazis dürfen nicht länger behindert und kriminalisiert werden. Sie sind ein aktiver Beitrag zur Verteidigung der Demokratie.

Wir wenden uns gegen alle Versuche, die Mordtaten der Neonazis, die wegen staatlicher Untätigkeit jahrelang fortgesetzt werden konnten, nunmehr zum Vorwand zu nehmen, erneut eine Einschränkung demokratischer Grundrechte und Freiheiten durchzusetzen und den allgemeinen Überwachungsapparat, alle Bürgerinnen und Bürger betreffend, auszubauen.

Die VVN-BdA wird ihre Aktivitäten im Rahmen der „nonpd“-Kampagne verstärken.

Bundesausschuss der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in der Bundesrepublik Deutschland (VVN-BdA), Mageburg, 20.11.2011

Schweigemarsch anläßlich der Nazi-Morde

geschrieben von Traute Springer-Yakar

18. November 2011

Ich bedanke mich für die Gelegenheit, hier für meine Organisation zu reden und die Opfer des neofaschistischen Terrors, mit Ihnen betrauern und ihnen Ehre erweisen zu dürfen, an allererster Stelle denke ich an den Hamburger Süleyman Tasköprü.

Meine Organisation, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten wurde direkt nach der Befreiung vom Faschismus im Jahre 1945 gegründet von Überlebenden der Konzentrationslager und Knäste gegründet. Unermüdlich kämpfen ihre Mitglieder gegen alte und neue Faschisten, gegen den neu erstarkenden Rassismus der Neidgesellschaft. Durch Aufklärung, Zeitzeugenarbeit in den Schulen, akribische Recherche und Pressegespräche gemeinsam mit unseren Bündnispartnern aus autonomen und Migranten- und Flüchtlingsorganisationen gelangen uns immer wieder Durchbrüche, von denen die Schlapphüte der 17 Verfassungsschutzämter nur träumen können. Ich nenne nur die Antirassistischen Telefone in den 90ern, die erfolgreichen Proteste gegen die Naziaufmärsche in Hamburg und die Dresdner Blockade Seit vielen Jahren bemühen wir uns um ein NPD-Verbot; 2003 scheiterte dieses vor dem Bundesverfassungsgericht, weil die höchsten Richter kapitulieren mußten vor dem Unwesen des Verbindungsleutesystems der Verfassungsschützer.

In den Jahren 2008 bis 2010 setzte die VVN ihre gesamte personelle und finanzielle Kraft dafür ein, trotz alledem ein NPD-Verbot durchzusetzen. Jahrzehntelang wurden unsere Anstrengungen gegen den Neofaschismus gönnerhaft belächelt, uns Antifaschisten wurde Geltungssucht und Selbstaufwertung unterstellt, Das seien ein paar besoffene No-Brainer, die man durch Bekämpfung/Aktionen nur aufwerte und besser ignorieren sollte. Liebe Freunde, wir können 182 Morde seit 1990 nicht ignorieren. Wir können nicht ignorieren, dass in weiten Teilen der N euen Bundesländer und nicht wenigen Gegenden der alten Migranten und Flüchtlinge, Antifaschistinnen und Antifaschisten sich nicht frei und sorglos bewegen können. Wir können die Brutalität und den Zynismus derer, deren Vorbilder die Welt über sechs Jahre lang mit Krieg überzogen, sechs Millionen Jüdinnen und Juden, eine halbe Million Roma und Cinti, und zehn Millionen russische und polnische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ermordet hatten, in keinem einzigen Fall ignorieren oder dulden. Mit wachsender Sorge beobachten wir, wie der sogenannte alltägliche Rassismus zum Kulturgut eines ganzen Landes, ja von ganz Europa wird. Die Herabwürdigung von Migranten und Flüchtlingen zu papierplatten, wandelnden Klischees, zu Schubladenbewohnern sind Relikte einer ideologisch und biologistisch mit der heißen Nadel gestrickten Rassentheorie und von dort immer wieder über die Boulevardpresse in die Köpfe der Menschen gepreßt worden. Da darf es nicht wundern, dass sämtliche Ermittler-Teams unisono 10 Jahre lang die Täter für die Morde an Migranten unter Migranten suchten. Nazi-Mörder und Ermittler messen mit demselben Maß Wer jemals zu irgend einem Zeitpunkt seines Lebens ungerecht und grundlos beschuldigt wurde, kann nachfühlen, wie schlimm das für Angehörigen und Freunde der Opfer war. Dass neuerdings Spitzenpolitiker aller Parteien öffentlich ihre Scham bekunden, entschädigt sie kaum.

Wir alle müssen gemeinsam eintreten für das NPD-Verbot. Das Hindernis, dass V-Leute nötig und sie abzuschalten nicht ratsam ist, greift hier nicht. Wenn, wie letzte Woche im WDR kolportiert wurde, der erste Vorsitzende der NPD Nordrhein-Westfalen, V-Mann des Bundesamtes, sein Stellvertreter V-Mann des Landesamtes für Verfassungsschutz ist, dann ist die Unkontrollierbarkeit durch Führungsoffiziere der Behörde zwangsläufig das V-Leute-System dient nur als Einkommensquelle für die Parteien, gegen die es angeblich gerichtet ist. Während ich heute diese Rede schrieb, war am unteren Rand meines stumm geschalteten Fernsehers immer wieder folgender Satz zu sehen: Rechter Terror: BKA-Chef weist Vorwurf des Totalversagens zurück. Da können wir ihm nicht folgen. Ein NPD-Verbot ist unabdingbar. 182 Mordopfer der letzten 20 Jahre sagen deutlicher als wir je könnten: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

Gedenkkundgebung und Mahnwache anlässlich des 73. Jahrestages der Reichspogromnacht,

geschrieben von Traute Springer-Yakar

8. November 2011

Im Namen der Veranstalterkreises, der Jüdischen Gemeinde Hamburg, der Universität Hamburg und der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes Bund der Antifaschisten begrüße ich Sie zur Gedenkkundgebung und Mahnwache anlässlich des 73. Jahrestages der Reichspogromnacht, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stattfand.

… Wir treffen uns an diesem Ort, weil hier bis zum 9. November 1938 die große Bornplatz-Synagoge stand. In der Nacht vom 9. Auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge geschändet und die Inneneinrichtung zerstört, später wurde im Inneren Feuer gelegt.

Dieser Platz ist seit 1989 nach dem letzten Rabbiner der Bornplatz-Synagoge, dem weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannten und verehrten Oberrabbiner Dr. Josef Carlebach benannt. In jener Nacht wurden in Hamburg, wie überall im nationalsozialistischen Deutschland, die Synagogen geschändet und jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert. Juden und Jüdinnen wurden auf den Straßen misshandelt, öffentlich gedemütigt, zur Schau gestellt und einige ermordet. Allein hier in Hamburg wurden 1000 Menschen im Laufe dieser Nacht und in den darauf folgenden Tagen verhaftet und in die Konzentrationslager Fuhlsbüttel und Sachsenhausen deportiert. Nicht wenige kamen der Verhaftung durch Selbstmord zuvor. Für die von SA-Horden und Mitläufern verübten Zerstörungen und Sachbeschädigungen wurde den Hamburger jüdischen Gemeinden und Bürgern eine Sühnezahlung von 1 Milliarde RM aufgezwungen. In der Zeit nach der Pogromnacht eskalierte die Verfolgung jüdischer Bürger durch die Staatsmacht : Juden waren von fast jeder Form des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, sie wurden Zug um Zug ihres Vermögens beraubt und gezwungen, ihren Grundbesitz zu verkaufen. Jüdische Kinder wurden vom Besuch allgemein bildender Schulen ausgeschlossen, sie durften nur noch jüdische Schulen besuchen. Ab 30.Juni 1942 wurde die Beschulung jüdischer Kinder ganz eingestellt, die jüdische Mädchenschule Karolinenstrasse wurde geschlossen. Die dem Bornplatz benachbarte Talmud Tora schule wurde schon im Frühjahr 1940 geschlossen.

Dies konnte nur geschehen, weil die gesamte Opposition gegen Hitler von Kirche bis KPD gleich 1933 eliminiert oder in die Illegalität getrieben wurde.

1989 hatten wir die Gedenkveranstaltung der Reichspogromnacht dem Kampf um das Bleiberecht für Roma und Cinti gewidmet, weil die Besetzung des Klinkerwerks auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme durch eine große Gruppe gegen ihre drohende Abschiebung protestierende Roma kurz vorher auf Befehl des 2. Bürgermeisters Ingo von Münch mit Polizeigewalt beendet worden war. Einwänden gegen diese vorgebliche Instrumentalisierung der Gedenkveranstaltung begegnete insbesondere Esther Bejarano, die mit großer Entschiedenheit erklärte: Die Lebenden müssen geschützt werden. Damals waren wir mit mehreren tausend Menschen in einem großen Bus- und Autokorso nach Neuengamme gefahren und hatten im Klinkerwerk unsere Kundgebung anlässlich der Pogromnacht abgehalten und dort in diversen Reden beschrieben, wie schwer es diese Stadt ihrer Roma- und Cinti-Bevölkerung zu den unterschiedlichen Zeiten gemacht hat..

Auch aktuell werden wieder Roma aus Hamburg in die Länder Ex-Jugoslawiens abgeschoben. Seit Bekanntwerden dieser Bedrohung haben wir immer wieder in Briefen und Aktionen gegen die drohenden Abschiebungen protestiert. Mittlerweile sind einige Abschiebungen nach Ablehnung entsprechender Einzelpetitionen vollzogen worden, weitere stehen direkt bevor. Das dürfen wir nicht hinnehmen, es ist unsere Pflicht, gegen jede einzelne dieser Abschiebungen zu protestieren.

Als nächstes spricht zu uns Wolfgang Rose, Landesbezirksleiter ver.di Hamburg und Mitglied SPD-Fraktion der Hamburger Bürgerschaft, zu deren Gunsten er uns heute leider frühzeitig verlassen wird. Deshalb sollten wir ihn bitten, dort auszurichten bzw. zu bekräftigen, heute oder zu einem anderen Zeitpunkt, was Steffi Wittenberg bereits am 31.10.2011 an den Ersten Bürgermeister schrieb:

Warum geben wir notleidenden Menschen nicht die Chance sich bei uns zu entwickeln und einen unbeschränkten Aufenthalt zu finden?

Die Vorstellung, wie diese Immigranten aus ihrer jetzigen Umgebung herausgerissen und ins Ungewisse abgeschoben werden, tut mir in der Seele weh. Als ehemalige jüdisch Verfolgte aus Hamburg die angesichts der Verfolgung durch Nazideutschland 1940 mit ihrer Familie in Uruguay aufgenommen wurde, berühren mich diese Abschiebungen besonders. Ich habe den Eindruck Deutschland fühlt sich stark und hat aus seiner Geschichte zu wenig gelernt.

Ich hätte gerade von einer SPD Regierung meiner Heimatstadt erwartet, dass sie alles daran setzt den bei uns Zuflucht suchenden Menschen eine sichere Bleibe und Zukunftsaussicht zu gewähren.

Es wäre gut, wenn die Freie und Hansestadt Hamburg alles dazu tun würde, damit sich die gegenwärtige Einwanderungspolitik gerade Sinti und Roma gegenüber positiv in Sinne des Humanismus ändert.

Ist Ihnen nicht auch schon einmal aufgefallen, wie untrennbar gerade dieser Stadtteil mit dem Schicksal jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Hamburg verbunden ist? Schauen Sie sich um, in diesen schönen, ehrwürdigen Altbauten haben sehr viele jüdische Hamburgerinnen und Hamburger gelebt, eine Vielzahl von Stolpersteinen im gesamten Viertel zeugt von ihrem Schicksal. Hier waren mehrere Synagogen außer dieser, hier war die inzwischen wieder eröffnete Talmud Thora Schule, hier ist auch die Universität, die viele jüdische Wissenschaftler ausschloss. …

Nach der schon erwähnten polizeilichen Räumung des Klinkerwerkes im Konzentrationslager Neuengamme von einer großen Gruppe gegen ihre anstehende Abschiebung protestierender Roma im Oktober 1989 wurden diese von der Friedenskirche in Hamburg Altona aufgenommen, wo sie, d.h. ungefähr 150 Menschen, für mehrere Wochen im Gemeindesaal wohnten.

Im Namen des VeranstalterInnenkreises bedanke ich mich bei allen Anwesenden, Rednerinnen und Rednern, Besucherinnen und Besuchern, für diese gemeinsam im Zeichen von Humanismus und Antifaschismus verbrachten Stunden. Ich bedanke mich bei den Schülerinnen und Schülern der Schule Altrahlstedt für die Herrichtung dieses JCPes vor der Kundgebung. Der Jahrestag der Pogrome mahnt uns, weiter unbeirrt für die historische Losung “Nie wieder” einzutreten. Noch gibt es Zeitzeugen, die ihre Erinnerungen und Erfahrungen an die systematische Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen an Jüngere weitergeben können. Doch ihre Zahl sinkt mit jedem Jahr. Seit langem legen auch nachgeborene Antifaschistinnen und Antifaschisten Zeugnis ab von den Verbrechen, die der deutsche Faschismus verübte. Dabei geht es auch um politische Zeichen: Antisemitismus, Rassismus und Neofaschismus dürfen in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Bleiberecht für alle von Abschiebung bedrohten Roma …

helMUTh hÜBENer. So schreibt sich der Name der Stadtteilschule in Hamburg-Barmbek neuerdings

geschrieben von Ulrich Sander

26. Oktober 2011

Ich gratuliere Ihnen und Euch sehr herzlich zur neuen Namensgebung der Schule am Benzenbergweg.Als ich zum ersten Mal von Helmuth Hübener hörte, war ich so alt wie er war, als er begann, seine Flugblätter zu schreiben. Also 16 Jahre, so alt wie viele von Euch Schülerinnen und Schülern.

Ich las das Todesurteil vom 11. August 1942 in einem Heft, das ein Mitstreiter meiner Lehrerin Lisa Niebank, die im Widerstand war, herausgegeben hat. Das Urteil hatte er, der Journalist Franz Ahrens, in den Wiedergutmachungsakten gefunden. Das Urteil hat mich sehr beeindruckt. Die Nazirichter schilderten darin sehr genau die große Widerstandsleistung und den Mut wie die Klugheit Helmuth Hübeners. Er war ein so gefährlicher Feind für sie, dass sie ihn zum Tode verurteilten. Er war mit 17 Jahren ihr jüngstes Opfer.

Wir haben dann in der Geschwister Scholl Jugend Hamburg, einer Jugendgruppe von Kindern von NS-Verfolgten und Widerstandskämpfern, darüber gesprochen. 1960 bildeten wir eine Arbeitsgruppe, um Kurzbiographien junger Widerstandskämpfer zu verfassen. Ich übernahm es, über Helmuth Hübener zu schreiben. Es begann eine Spurensuche, die nun schon über fünfzig Jahre währt.

Ich habe Lehrer und Mitschüler, Geschwister und Mitkämpfer Hübeners interviewt, und fand zusammen mit Franz Ahrens Material über die Kontakte Hübeners zu jungen Arbeitern in Altona, die aus kommunistischen Familien kamen. Als diese sämtlich in die Wehrmacht eingezogen worden waren, machte Hübener allein weiter: Er hörte Auslandssender ab. Bald ging er einen Schritt weiter, er verbreitete die Nachrichten schriftlich mit vielen Dur´chschlägen.

Ich schrieb namens unserer Jugendgruppe Briefe an viele Leute und Institutionen, von denen wir uns Hilfe erhofften: „Wir sind der Ansicht, daß Hübeners Tat gegen Krieg und Faschismus sicher genauso bemerkenswert ist, wie die der `Weißen Rose‘. Wie die Münchener Studenten fand auch er, der 17jährige Hamburger Junge, der anfangs selbst begeistert in der HJ mitmachte, zu den Idealen der Menschlichkeit und verteidigte diese inmitten einer Welt der Gewalt und des Krieges. Sein Handeln ist heute fast vergessen. Keine Straße wurde nach ihm benannt, kein Stein wurde ihm gesetzt, kein Buch für ihn geschrieben. Was in unseren Kräften steht, wollen wir tun, damit der Mantel des Vergessens sich nicht ganz über ihn und jene Zeit ausbreitet, damit der heutigen Jugend ein Vorbild erhalten bleibt, welches endlich den Weg weist zu einer Zukunft des Friedens und der Menschlichkeit. Bitte helfen Sie uns dabei.“ Soweit unser Brief.

Manche halfen und manche auch nicht, eher nicht. Und das Buch wurde geschrieben, zwei Straßen in Hamburg nach ihm benannt. Und nun diese Schule! Und dies Lesebuch! (Es erscheint im Dezember mit einem Abschnitt über „Widerstand“ und „Hübener“ in der Reihe doppel-klick bei Cornelsen)

Damals las ich die „Reportage unterm Strang geschrieben“ von Julius Fucik, dem Prager Journalisten und Widerstandskämpfer, den die Nazis – wie Helmuth – in Plötzensee ermordeten. In seiner insgeheim in Gestapohaft geschriebenen Reportage heißt es an einer Stelle: „Die ihr diese Zeit überlebt, vergeßt nicht. Vergeßt die Guten nicht und nicht die Schlechten. Sammelt geduldig die Zeugnisse über die Gefallenen. Ich möchte, daß man weiß, daß es keine namenlosen Helden gegeben hat. Sucht euch wenigstens einen von ihnen aus und seid stolz auf ihn.“ Ich suchte mir Helmuth Hübener als einen solchen Menschen aus. Und nun habt Ihr es auch getan.

Drei lange Jahre dauerte es, bis ich Helmuths Akten kennenlernen durfte. Die Behörden in Hamburg und in Berlin/West, wo die Akten lagerten, weigerten sich zu helfen. Es war die Zeit, da hohe Nazis noch in allen Ämtern saßen. Da war man nicht daran interessiert, dass Namen bekannt würden – nicht von Opfern, schon gar nicht von Tätern. Einen Teil der Akten besorgte das Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer aus Beständen der DDR. In Hamburg aber redeten die Behörden sich darauf raus, daß die Geschwister Scholl Jugend nicht „anerkannt“ sei. Ein Amtsrat Bugdahn vom Personalamt des Hamburger sagte mir, die dortige Hübener-Akte sei „top secret“. Die Behandlung unserer Jugendgruppe als „extremistisch“, löste den Protest des Vaters der Geschwister Scholl, Oberbürgermeister i.R. Robert Scholl, aus. Dieses Vorgehen, so schrieb er uns, „zeigt, daß die restaurativen Kräfte aus dem Dritten Reich sich wieder überall regen dürfen und salonfähig geworden sind. Desto wichtiger ist es, daß Sie die Jugend … darüber aufklären, was heute schon wieder gespielt wird und sie dabei zu selbständigem, kritischem Denken erziehen.“

Ich gab nicht auf, beschaffte mir Akteneinsicht. Aber das war schwierig. Es war nicht erwünscht. Das was uns viele Ältere und viele aus Helmuths Generation immer wieder sagten: Man konnte nichts wissen und nichts tun! das wurde von Helmuth und seinen Freunden widerlegt. Allerdings zeigte ihr Schicksal auch, welche Gefahr jenen drohte, die sich wehrten. Deshalb ist für uns eine Lehre aus jener Zeit auch immer gewesen: Es gilt, sich rechtzeitig gegen alte und neue Nazis, gegen die Beseitigung der Demokratie zu wehren, damit das sich Wehren nie mehr lebensgefährlich.

Helmuth Hübener ist sehr aktuell. Er hatte in Flugblättern gewarnt: „Zu Tausenden wird Hitler Eure Frauen und Kinder zu Witwen und Waisen machen, und der von Hitler begonnene Bomberkrieg wird unzähligen Deutschen das Leben kosten.“ Die da Hübeners Flugblätter 1941 und 1942 bei der Polizei abgaben und ihre Nachbarn verdächtigten, sie geschrieben zu haben, sie lebten zumeist 1943 nicht mehr. 35.000 Menschen aus Hamm, Hammerbroock und Rothenburgsort starben in einer Nacht ein knappes Jahr nachdem das Urteil gegen Hübener vollstreckt worden war. Wenn wir heute durch diese Stadtteile gehen,

finden wir an fast jedem Haus die Tafel „Zerstört 1943, wiederaufgebaut 195..“ Auf mich wirken diese zahllosen Tafeln wie ein einziges großes Antikriegsdenkmal. Die Summe dieser Tafeln bestätigt die Warnung Hübeners.

Eine weitere Mahnung von Helmuth Hübener ist heute aktuell: „Wenn alles sich rührt, haben die Nazis auskalkuliert,“ heißt es einem Gedicht von ihm, das eben auch vorgetragen wurde. Daher meine ich, es gilt sich gegen neuen Ungeist, neue Nazis, neuen Rassismus, neue Kriege zu rühren. Damit nie wieder ein so großer Mut zum sich Wehren notwendig wird, wie zu Helmuth Hübeners Zeiten, muß jetzt gehandelt werden. In seinem Sinne müssen wir wachsam sein.

Hans Frankenthal-Preisverleihung 2011

geschrieben von Antje Kosemund

19. Oktober 2011

Wir dokumentieren hier die Laudatio für die Fangruppe Ultra St. Pauli

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

Liebe Preisträger des diesjährigen „Hans-Frankenthal-Preises!

In Kürze bin ich 83 Jahre alt, ausgerechnet mich hat man gebeten, die Laudatio für die Fangruppe Ultra St. Pauli zu halten. Diese Gruppe ehren wir heute mit dem „Hans-Frankenthal-Preis“ für ihre Initiative, einen Zusammenschluss von Fangruppen mehrerer Fußballvereine zu gründen.

Bei Fußball denke ich an Lärm, an Menschen deren Sprechchöre meist nicht zu verstehen sind. Ich sehe alkoholisierte und grölende Männerhorden vor mir, Männer die Bier trinken, Fäuste recken und heftig diskutieren.

Vor zwei oder drei Jahren war es, da zeigte sich mir ein völlig anderes Bild, als ich die Einladung zu einem Antifaschistischen Fußballturnier erhielt, eine Einladung von der Gruppe Ultra St. Pauli, die mir bis dahin unbekannt war. Auf dem Sportplatz in Schnelsen tummelten sich junge Menschen.

Jungen und Mädchen, Teenager im Alter von zehn bis zwanzig Jahren spielten auf mehreren Feldern Fußball. Es herrschte eine fröhliche, entspannte und solidarische Stimmung, die sich in vielen Sprachen äußerte. Überall hingen Transparente, auf denen in verschiedenen Sprachen Inschriften mit Antifaschisten, Antirassistischen Inhalten zu lesen waren. Es war das Gegenteil von dem, was uns die Fernsehbilder oft von Spielen der Bundesliga zeigen.

Seit Jahren war in den Fußballstadien eine Veränderung zu spüren, was dazu führte, dass Spieler mit dunkler Hautfarbe beschimpft und beleidigt wurden. Spieler, die aus irgendeinem Grund unbeliebt waren wurden als „Schwule, als Juden „ angepöbelt. Neofaschistische Gruppen versuchten, in Fangruppen ihre menschenverachtenden, rassistischen Ideen zu verbreiten.

Diesen Tendenzen, aber auch der Gewaltbereitschaft der Neonazis, gegen Migrant /innen, Homosexuelle, gegen Antifa- oder andere Fangruppen musste unbedingt Widerstand entgegen gesetzt werden.

Soweit es mir bekannt ist, waren es die St. Pauli Fans und ihre Freunde, die damit den Anfang machten, sie stellten Aufkleber und Buttons mit antifaschistischen Sprüchen her, die sie verkauften oder weitergaben und lenkten damit die Aufmerksamkeit auf das üble Treiben der Rechten.

Überall in der Stadt sah man plötzlich Aufkleber, die besagten: „Wir Fußballfans sind gegen Nazis.“

Der Gruppe Ultra St. Pauli ist es gelungen in wenigen Jahren Fangruppen aus vielen europäischen Ländern zusammen zu führen, deren Anspruch über den Spaß am Fußballspiel weit hinausgeht. Die Mitglieder dieser Fangruppen stehen in Gegnerschaft zu denen, die versuchen, mit rassistischen, menschenverachtenden Parolen, andere Menschen zu gewinnen und zu überzeugen. Darüber hinaus ist Ultra St. Pauli bemüht, die Mitglieder der Fangruppen in ihrer antifaschistischen Haltung durch politische und historische Bildungsarbeit zu stärken und zu unterstützen.

Die Idee der Antifaschistischen Turniere finde ich großartig! Hier steht die Begegnung der Menschen und deren Freundschaft im Vordergrund .

Hier wird Kindern und Jugendlichen ein Raum gegeben, in dem sie erleben, wie Fußball ohne Gewalt gegen andere Fans, ohne Stimmungsmache gegen Linke, gegen Migrant/innen, Homosexuelle und Andersdenkende Spaß machen kann. Und sogar sehr viel Spaß!!!

Im Jahre 2007 wurde im Rahmen des Antirassistischem Fußballturniers das Alerta-Netzwerk gegründet, ein Zusammenschluss dem mittlerweile fünfzehn Fangruppen aus Europa und aus Israel angehören. Das Netzwerk hält den Kontakt zwischen den Gruppen und ihnen die Möglichkeit zu gemeinsamen Aktionen.

Das Netzwerk wichtig geworden, weil politisch engagierte junge Menschen die Notwendigkeit gesehen haben, der Stimmungsmache gegen Linke, gegen Migrant/innen, Homosexuelle und Andersdenkende entschieden entgegen zu treten.

Damit haben diese jungen Menschen die Aufgabe übernommen, die von Politik und zuständigen Behörden nicht oder nur unzureichend wahrgenommen wird, nämlich den neofaschistischen Tendenzen eine energische Abfuhr zu erteilen.

Ultra St. Pauli ist maßgeblich an dem Aufbau und an der Organisation des Alerta-Netzwerks beteiligt, des Weiteren plant Ultra St. Pauli eine Homepage des Alerta-Netzwerks zu erstellen, um neben anderen Möglichkeiten, für neue Interessierte einen Zugang zu den anderen Mitgliedergruppen zu schaffen.

Zitat aus der Beurteilung zur Gruppe Ultra St. Pauli: zur Begründung des Stiftungsrates der Preisvergabe an USP folgendes Zitat:

Seit fast zehn Jahren engagieren sich Ultra St. Pauli, aber auch andere Gruppen des Netzwerks in ihren Stadien antifaschistisch und antirassistisch. Das Netzwerk selber hat mit fast fünfjähriger Arbeit Kontinuität bewiesen. Gerade in Umfeld von Fußballspielen sind viele, vor allem jüngere Menschen anzutreffen, die durch herkömmliche antifaschistische Öffentlichkeitsarbeit nicht erreicht werden. Mit der Vergabe des Hans-Frankenthal-Preises an Ultra St. Pauli für ihre Arbeit im Alerta-Netzwerk wird eine Gruppe unterstützt von der zu erwarten ist, dass auch in Zukunft Antifaschismus, Antirassismus und Antisexismus einen festen Platz im Fußballstadion haben.

Wir freuen uns, dass wir euch den Hans-Frankenthal-Preis 2011 überreichen können!

Internationaler Gedenktag für die Opfer von Faschismus und Krieg

geschrieben von Georg Chodinski

10. September 2011

Am Sontag, dem 11. September 2011, trafen sich bei strahlenden Sonnenschein Kameradinnen und Kameraden im Ehrenhain der Hamburger Widerstandskämpfer 1933-1945 auf dem Ohlsdorfer Friedhof zu einer Gedenkveranstaltung. Im folgenden dokumentieren wir den Redebeitrag von Georg Chodinski, Landessprecher der VVN-BdA

Viele kamen an diesem zweiten Sonntag im September, doch einer fehlte in unserer Runde: Der Redner. Die Plastik, geschaffen von Richard Steffen, gibt 1968 dem damals neu gestalteten Ehrenhain ein Sinnbild, das uns im März dieses Jahres gestohlen wurde. Doch dank Anne Harden ist uns das Bild gegenwärtig geblieben. Sie fertigte eine kunstvolle Zeichnung an, die als Platzhalter am heutigen Gedenktag die verwaiste Stehle schmückt.

Der Redner verkörpert für die Widerstandskämpfer wichtige Werte. Er steht für Innere Festigkeit, Lauterkeit des Anliegens und die Übermittlung einer Botschaft;„Überzeugungsarbeit sei für den deutschen Widerstand charakteristisch gewesen“, hält Ursel Hochmuth in ihrer von uns geschätzten Dokumentation „Niemand und nichts wird vergessen“ fest. Das sind Werte, in deren Tradition die VVN-BdA auch heute steht.

„Einer Tradition treu zu sein, bedeutet, der Flamme treu zu sein und nicht der Asche“. Diese Worte hat uns der Kriegsgegner Jean Jaurès hinterlassen. Der Gedenktag am zweiten Sonntag im September hat eine lange Tradition. Gleich am 9. September 1945 fand in Berlin eine große Demonstration und Versammlung statt, mit der die Überlebenden voller Trauer und Wut dem Tod und Leid ihrer Angehöriger, Freund und Mitkämpfer erstmalig gedachten.

Und heute 66 Jahre nach dem Ende des Naziregimes? Der Schwur von Buchenwald ist nach wie vor nicht erfüllt. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln, wir sind weit entfernt davon. Deshalb lautet unser Auftrag nach wie vor „die Flamme am Brennen halten“.

Wozu mahnen uns die im Ehrenhain begrabenen Opfer? Stellvertretend dafür soll hier Fiete Schulze zu Wort kommen. Er schreibt am 12. Mai 1935 den Tod vor Augen an sein „Schwesterlein“: „Dank für Deine Zeilen. Warum aber so kleinmütig? Du haderst mit den Verhältnissen, die Dir den Bruder nehmen. Warum willst Du nicht verstehen, dass ich dafür sterbe, dass viele nicht mehr einen frühen und gewaltsamen Tod zu sterben brauchen? Noch ist es nicht so, doch hilft mein Leben und Sterben es bessern. Es kann und darf nicht Eure Aufgabe sein, mein Sterben zu bejammern, denn nur dann – wenn Ihr es bejammert – ist es nutzlos und verfehlt. Voll erfüllt es seinen Zweck, wenn Ihr es ganz verstehen lernt. Darin kann sich all Eure Liebe und Achtung zu mir zeigen: im Verstehen und Bemühen, gleich mir zu denken und zu handeln.“

Was können uns heute am 11. September 2011 die Worte von Fiete Schulze bedeuten? Der 11. September mahnt uns in vielerlei Hinsicht.

Sicherlich sehen wir da die Toten von New York, aber noch mehr die Opfer, die Folter und Mord in den Kriegen gegen die Menschen im Irak und Afghanistan brachte.

Der 11. September ist aber auch der Tag, an dem das Militär in Chile putschte und der Todestag Salvador Allendes. An diesem Tag wurden eine Demokratie und die Freiheit der Menschen vernichtet. Stattdessen zog Angst, Folter und Mord ein.

Und wie steht‘s im inneren unserer Republik? Die NPD ist nach wie vor nicht verboten und wurde am 4. September in Mecklenburg-Vorpommer erneut in den Landtag und in die Kreistage gewählt. In manchem Orte mit mehr als 30 % der abgegebenen Stimmen.

Es sprießen neue nationalistische Parteien wie Pilze aus dem Boden, deren Meinungsbild nett mit Rechtspopulismus umschrieben wird, sei es Pro Deutschland, Die Freiheit oder Pro Köln.

Die demokratischen Freiheitsrechte werden in dieser Republik immer mehr beschränkt. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Flüchtlinge werden außer Landes transportiert, egal was sie in der Zielregion erwartet.

Kurz: Die Biedermänner haben weiterhin Saison und es werden wieder oder immer noch sehr freiwillig Streichhölzer ausgeteilt.

Und doch, da regt sich auch anderes. Kurz vor der Wahl Mecklenburg-Vorpommern ließ z. B. Hotelier Plakate gegen NPD drucken „Wählt keine Nazis“.

Demonstrationen und Aktionen gegen Naziaufmärsche, wie in Dresden oder Wunsiedel werden erfolgreicher. Es wird oft verhindert, dass öffentliche Räume der NPD oder anderen rechtspopulistischer zur Verfügung stehen. Und trotz des Wahlergebnisses in Mecklenburg Vorpommern, in vielen anderen Wahlen dieses Jahres blieb die NPD erfolglos.

Und vielleicht macht es uns ja Mut. Die Parteien des Berliner Abgeordnetenhauses haben im Juni 2011 einen „Berliner Konsens“ vereinbart. Sie erklärten: „Im Wahlkampf werden wir gemeinsam Rassismus, Populismus und Rechtsextremismus die Rote Karte zeigen und gegen die diskriminierenden Positionen rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien Stellung beziehen.“

Ob Fiete Schulzes das gefallen hätte, weiß ich nicht, aber gereicht hätte es Ihm wohl nicht.

Was fehlt, ist mehr konkretes Handeln. Dazu gehört natürlich ein Verbot der NPD. Auch hätte es der am „Berliner Konsens“ beteiligten SPD gut zu Gesicht gestanden, sich zu trauen, einen Sarazin aus der Partei auszuschließen oder seine Spende in Höhe von 5.000,00 € zurückzugeben.

Doch damit ist es nicht getan, vor allem nicht so einfach. Die Bürgermeisterin aus dem Ort Koblentz in Mecklenburg Vorpommern, in dem die Rechtsextremen über 30 % Stimmenanteil erhielten, sieht viele andere Ursachen: Zu wenige ausreichende oder gar gerechte Einkommen; keine an den Bedürfnissen der Menschen hinreichend ausgerichtet Infrastruktur, wenig Kulturangebote und, und..

Vor allem, die Politiker des Landes bleiben unsichtbar, kümmern sich nicht persönlich spürbar. Die Menschen werden allein gelassen mit ihren Problemen und damit den „netten brauen“ Nachbarn überlassen.

Wilma Giffey berichtet über Fiete Schulze, ihren Vater: „Seine Parole war: Nicht schlagen, überzeugen! Meint Ihr, das wäre schon ein Klassenfeind, weil er die SA-Jacke angezogen hat? Nein Genossen, in diesem Jungen kann ein prachtvoller, ehrlicher Revolutionär stecken. Er weiß nur nichts von der Welt. Man hat ihn auf einen falschen Weg gelockt. Ihr wisst Bescheid! Bringt ihn auf den richtigen! Das ist Heldentum! Schießen ist keins.“ Also halten wir die Flamme am Brennen, so wie es an der Mauer des Ehrenhains von Julius Fucik geschrieben steht:

„Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid Wachsam!“

Wir erinnern heute an den 1.September 1939

geschrieben von Steffi Wittenberg

31. August 2011

Rede von Steffi Wittenberg zum Anti-Kriegstag in Hamburg am 1. September 2011 (es gilt das gesprochene Wort)

Wir erinnern heute an den 1.September 1939, den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Ich war 13 Jahre alt, lebte mit meiner Mutter noch in Hamburg, während mein Vater und mein Bruder aufgrund der Verfolgung der Juden bereits vor fast einem Jahr nach Montevideo, Uruguay geflohen waren. Unsere für Dezember 1938 geplante Ausfahrt war geplatzt, weil die urugu¬ayische Regierung unsere Einreisevisa für ungültig erklärt hatte. Wir waren also am 1. September 39 noch in Hamburg und erfuhren vom Überfall auf Polen. Meine Mutter war entsetzt und meinte, jetzt kommen wir nicht mehr aus Deutschland heraus, wir Juden werden alle umgebracht. Ich tröstete sie, aber in mein Tagebuch hatte ich eingetragen: „Heute hat der Führer die Wehrmacht zu den Waffen gerufen, ausgerechnet an Tante Gretes Geburtstag.“ Natürlich war mir die Tragweite des Krieges bewusst, aber den Geburtstag meiner Lieblingstante hätte ich doch allzu gern gefeiert. Schon am 30. Januar 1933, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, befürchtete meine Mutter, dass die Juden alle ermordet würden. Wir hatten gerade noch rechtzeitig Glück: Ende Dezember 1939 konnten wir mit einem gültigen Visum nach Uruguay ausreisen. In Europa nahm der Blitzkrieg seinen Verlauf und forderte viele Menschenleben: In Polen, Holland, Belgien, Dänemark, Frankreich und ganz besonders wüteten die Faschisten in den Städten und Dörfern der Sowjetunion. Es wurde ein Krieg der verbrannten Erde,, als dann vor 70 Jahren am 22. Juni 1941 die deutsche Wehrmacht ihren Rußlandfeldzug begann. Seitdem gehörte auch die Sowjetunion zu den alliierten Streitkräften, die den Hitlerfaschismus bekämpften.

In Uruguay lasen wir die Kriegsberichte aus der Sicht der Alliierten in den Zeitungen und sahen englische, amerikanische und auch sowjetische Wochenschauen über die Gräueltaten der Invasoren. Kurt Wittenberg, jüdischer Exilant aus Ostpreußen, mit dem ich nun schon 63 Jahre verheiratet bin, war in Uruguay aktiv im Deutschen Antifaschistischen Komitee, das sich später der Bewegung Freies Deutschland anschloss. Freunde und Freundinnen des Komitees sammelten Gelder, strickten Wollhandschuhe, die für die Rote Armee bestimmt waren.

Für jeden historisch Denkenden bleibt es die Frage aller Fragen. Wie kam es, dass ein zivilisiertes fortgeschrittenes Volk wie das deutsche, etwas so Barbarisches wie die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung von Juden hinnehmen und ins Werk setzen konnte? Wie kam es zum industriellen Massenmord von 6 Millionen Juden, von 500.000 Sinti und Roma, wie kam es zur Euthanasie, zum Mord und Verfolgung von Christen, Sozialisten, Gewerkschaftern, Zeugen Jehovas, von Andersdenkenden,und zur Akzeptanz der Rassenideologie? Wieso gab es für die deutschen Verbrechen so viele Kollaborateure in den zahlreichen besetzten Ländern, aus den verschiedenen Nationen? Der in der Illegalität kämpfende Opposition, bestehend aus Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und auch Juden gelang leider keine Wende, nein, wie erwähnt, sie wurden selbst Opfer. Stellvertretend nenne ich hier den 17jährigen Hamburger Verwal-tungslehrling Helmuth Hübener, der parteilos, aus einem Arbeiter-elternhaus stammend, 1941 durch einen englischen Radiosender die Grausamkeiten des Rußlandfeldzuges mitbekam. Er tippte auf der Schreibmaschine mit Durchschlägen Flugblätter gegen den Krieg und verteilte sie mit Freunden. Er wurde 1942 von seinem Vorgesetzten entdeckt und verraten und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Am 27. Oktober 1942 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Seit wenigen Tagen trägt die Schule Benzenbergweg in Barmbek den Namen „Stadtteilschule Helmuth Hübener“.

Viele Nazianhänger in Deutschland hatten ihr Elend erst zum Kriegsende empfunden, als auf die eigenen Städte die Bomben der Alliierten fielen und als viele Deutsche aus deutschen oder auch besetzten Gebieten fliehen mussten, und als die eigene Versorgung knapp wurde. Selbst als schon zahlreiche deutsche Soldaten gefallen waren, gab es noch ein lautes JAA auf Goebbels Frage „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ . Der Schrecken und die Angst waren dann groß, als die Rote Armee deutschen Boden betrat und die deutsche Bevölkerung nicht gerade mit Samthandschuhen anfasste. Noch heute berührt es viele Deutsche nicht, was zuvor die Wehrmacht, die SS der sowjetischen Bevölkerung und vielen anderen Völkern angetan hat. Und wie viele Verbrechen deutscher NS-Täter ungesühnt geblieben sind und wie viele von ihnen wieder in wichtige Ämter berufen wurden. .(Heinz Reinefahrth, der „Schlächter von Warschau“, mitveranwortlich für den Tod von 15.000 Juden des Warschauer Ghettos, am Kriegsende SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, wurde von einem Hamburger Gericht mangels Beweisen freigelassen und war nach dem Krieg 15 Jahre (1951-1964) Bürgermeister von Westerland auf Sylt).

Ich lebe mit meinem Mann seit 1951 wieder in Deutschland – in Hamburg, meiner Heimatstadt. Als wir ankamen, haben uns ehemals Verfolgte – die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – geholfen uns wieder einzuleben. Wir wohnten zunächst bei einer Familie, deren Sohn in Rußland gefallen war. Als wir auszogen, eine eigene Wohnung bekamen, hatten wir einen kleinen Disput wegen der Miete. Eine gemeinsame Bekannte berichtete uns dann, dass die Familie sehr böse auf uns war und gesagt hatte: „Die Juden werden schon wieder frech“.

Wir erlebten die Wiederaufrüstung, den Kampf um die Stationierung der Pershing-Raketen, den Kalten Krieg, der die Welt praktisch an den Rand eines Atomkrieges brachte. Die VVN kümmerte sich nicht nur um die Entschädigung für die NS Verfolgten, Sie sah es als ihre wichtige Aufgabe an, den alten und neuen Nazis entgegenzutreten. Heute leben wir mit einer legalen NPD, Neonazis, die unter Polizeischutz ihre Kundgebungen realisieren und nur ab und zu aus taktischen Gründen auf einen anderen Platz ausweichen müssen,

Im Berliner Wahlkampf plakatierte die NPD jüngst groß in der Nähe des Holocaust Mahnmals und des jüdischen Museums den fatalen Slogan „Gas Geben“. woraufhin der Präsident des Zentralrats der Juden Dieter Graumann seine Forderung auf NPD Verbot erneuerte. Wir die VVN warten schon lange vergeblich darauf, dass diese Partei verboten wird. Wir leben in einer alles andere als friedlichen Welt: Deutsche Soldaten befinden sich und sterben auch schon in Afghanistan, Fregatten befinden sich am Horn von Afrika zur Observierung und Bekämpfung der Piratenschiffe, wir liefern U-Boote nach Israel, Panzer nach Saudiarabien, und allerlei Rüstungserzeug-nisse in Krisengebiete. Und jetzt tauchen in libyschen Waffenbeständen auch noch deutsche Gewehre auf.

Gebraucht werden aber Mittel, die den Hunger bekämpfen. Der Papst hat bei seinem Besuch Spanien einen wahren Satz gesagt, den ich doch gern wiederholen möchte: „Wir müssen umdenken in der Wirtschaft: der Mensch muss im Mittelpunkt stehen und nicht der Profit.“ Wir jammern um die Börse, um die Schuldenkrise und alle sollen sparen. Ich denke wir sollten bei der NATO anfangen, deren Bomben -etat nicht niedrig sein dürfte, sie will dadurch Zivilisten schützen, aber vor kurzem, einigen spärlichen Informationen zufolge, ist sie gekenterten libyschen Flüchtlingen nicht zu Hilfe geeilt.

Ich spreche mich aus geschichtlichen und humanitären Gründen vehement gegen Abschiebungen aus, an denen sich auch Hamburg beteiligt.. Und weil ich ein Fan von Multikulti bin: das macht unsere Stadt bunt und interessant. Wir können alle voneinander lernen und vielleicht einmal in Frieden ohne Angst vor materieller Not, ohne Rassismus und Antisemitismus, würdig und gebildet, in Lohn und Brot und klimageschützt miteinander leben.

Im Artikel I der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Diese Welt muss doch Wirklichkeit werden.

vermisst wird…

28. August 2011

Die Bronzefigur „Der Redner“ wurde vom Ehrenhain der Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten gestohlen.

Die Plastik wurde 1968 von dem Künstler Richard Steffen geschaffen und zeigt die Figur eines gehenden Mannes. Bis heute ist die Plastik nicht wieder gefunden worden. Deshalb! Wer was über den Verbleib oder die Umstände des Diebstahls berichten kann, den bitten wir die Friedhofsverwaltung, die VVN-BdA Hamburg oder die Polizei zu informieren .

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